SECHSTAGEKRIEG: Israels zweite Geburt

Tom Segev, Historiker und kritischer Analytiker der neueren israelischen Geschichte, spricht im Interview über den Sechstagekrieg, der den Nahen Osten bis heute nachhaltig veränderte. An einen nahenden Frieden glaubt er nicht.

Wolfgang Sotill
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Israelische motorisierte Verbände beim Durchqueren der Sinai-Halbinsel während des Sechstagekrieges. (Bild: Keystone)

Israelische motorisierte Verbände beim Durchqueren der Sinai-Halbinsel während des Sechstagekrieges. (Bild: Keystone)

Interview: Wolfgang Sotill

Tom Segev, Sie schreiben in Ihrem Buch «1967», dass sich Israel vor dem Sechstagekrieg in einer Art Depression befunden habe. Was hat man sich darunter vorzustellen?

In den Jahren 1965 und 1966 hatte es den Anschein, als würde der noch keine 20 Jahre alte Staat in sehr vielen Bereichen grosse Fortschritte machen. Es wurde mit der Knesset ein neues Parlament gebaut, in Tel Aviv und Beer Sheva wurden die ersten Hochbauten errichtet, es gab ein Weltraumprogramm, und bei einem internationalen Mathematikwettbewerb gewannen israelische Schüler. Im Sommer 1966 brach die Wirtschaft aber plötzlich ein. Dies hatte auch damit zu tun, dass die Reparationszahlungen aus Deutschland ausliefen. Die Arbeitslosigkeit stieg, und mehr Israelis verliessen das Land für immer, als Juden neu einwanderten. Die Stimmung war düster. In dieser Situation, in der die Identität unsicher und die Zukunft ungewiss war, kamen auch noch die Spannungen mit Ägypten.

Ägyptens Präsident Abdel Nasser sagte damals der UNO, sie solle ihre Truppen vom Sinai abziehen.

Richtig. Aber wir müssen bedenken: Im Kern war der Konflikt bereits damals ein israelisch-palästinensischer. Die Palästinenser haben damals in Israel mit ihrem Bombenterror begonnen, und Israel wusste nicht, wie es adäquat reagieren soll. So hat man Militäraktionen gegen jene Länder durchgeführt, aus denen die Terroristen gekommen waren: Jordanien und Syrien. Syrien hatte damals einen Beistandspakt mit Ägypten, und als Israel im Mai 1967 sechs syrische MiGs abgeschossen hatte, wollte Nasser demonstrieren, dass er hinter seinen Verbündeten steht, und verlangte von der UNO, dass diese ihre Soldaten aus Gaza zurückzieht, die dort seit der Suez-Krise von 1956 stationiert waren. Dieser geforderte Abzug konnte für Israel wiederum nur bedeuten, dass Nasser Krieg wollte.

Wie hat die Regierung in Israel reagiert?

Der dramatischste Augenblick ereignete sich in den ersten Juni-Tagen. Der damalige Regierungschef Levi Eshkol wollte sich in einer Radioansprache ans Volk wenden. Aus irgendeinem Grund liess er sich dazu überreden, die Rede live zu halten. Unmittelbar zuvor hatte Eshkol aber eine Operation am Auge gehabt, weswegen er den Text und die handschriftlichen Korrekturen seines Beraters nicht lesen konnte. Live auf Sendung sagte er in der Rede, auf die das ganze Volk vor den Radiogeräten gewartet hatte, mehrfach: «Was steht da geschrieben?» «Was soll ich sagen?» Es hörte sich wie Gestottere an.

War die Armee zu diesem Zeitpunkt bereits in Alarmbereitschaft?

Ja, es waren bereits 80 000 Männer eingezogen. Die Mütter und Frauen dieser 80 000 Soldaten sassen alle am Radio und hörten den Ministerpräsidenten stottern. Das war eine furchtbare Symbolik, die zudem bei den Menschen ganz reale Bedrohungsbilder erzeugte: Nasser hatte nämlich mehrfach angekündigt, Israel vernichten zu wollen. Wie massiv die dadurch provozierte Holocaust-Angst war, habe ich Briefen entnommen, die Israelis an ihre in den USA lebenden Verwandten oder Freunde in diesen Tagen schrieben. Der Grundtenor dort war: «Jetzt passiert es.» «Jetzt werden wir endgültig vernichtet.» Es hat in Israel sogar Rabbiner gegeben, die Fussballplätze und städtische Parkanlagen für Massengräber haben vorbereiten lassen.

Wie kam es aus der Angst, vernichtet zu werden, zum Krieg, bei dem Israel den ersten Schuss abgegeben hat?

Aufgrund des öffentlichen Drucks musste Eshkol, der auch Verteidigungsminister war, die Verantwortung für die Armee seinem innenpolitischen Gegenspieler Moshe Dayan übertragen. In diesem ­Augenblick wusste jeder: Das bedeutet Krieg. Dayan und andere hochrangige Militärs hatten der Regierung klar gesagt: «Wer als Erster anfängt, gewinnt. Wenn die Ägypter morgen Tel Aviv bombardieren, haben wir schon verloren.» Der Sieg beruhte auf einem Erstschlag, von dem Eshkol aber nichts wissen wollte. Er wartete auf grünes Licht aus den USA. Dieses kam zwar Tage später, aber bis dahin war die Stimmung in Israel schon extrem aufgeheizt. Eshkol wurde angeschrien, beinahe wäre es zum Militärputsch gekommen, aber der «Stotterer» erwies sich als starker Mann. Er wartete, bis Washington einem Krieg zustimmte. Am 5. Juni war es dann so weit.

Offenbar hatte Dayan mit seiner Theorie vom Erstschlag Recht.

Ja, der Krieg gegen Ägypten war in eineinhalb Stunden zu Ende. Es gab keinen Grund mehr, die Vernichtung zu fürchten. In der darauffolgenden kollektiven Euphorie kam der Gedanke auf, die Altstadt Jerusalems zu erobern. Dies wurde bei einer Regierungssitzung beschlossen, aus deren Protokoll hervorgeht, dass kein Minister, kein Militär die Frage gestellt hat, was es für Israel bedeutet, die Grabeskirche und die Moscheen – die Heiligtümer für Milliarden von gläubigen Christen und Muslimen – zu erobern. Der Beschluss wurde aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf heraus gefällt. Diesem Entscheidung lag das historische Trauma von 1948 zu Grunde, als man im Unabhängigkeitskrieg die Eroberung der Altstadt mit der Klagemauer nicht geschafft hatte. Mit der Eroberung der Altstadt Jerusalems beschlossen die damaligen Verantwortungsträger, dass es niemals Frieden geben wird. Denn niemand kann auf Jerusalem verzichten.

Das war ihnen damals aber vermutlich nicht klar.

Das hätte ihnen aber klar sein müssen. Noch sechs Monate vor dem Krieg, zum Zeitpunkt intensiver Spannungen mit Jordanien, gab es eine Sitzung, an der Geheimdienst, Armee und das Aussenministerium teilnahmen. Die Schlussfolgerung dieses Treffens war, dass es nicht im Interesse Israels sei, das Westjordanland zu erobern. Jerusalem wurde nicht einmal erwähnt. In den erfolgreichen Juni-Tagen, als es möglich schien, die Geschichte neu zu schreiben, waren alle plötzlich besessen von dem historischen Augenblick, der sich in dem Satz zusammenfassen lässt: Gestern waren wir fast vernichtet, heute sind wir die Sieger.

Wie stehen heute die Chancen eines Rückzugs Israels, der zu einer Zweistaatenlösung führen könnte?

Sechs von zehn Israelis sind nach dem Sechstagekrieg geboren oder waren kleine Kinder. Die grüne Linie (Anm. d. R.: Grenzlinie von 1948 bis 1967 zwischen Israel und dem Westjordanland) ist für sie ein historisches Kuriosum. Viele verstehen gar nicht, was sie bedeutet. Die grosse Mehrheit der Israelis glaubt heute auch nicht mehr an einen Frieden mit den Palästinensern. Das gilt aber umgekehrt auch für die Palästinenser.

Also eine Einstaatenlösung, in der die Mehrheit bestimmt?

Das geht gar nicht, denn hat irgendjemand einmal gefragt, ob die Palästinenser überhaupt mit uns in einem Staat leben wollen? Die Araber – das ist eine andere Gesellschaft, eine andere Religion mit anderen Grundwerten –, wie soll das funktionieren? Damit kommen wir noch einmal auf Ben Gurion, der bereits 1919 gesagt hat: «Es gibt kein Volk, das sein Land aufgibt. Und deswegen kann es auch nie eine Verständigung mit den Arabern geben.»

Also kein Friede in absehbarer Zeit?

Man kann diesen Konflikt im besten Fall managen, aber nicht lösen. Im schlechtesten Fall aber wird es zu einem fürchterlichen Krieg kommen.

Zur Person

Tom Segev (72) zählt zu den renommiertesten Historikern der Geschichte Israels. Sein 2007 auf Deutsch erschienenes Buch «1967» gilt als Standardwerk zum Sechstagekrieg.

Chronik des Sechstagekriegs

Der Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Ländern Ägypten, Jordanien und Syrien war der dritte arabisch-israelische Krieg und dauerte vom 5. bis 10. Juni 1967. Dem Krieg gingen intensive Spannungen Israels mit Ägypten sowie mit Jordanien voraus. Unmittelbare Auslöser waren die Sperrung der Strasse von Tiran für die israelische Schifffahrt durch Ägypten sowie der Aufmarsch ägyptischer Soldaten an den Grenzen Israels, nachdem der ägyptische Präsident Nasser den Abzug der UNO-Truppen vom Sinai erzwungen hatte. Israel reagierte am 5. Juni mit einem von den USA gestützten Präventivschlag gegen Ägypten. Am Ende des Sechstagekriegs standen der Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland sowie Ostjerusalem unter israelischer Kontrolle.

(red)