Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Von Armut zu Wohlstand in nur einer Generation: Sein Aufstieg ist Chinas Aufstieg

In seiner Kindheit hat Wu Cong in Armut gelebt. Binnen einer Generation hat er es zu Wohlstand geschafft – wie viele im Reich der Mitte.
Felix Lee, Peking

Wu Cong wiegelt bescheiden ab. «Es waren die gesellschaftlichen Umstände», sagt er. Er sei lediglich zur richtigen Zeit den richtigen Leuten begegnet. Als ein «Wunder» will er seinen Aufstieg vom Wanderarbeiter zum Millionär aber nicht verstanden wissen. Leute wie ihn gebe es in China doch viele, sagt er. Und doch schwingt in seinen Worten auch Stolz mit. «Na ja, ein bisschen Fleiss und Geschäftssinn gehören dann doch dazu», sagt er. Von «Qinlao» spricht er – das chinesische Wort für «hart arbeitend». Und doch klingt seine Geschichte wie genau das: ein Wunder.

Wu Cong ist mit Uhren reich geworden. Sehr reich. Anzumerken ist dies dem 43-Jährigen nicht. Er wirkt bescheiden – doch wer näher hinsieht, erkennt: Die schlichten Lederschuhe sind mit glänzenden Schnallen bestückt. Seine Uhr ist mit Brillanten versehen. Und auch sein dunkles Hemd und die eng geschnittene Hose sind von einer teuren Modemarke.

China ist das Land des Umbruchs. Die Welle der Veränderungen des spektakulären Wirtschaftswachstums der letzten 30 Jahre hat alle Winkel der Gesellschaft erfasst. Fast 90 Prozent der damals über eine Milliarde Chinesen galten Ende der Achtzigerjahre als arm und lebten nach der offiziellen Definition der Vereinten Nationen von unter einem US-Dollar am Tag.

«Reichtum verpflichtet auch.»
Wu Chong, chinesischer Unternehmer

Diese Armut hat die Volksrepublik heute vollends besiegt. Chinas Anteil an der Weltwirtschaft ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten von 6 auf 16 Prozent gestiegen. Das Land schafft einen Viertel des weltweiten Wachstums. Und mehr noch: Mehr als die Hälfte der chinesischen Bevölkerung ist in die Mittelschicht aufgestiegen. Wu gehört nun zur Oberschicht – und ist doch typisch für das, was diese Veränderungen mit den Menschen gemacht haben. Die Mischung an Charakterzügen, die sie hervorgebracht haben, entspricht doch allem anderen als dem Klischee.

Mehr Milliardäre in Peking als in New York

Wu erzählt, dass er noch am Nachmittag vom Büro zu seinen Eltern geeilt sei, um ihnen fürs Abendessen ein Gericht mit Reis zuzubereiten. Lohnabhängige könnten sich das sicherlich nicht nebenher so leisten. Doch bei Millionären würde man denken, sie würden dafür jemanden beauftragen. Nicht so Wu. «Sie mögen’s halt, wenn ich für sie koche.»

Der chinesische Unternehmer Wu Cong.

Der chinesische Unternehmer Wu Cong.

Es ist ein warmer Abend in Peking. Er sitzt im elften Stock eines klimatisierten Edelrestaurants im südwestlichen Teil der chinesischen Hauptstadt. Das Pekinger Finanzviertel mit einem im Bau befindlichen Hochhausturm von über 800 Metern Höhe ist von hier aus zu sehen. Der Wolkenkratzer steht kurz vor der Vollendung. Für das Gespräch hat Wu ein Separee angemietet mit Extrasitzecke und eigenem Koch. Etablissements wie diese gibt es in der chinesischen Hauptstadt mittlerweile viele. Schliesslich hat Peking vor zwei Jahren New York den Rang der Stadt mit den meisten Milliardären abgelaufen. Und Reiche mögen es diskret. Auf «Teppanyaki französischer Art» hat sich dieses Restaurant spezialisiert. Der Koch ist die ganze Zeit dabei, doch er versteht es ebenso meisterhaft, wegzuhören, wie er mit seinen Werkzeugen auf der heissen Platte hantiert.

Zur Vorspeise gibt es Sashimi, dazu rohen Seeigel, eine in Nordostasien besonders beliebte Spezialität. Dazu wird eine kräftig durchgezogene Rinderbrühe serviert. Auf einer heissen Edelstahlplatte brät der Koch zeitgleich die Gänseleberpastete kurz an und serviert sie in einer ausgehöhlten Eierschale. Anschliessend gibt es Hummer, Abalone und Wagyu – japanisches Rindfleisch, das wegen seiner Marmorierung und seines hohen Fettgehalts besonders zart auf der Zunge liegt. «Sie sind wahrlich der Beste hier», lobt Wu den jungen Koch. Der bedankt sich höflich.

Wu ist Uhrenhändler. Er besitzt 34 Geschäfte im ganzen Land, 9 weitere sollen in diesem und im nächsten Jahr neu eröffnen. Zudem ist er Vizevorsitzender des chinesischen Uhrenverbands. Mit letzterer Tätigkeit verdient er kein Geld, erhält dafür aber in der Branche jede Menge Anerkennung – und indirekt natürlich bessere Rahmenbedingungen fürs Uhrengeschäft in China. Er besass zwischenzeitlich einen Rolls-Royce, zwei seiner drei Kinder gehen auf teure internationale Privatschulen, der Jüngste ist noch im Kindergarten. Seine Tochter wird in Oxford studieren. Er hat seinen Eltern im teuren Peking Wohnungen gekauft, seinen beiden Brüdern ebenfalls. Und in seiner ländlichen Heimat Qiaotou in der südchinesischen Provinz Fujian besitzt er ein Chalet mit 18 Schlafzimmern – «damit die ganze Familie das chinesische Neujahrsfest gemeinsam feiern kann».

Dass Wu Cong überhaupt drei Kinder hat, ist ebenfalls seinem Reichtum zu verdanken. Bis vor zwei Jahren galt in China die Einkindpolitik. Wer ein zweites oder gar ein drittes Kind zur Welt brachte, musste hohe Strafen zahlen. Die Strafen zahlte Wu. Er und seine zwei Brüder waren zu einer Zeit auf die Welt gekommen, als die Einkindpolitik noch nicht eingeführt war. Hätte sie damals schon gegolten, hätte er keine zwei Brüder. Denn seine Eltern hätten sich die Strafe nicht leisten können.

Öffnung nach Maos Tod

Sie waren arm. Wie die meisten Chinesen damals. 90 Prozent der Bevölkerung lebten in den 1970er-Jahren auf dem Land und damit von wenig mehr, als sie selbst angebaut hatten. Als Wu 1975 zur Welt kam, ebbte die Kulturrevolution erst langsam ab. Sie brachte zehn Jahre bürgerkriegsähnliche Zustände und Chaos ins Riesenreich. Diktator Mao Tse-tung hatte sie zum eigenen Machterhalt angezettelt. Er war noch am Leben, aber in Peking regierte seine Frau mit ihren Freunden in seinem Namen: Chinas berühmt-berüchtigte Viererbande. Bauernfamilien wie die von Wu lebten von Süsskartoffeln und dem bisschen Gemüse, das sie auf den ihnen zugeteilten Parzellen angebaut hatten. «Reis war etwas ganz Besonderes», erinnert sich Wu an seine Kindheit.

Dann kam nach dem Tod Maos und dem Sturz dieser Viererbande, dem inneren Machtzirkel um Mao, Ende der 1970er-Jahre die Öffnung unter dem grossen Reformer Deng Xiaoping. Privatwirtschaft war in dem bis dahin orthodox kommunistisch geführtem Land plötzlich möglich. «Geht Geld verdienen!», lautete nun die Parole. Deng gestattete es seinen Bürgern, reich zu werden. Die einen zuerst, der Rest könne dann ja folgen. Und noch ein Satz, der das Land die nächsten Jahrzehnte prägen würde: «Es ist egal, ob die Katze schwarz oder weiss ist», sagte er. «Hauptsache, sie fängt Mäuse.» Offiziell hielt er am Kommunismus fest. De facto warf er mit diesem Satz jedoch jede Ideologie von Bord.

Die Region um die Küstenstadt Wenzhou galt vor Beginn der Reform- ära unter Deng als besonders arm. Vor der Stadt das Meer, gleich dahinter hohe Berge. Die Stadt war vom Rest des Landes nur schwer erreichbar. Der Boden gab für die Landwirtschaft nur wenig her. Umso umtriebiger waren die Menschen in Handel und Handwerk, sobald das System ihnen Aussenhandel erlaubte. Die ersten Privatbetriebe machten auf. «Wir Wenzhou-Leute sind bekannt für unseren Geschäftssinn», sagt Wu. «Uns gibt es heute in den Chinatowns auf der ganzen Welt.»

Chinas Uhrenindustrie war damals planwirtschaftlich organisiert. In der einen Region stellten die Betriebe die Uhrwerke her, in der anderen Region die Armbänder. In und um Wenzhou entstanden vor allem viele Betriebe zur Verarbeitung von Rindsleder. Wus Vater stieg in den Verkauf von Armbändern ein. Und das ging so: Er packte 200 Kilo Armbänder in zwei grosse Säcke, setzte sich in den Zug und fuhr damit nach Peking. Heute dauert die Fahrt mit dem Hochgeschwindigkeitszug etwa acht Stunden. Wus Vater brauchte damals für dieselbe Strecke noch mehrere Tage. In Peking stellte sich sein Vater an den Strassenrand und verkaufte die Armbänder, bis die Säcke leer waren. Dann machte er sich auf den Heimweg, um die nächste Fuhre nach Peking zu bringen.

Als Wu 14 Jahre alt war, begleitete er seinen Vater das erste Mal. Er half ihm in der Grossstadt beim Verkauf. Wenn es die Temperaturen zuliessen, übernachteten sie auf der Strasse. «Mein Vater hatte es am schwersten», sagt Wu. Denn der Verkauf war damals illegal. «Der Staat hat das durchaus verfolgt.» Immer wieder wurden Strassenhändler wie sein Vater vertrieben. Doch ebenso wie sein Vater liessen viele von ihnen nicht locker. Sie kamen immer wieder.

Wert der ersten Wohnung hat sich verzehnfacht

Als Wu 17 Jahre alt wurde, ging er seinen eigenen Weg und verkaufte Armbänder in Schanghai. Das Geschäft lief schlecht. Denn inzwischen hatte sich China noch weiter geöffnet. Die Leute kauften nun fertig hergestellte Uhren aus dem Ausland. Wu, der in seiner Kindheit nur kurz auf der Schule war, schrieb sich mit seinen ersten Ersparnissen in eine Wirtschaftsschule ein. Dort lernte er Buch- und Personalführung. Er wechselte die Branche und handelte mit Rohstoffen. Bald wickelte er routiniert Termingeschäfte ab. Mit 20 konnte er seine erste Wohnung in Schanghai kaufen, wenig später seinen ersten Audi. «Diese erste Wohnung habe ich immer noch», erzählt er heute. Das habe er sich zum Prinzip gemacht. Er behalte seine Wohnungen, in denen er einmal wohnte, bis er Geld benötigt. Er ist seit seinem ersten Immobilienkauf nicht mehr in finanzieller Notlage gewesen. Der Wert seiner ersten Wohnung in Schanghai hat sich seitdem mehr als verzehnfacht.

Blancpain, Breguet, IWC – diese edlen Marken würde es ohne Leute wie Wu in ihrer heutigen Form nicht mehr geben. Schweizer Luxusuhren hatten in den 1980er-Jahren und zu Beginn der 1990er-Jahren ein Problem. In Europa und den USA leisteten sich allenfalls Reiche eine Uhr für 20 000 Franken und aufwärts – und das vielleicht ein-, zweimal im Leben, für sich selbst, die Ehefrau und vielleicht noch den Sohn. Längst beherrschten die Japaner den Markt mit ihren günstigen Casios, Citizens und Seikos.

Schweizer Uhren als Statussymbol

Doch mit Chinas wirtschaftlichem Aufstieg entstand eine wohlhabende Mittelschicht. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung machte sie nur einen kleinen Anteil aus. In absoluten Zahlen aber wuchs sie rasant. Und dieser Mittelschicht war es wichtig, ihren jungen Wohlstand für alle sichtbar zu machen. Schweizer Luxusuhren wurden in China zum Statussymbol. Und da teure Uhren auch bei nützlichen Geschäftsverbindungen und korrumpierbaren Beamten gut ankamen, kauften reiche Chinesen diese teuren Accessoires nicht nur für sich oder ihre Angehörigen, sondern auch zum «Aufbau besserer Beziehungen». Das war auch die Chance für Wu. «Chinesische Konsumenten verlassen eine Luxusboutique gern mit vielen Tüten in der Hand», sagt er und lächelt verschmitzt. Genau auf diesen Zug sprang er auf. Er erwarb die Lizenz für den Verkauf einer Reihe von namhaften Schweizer Luxusuhren für den gesamten Nordosten Chinas. Das Geschäft boomte.

Aus den ersten Geschäften im Nordosten Chinas sind drei Dutzend im ganzen Land geworden, aus seinen ersten Immobilien ebenfalls eine ganze Reihe. Das sei nur möglich, weil er auf sein zuverlässiges Personal setzen könne, betont Wu. Die meisten seiner Angestellten, die zu Beginn dabei waren, sind es auch heute noch. Keine Selbstverständlichkeit in China. Die Regel in dem wachstumsverwöhnten Land ist vielmehr, dass alle paar Jahre der Arbeitgeber gewechselt wird. Ein höherer Lohn von ein paar hundert Yuan (100 Yuan entsprechen 15 Franken) genügen den meisten Chinesen als Grund zum Jobwechsel. Nur mit der allgemeinen Lohnsteigerung mitzuhalten, reiche nicht aus, sagt Wu. Man müsse mehr bieten. Er zählt auf: Weiterbildung, Aufstiegsmöglichkeiten, Dienstreisen etwa zu Uhrenausstellungen in der Schweiz – all das würde Anreize schaffen und die Arbeitszufriedenheit erhöhen.

«Doch Reichtum verpflichtet auch», sagt Wu. Und so bleibt sein Vermögen keineswegs nur in der eigenen Tasche oder in der seiner Familie. Für sein bis heute rückständiges Heimatdorf hat er vor ein paar Jahren eine Strasse mitfinanziert, später eine Brücke, zuletzt eine Sportanlage. Derzeit investiert er mit anderen reichen Bürgern seiner Region in ein Bürohochhaus. Die meisten von ihnen hätten wie Wu die Region verlassen. «Und trotzdem fühlen wir uns unserer Heimat noch immer eng verbunden.»

An Wunder glaubt Wu nicht, sondern eben an die Mischung aus «Qinlao», den gesellschaftlichen Umständen und der Pflege guter Beziehungen. Und Letztere wolle er auch mit seinem Heimatdorf fortsetzen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.