«Selfie-Staatschef» ist Favorit
Portugal hat die höchste Infektionsrate der Welt - ausgerechnet jetzt sollen die Menschen an die Wahlurnen

Präsidentenwahl im Coronahotspot: In keinem anderen Land schlägt die Pandemie derzeit so hart zu wie in Portugal. Die Abstimmung am Wochenende findet deshalb unter besonderen Voraussetzungen statt - und mit einem speziellen Favoriten.

Ralph Schulze aus Madrid
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Geht am Wochenende als Favorit in die Präsidentschaftswahl in Portugal: Amtsinhaber Marcelo Rebelo de Sousa.

Geht am Wochenende als Favorit in die Präsidentschaftswahl in Portugal: Amtsinhaber Marcelo Rebelo de Sousa.

Manuel De Almeida / Pool / EPA

Am liebsten umarmt er seine Mitmenschen und verteilt Wangenküsse. Denn die Portugiesen bräuchten «viel Zuneigung», sagt Portugals Staatschef Marcelo Rebelo de Sousa. Doch seine beste Waffe, die Bürgernähe, konnte er vor der Präsidentenwahl am Sonntag nicht benutzen. Denn Corona hat das südeuropäische Ferienland am Atlantik, in dem 10,3 Millionen Menschen leben, fest im Griff – und sogar noch stärker als die übrigen europäischen Länder.

Nach der Statistik der amerikanischen Johns Hopkins Universität hat Portugal derzeit die höchste Infektionsrate der Welt. Die 7-Tage-Häufigkeit kletterte auf über 750 Fälle pro 100'000 Einwohner. Doch die Wahl findet trotzdem statt. Eine Verschiebung hätte eine komplizierte Verfassungsänderung erfordert, erklärte Rebelo de Sousa den beunruhigten Bürgern.

Maske, Abstand und eigener Kugelschreiber

«Wählen ist sicher», steht auf Plakaten, die in der Hauptstadt Lissabon allerorten hängen. Die Bürger wurden aufgerufen, mit Maske, Sicherheitsabstand und eigenem Kugelschreiber ihr Kreuzchen in den Wahllokalen zu machen. Auch der Wahlkampf wurde durch Corona überschattet. Der 72-jährige Rebelo de Sousa musste vorübergehend wegen des Verdachts einer Infektion in Quarantäne. Und auch als er die letzten Tage wieder auf der Strasse um Stimmen werben konnte, musste er auf das vom ihm so geliebte Schulterklopfen verzichten.

Volksnaher Präsident: Marcelo Rebelo de Sousa fährt mit der damaligen Bundespräsidentin Doris Leuthard im Tram durch Portugals Hauptstadt Lissabon.

Volksnaher Präsident: Marcelo Rebelo de Sousa fährt mit der damaligen Bundespräsidentin Doris Leuthard im Tram durch Portugals Hauptstadt Lissabon.

Peter Klaunzer / KEYSTONE (Lissabon, 28. November 2017)

Wesentlich schaden wird dem «Selfie-Präsident», der sich ausgesprochen gerne zusammen mit Bürgern ablichten lässt, diese erzwungene Distanz vermutlich nicht. Der redegewandte Rechtsprofessor geht als Favorit ins Präsidentenrennen. Dem Staatschef, der in früheren Zeiten als begabter TV-Kommentator die Menschen begeisterte, wird ein Sieg mit mehr als 50 Prozent der Stimmen vorausgesagt. Schon vor fünf Jahren hatte er die absolute Mehrheit geholt.

Dass seine Volksnähe nur eine Masche sei, um Stimmen zu fangen, weist Rebelo de Sousa empört zurück: «Ich war schon immer so», sagt er. «Ich bin, wie ich bin.» Und er wolle seinen lockeren Lebensstil auch als Staatsoberhaupt nicht ändern. Dazu gehört, dass «Marcelo» öfter selbst im Supermarkt einkaufen geht. Seinen Wahlkampf eröffnete er ebenfalls ganz bürgernah: in einem populären Café neben dem Präsidentenpalast in Lissabon.

Der Präsident als Rettungsschwimmer

Doch seine Spontanität treibt zuweilen seine Leibwächter zur Verzweiflung: Etwa im vergangenen Sommer, als Rebelo de Sousa an der portugiesischen Algarveküste beobachtete, wie ein Kanu mit zwei Mädchen kenterte. Die beiden Jugendlichen wurden von der Strömung mitgerissen. Der sportliche Präsident, der gerade in Bermudas und Badelatschen unterwegs war und als guter Schwimmer gilt, stürzte sich sogleich ins Wasser und half den Mädchen, an Land zu kommen.

Die hemdsärmelige Art des konservativen Katholiken gefällt sogar dem sozialistischen Premier António Costa so gut, dass er unverblümt für eine zweite Amtszeit Rebelo de Sousas eintritt. Dabei gibt es unter den insgesamt sechs Herausforderern auch eine sozialistische Kandidatin – und zwar die frühere Europaabgeordnete Ana Gomes. Doch sie kandidiert als Aussenseiterin und hat weder die offizielle Unterstützung von Ministerpräsident Costa noch jene seiner Sozialistischen Partei (PS).

Der amtierende Staatspräsident trat schon als junger Mann in die grösste konservative Bewegung des Landes ein. Sie heisst in Portugal verwirrenderweise Sozialdemokratische Partei (PSD) und führt derzeit die Opposition an. Rebelo de Sousa war in den 1990er Jahren PSD-Parteichef. Nachdem er 2016 Staatsoberhaupt wurde, liess er aber die Parteimitgliedschaft ruhen.

Feldlazarette sollen überfüllte Spitäler entlasten

Der Sozialist Costa wie der Konservative Rebelo de Sousa gelten als Pragmatiker und verstehen sich als politische Brückenbauer. Das hilft bei der Versöhnung der Gesellschaft. Die beiden arbeiten auch bei der Bekämpfung der Coronapandemie eng zusammen. Doch dies bewahrte das Land nicht davor, zum schlimmsten europäischen Hotspot zu werden. Die Spitäler sind überfüllt. In mehreren Städten mussten Feldlazarette aufgebaut werden.

Deswegen verordnete Costa dem Land bereits vor einer Woche einen neuen harten Lockdown, zu dem – wie schon im Frühjahr – die «Bürgerpflicht» gehört, zu Hause zu bleiben. An diesem Freitag wurden zudem Schulen und Unis geschlossen. Nur für den Supermarkt, die Schule, die Arbeit, für Arztbesuche und einen kurzen Spaziergang dürfen die Portugiesen raus – und am Sonntag auch, um wählen zu gehen.