«Senkt die roten Fahnen!»

Am 1. Mai ist es in Frankreich um die Stimmen der Arbeiter gegangen. Die Unterstützung von Gewerkschaften für Hollande konterte Präsident Sarkozy mit der Aufforderung, die wahren Arbeiterinteressen zu vertreten.

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Manfred Rist, Paris

An seiner bisher grössten Wahlveranstaltung, an der in Paris über 100 000 Personen teilnahmen, hat Präsident Sarkozy die Gewerkschaften aufgefordert, ihre roten Fahnen zu senken, Frankreich zu dienen und die wahren Interessen der Arbeiter zu vertreten. Auf der Place du Trocadéro, sonst nicht gerade ein typischer Versammlungsort am Tag der Arbeit, blies Sarkozy zur letzten Abwehrschlacht gegen die drohende Wahlniederlage am Sonntag. Entgegen ihrem Anspruch habe die Linke in der Vergangenheit den Anliegen der Arbeiterschaft einen Bärendienst erwiesen. Von linken Ideologen, welche die Welt mit Tyranneien überzogen hätten, lasse er sich keine Lehren gefallen, rief Sarkozy der Menge zu. Die Welt bewege sich, Frankreich könne nicht rückwärtsgewandt bleiben. Für den Fall, dass er wiedergewählt wird, stellte der Präsident den Gewerkschaften neue Konsultationen und Mitsprache in Aussicht.

Vor entscheidendem TV-Duell

Auf der anderen Seite der Stadt bei der Bastille herrschte eine andere Stimmung. Hier marschierten, unter mehrheitlich roten Transparenten und Flaggen, rund 200 000 Personen. Die linken Politiker, unter ihnen Martine Aubry vom Parti socialiste (PS) und Jean-Luc Mélenchon vom Front de gauche, hielten sich zwar diskret am Schluss der Karawane auf. Aber sie waren doch dabei, und die Botschaft war denn auch eindeutig: Am 6. Mai stimmen Linke und Gewerkschaften für François Hollande. Schon zuvor hatte sich der Generalsekretär der Gewerkschaft CGT, Bernard Thibault, für den Kandidaten des PS ausgesprochen.

François Hollande, der in Umfragen klar vor Sarkozy liegt, hielt sich derweil für einen Tag aus dem Getümmel heraus. Der Tag der Arbeit gehöre den Arbeitern, nicht der Politik, liess er verlauten. Seine Aufmerksamkeit gilt derzeit ohnehin dem TV-Duell gegen Sarkozy, das auf Mittwochabend angesetzt ist. Dies wird die letzte Chance für Nicolas Sarkozy sein, das Steuer herumzureissen. Für Hollande, der einem ums politische Überleben kämpfenden Staatschef gegenüberstehen wird, handelt es sich dagegen um eine nicht minder wichtige Bewährungsprobe.

Kein Verlass auf FN-Wähler

Keiner der beiden kann sich auf die 6 bis 7 Millionen Stimmen der Anhänger des Front national (FN) verlassen. Die Chefin des FN, Marine Le Pen, sprach sich anlässlich des dritten Grossaufmarsches zum 1. Mai nämlich gegen beide Finalisten aus. Ihre Aufforderung, leere Stimmzettel einzulegen, überraschte zwar niemanden mehr. Aber ihre Fundamentalopposition schadet doch am ehesten Sarkozy. Denn ohne Zulauf aus dem Lager der Frontisten, deren Anliegen er sich im Wahlkampf so demonstrativ – aber wohl vergeblich – zu eigen gemacht hatte, kann er Hollande nicht überholen.

Noch einmal beschwor Sarkozy am Dienstag die Werte, die ihn vom linken Kandidaten abgrenzen und den FN-Wählern näherbringen sollen. Frankreich, sagte er, habe von seinen geistigen Vorvätern, unter ihnen de Gaulle, Werte und Erbschaften übernommen, auf die er nie verzichten werde. Zum Erbe gehöre die errungene deutsch-französische Freundschaft genauso wie christliche Wurzeln, von denen landesweit Kirchen und Kathedralen zeugten. Und vor dem Grossanlass auf der Place du Trocadéro bekräftigte er in einem Radiointerview ein klares Entgegenkommen an den FN: Ja, Frankreich habe zu viele Einwanderer.

In den letzten Tagen des französischen Wahlkampfs sind die Rollen vertauscht. Nicht Hollande, sondern Sarkozy wirkt heute wie der Herausforderer. Der einst so selbstsicher und als über allem stehend wirkende Staatschef muss punkten. Wie sehr er in der Defensive steckt, kommt auch im Vorwurf zum Ausdruck, er habe sich seine Wahl zum Staatschef 2007 mit Geldern des ehemaligen libyschen Diktators Ghadhafi finanzieren lassen. Sarkozy reichte zwar umgehend Klage gegen die betreffende Publikation ein. Aber der Vorwurf ist bezeichnend für den Wahlkampf. Sarkozy kämpft nicht nur um sein Amt, sondern auch um die Verlängerung seiner Immunität.