SERBIEN: «Das Leben muss weitergehen.» Aber wie?

Noch immer harren Leute, die vor zwei Wochen vor der Jahrhundertflut auf dem Balkan gerettet wurden, in Notunterkünften aus. Wir besuchten sie in ihrem temporären Zuhause – einem Stadion in Belgrad.

Aleksandra Mladenovic, Belgrad
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Die Hilfsgüter werden auf den Tribünen des Stadions Kombank-Arena in Belgrad zwischengelagert. (Bild: Zoran Mrdja)

Die Hilfsgüter werden auf den Tribünen des Stadions Kombank-Arena in Belgrad zwischengelagert. (Bild: Zoran Mrdja)

Die Aufräumarbeiten sind in vollem Gange. (Bild: Zoran Mrdja)
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Die Hilfsgüter in der Kombank Arena in Belgrad (Bild: Zoran Mrdja)
Dusan Vladisavljevic (68) bei der eingestürzten Mauer seines Hauses. (Bild: Zoran Mrdja)
Vesna Dencic, Psychologin der Belgrader Sozialarbeit mit Sasa Mitrovic (34) und Tochter Gabriela (1,5) draussen bei der Kombank Arena (Bild: Zoran Mrdja)
Milorad Mocelj (88) und Marijan Najdanovic (33) in der Kombank Arena (Bild: Zoran Mrdja)
Ein Supermarkt musste wegen des Hochwassers komplett ausgeräumt werden. Der Gestank vor dem Gebäude ist bestialisch. (Bild: Zoran Mrdja)
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Vesna Dencic, Psychologin der Belgrader Sozialarbeit draussen bei der Kombank Arena (Bild: Zoran Mrdja)
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Srdjan Kostic zeigt das kaputte Doppelbett, in dem vier seiner sechs Enkel übernachten müssen. (Bild: Zoran Mrdja)
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Grodanka Kostic - Grossmutter von sechs Enkeln weint aus Angst vor der Zukunft. Im Hintergrund Mitglieder der 11-köpfigen Familie. (Bild: Zoran Mrdja)
Die Schäden in Obrenovac sind kaum zu überblicken. (Bild: Zoran Mrdja)
Die Hilfsgüter werden auf den Tribünen des Stadions Kombank-Arena in Belgrad zwischengelagert. (Bild: Zoran Mrdja)
Sasa Antonic (54) trocknet Tücher und Teppiche. (Bild: Zoran Mrdja)
Evakuierte Kinder vergnügen sich vor einer Baracke. (Bild: Zoran Mrdja)
Evakuierte Kinder und Jugendliche vergnügen sich vor einer Baracke. (Bild: Zoran Mrdja)
Dragica Ivkovic, die seit 1995 (als sie während der Kroatienkriege fliehen musste) in der Barackensiedlung lebt. (Bild: Zoran Mrdja)
Bis am Montag (2. Juni) muss das Stadion von Flüchtlingen und Hilfsgütern geräumt sein - die Leute können zum Teil nach Hause oder werden in Notunterkünften untergebracht. (Bild: Zoran Mrdja)
Bojan Tanackovic räumt mit einem Boot auf. (Bild: Zoran Mrdja)
Sasa Antonic (54) trocknet Tücher. (Bild: Zoran Mrdja)
Bild: Zoran Mrdja
Bei den Aufräumarbeiten. (Bild: Zoran Mrdja)
Beim Aufräumen. (Bild: Zoran Mrdja)
Feuchte Bücher. (Bild: Zoran Mrdja)
Feuchte Bücher. (Bild: Zoran Mrdja)
Feuchte Bücher. (Bild: Zoran Mrdja)
Überall Schäden des Hochwassers. (Bild: Zoran Mrdja)
Das Wasser steht im serbischen Obrenovac noch immer hoch. (Bild: Zoran Mrdja)
Bojan Tanackovic, hinten, und Goran Popovic auf einem Boot in Obrenovac. (Bild: Zoran Mrdja)
Bojan Tanackovic, hinten, und Goran Popovic auf einem Boot in Obrenovac. (Bild: Zoran Mrdja)
Ein eingefallenes Dach. (Bild: Zoran Mrdja)
Die Schäden sind kaum zu überblicken. (Bild: Zoran Mrdja)
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Vom Wasser buchstäblich gezeichnete Gegenstände. (Bild: Zoran Mrdja)
Bojan Tanackovic, links, und Goran Popovic. (Bild: Zoran Mrdja)
Bojan Tanackovic mit einem Boot. (Bild: Zoran Mrdja)

Die Aufräumarbeiten sind in vollem Gange. (Bild: Zoran Mrdja)

«Sie haben mich gekidnappt», berichtet der 88-jährige Milorad Mocelj mit einem schelmischen Lächeln. In Finken habe er auf der Veranda gesessen und zugesehen, als das Wasser in seinem Garten anstieg. Er habe eigentlich gar nicht evakuiert werden wollen. «Im Nachhinein tut es mir aber nicht leid – hier hat es viele schöne Frauen, die ich mir anschauen kann», sagt der rüstige Rentner, der an Stöcken geht. «Kriegswunden aus dem Jahr 1940, die nun Probleme machen», erklärt er. Wie Hunderte andere sitzt auch er mehr als zwei Wochen nach Beginn der Jahrhundertflut noch immer in einer der Notunterkünfte fest – im Belgrader Stadion Kombank-Arena, um genau zu sein. Hier reiht sich Matratze an Matratze auf dem breiten Gang rund um das eigentliche Stadioninnere. Auf einigen schlafen Leute – alte, junge, und Kinder spielen mit den wenigen Spielsachen, die man ihnen hier zur Verfügung stellen konnte.

«Melden und Sachen packen»

Viele Betten sind leer. Kurz nach Beginn der Hochwasser waren hier rund 1360 Evakuierte untergebracht – nun sind es noch knapp 300. Vesna Dencic, Psychologin bei der städtischen Sozialarbeit, streift durch das Matratzenlager und ruft immer wieder mehrere Strassennamen aus. «Alle Leute, die da wohnen, müssen sich am Eingang melden und ihre Sachen packen.» Da in diesen Strassen die Strom- und Wasserversorgung wiederhergestellt ist und das Gelände desinfiziert wurde, können die Leute wieder heimkehren. Später am Tag wird sie ein Bus hier abholen. «Das Leben muss weitergehen», hat der serbische Premierminister Aleksandar Vucic in den letzten Tagen immer wieder vor den Medien wiederholt. Auch hier im Stadion, wo am 15. Juni Tom Jones auftreten soll und auf dessen Tribünen sich die gespendeten Kleider und Hygienemittel in Massen angehäuft hatten. Die Helfer sind mit Handschuhen und Mundschutz ausgerüstet damit beschäftigt, die Ware zu sortieren und in andere Sammelstellen zu transportieren. Bis heute soll hier alles leer sein.

Der 24-jährige Englisch-Student Vukasin Vukazic, einer der Helfer, kommt aufgewühlt dazugelaufen. «Schreiben Sie, dass es an Hygieneartikeln fehlt, dass die Frauen Slipeinlagen brauchen und dass sie die gespendeten Sachen – auch Unterwäsche – ungewaschen anziehen.» Marijan Najdanovic (33), der die Arbeit der Volontäre im Stadion für das Rote Kreuz koordiniert, pfeift ihn zurück: «Geh da weg und wieder an deine Arbeit.» Viele Helfer sollen bis zu 20 Stunden am Stück arbeiten – ohne Schlafpausen. «An einem Abend mussten wir intervenieren und die Helfer zwingen, aus dem Stadion rauszugehen, damit frisch ausgeruhte Leute die Nachtschicht übernehmen konnten», berichtet Najdanovic. Eine Portion Chaos à la Serbien darf halt auch hier nicht fehlen.

«Sachen, die Gott küssen könnte»

Zehntausende Freiwillige haben in den letzten zwei Wochen ihre Hilfe angeboten – vor allem Studenten, die hierfür von ihren Bildungsinstitutionen freigestellt wurden. «Ohne die Freiwilligen wäre das alles nicht möglich – sie erledigen 90 Prozent der Arbeit», sagt Najdanovic.

Auch mehrere Hotels in Belgrad hatten den Evakuierten auf eigene Kosten Zuflucht geboten. Im Hotel Slavija etwa haben sich noch bis vor einigen Tagen 400 Evakuierte aufgehalten, die inzwischen nach Hause geschickt oder umverteilt wurden. Darunter die elfköpfige Roma-Familie Kostic, die mittlerweile im Flüchtlingsaufnahmezentrum Krnjaca, ausserhalb von Belgrad, Zuschlupf gefunden hat – in einer ehemaligen Arbeiterbaracke. Dünne Wände, kaputte Fenster, schimmlige Gemeinschaftsbäder – die Baracken haben ihre Lebensdauer längst überschritten. «Besser, im Trockenen zu sein als im Schlamm», meint die schwangere 18-jährige Anita Demirovska, Mutter einer kleinen Tochter. «Die Kleine hat zwei Kilo abgenommen, seit wir aus dem Haus evakuiert wurden», erzählt sie weiter. Ihre 46-jährige Schwiegermutter Gordanka Kostic fängt zu weinen an und sagt: «Jetzt wollen sie uns hier auch wieder weghaben. Wo sollen wir nur hin mit meinen sechs Enkelkindern? Unser Haus ist komplett zerstört.» Insgesamt sind 33 Evakuierte im Baracken-Camp untergebracht. Daneben leben hier aber auch immer noch rund 170 Kriegsflüchtlinge. Die 75-jährige Dragica Ivkovic etwa, die 1995 aus dem kroatischen Sisak hierher geflohen ist. «Ich habe im Fernsehen gesehen, welche Sachen aus der Schweiz und aus anderen Ländern für die Flutopfer hierher geschickt werden – Sachen, die Gott küssen könnte.» Der Aufenthalt der Flüchtlinge hier wird vom UNHCR finanziert. Das Baracken-Camp sollte voraussichtlich in einem Jahr geschlossen werden. Für die Flüchtlinge werden nach und nach Sozialwohnungen bereitgestellt – doch die Warteliste ist lang. Dass die stämmige, kleine Grossmutter Dragica Ivkovic bald an die Reihe kommt, scheint nach fast 20 Jahren im Camp und der Jahrhundertflut unwahrscheinlich.

Hoch konzentrierte Herzlichkeit

Serbien mit all seinem Temperament, seinen Emotionen und Problemen, aber auch mit all seiner Herzlichkeit erlebt man in diesen Tagen in einer hoch konzentrierten Dosis. Marijan Najdanovic, der Koordinator der Helfer, hat einen mastigen Schokolade-Bananen-Keks-Kuchen in die Kombank-Arena mitgebracht. «Nehmt alle ein Stück, heute ist mein Familienfest», ruft er den Leuten zu. Wie jede serbisch-orthodoxe Familie feiert auch seine ein religiöses Fest zu Ehren ihres Familien-Schutzheiligen. Eine winzige, zierliche, alte Roma-Frau nimmt sich ein Stück, fasst den Helfer am Arm und sagt: «Gott soll dir Gesundheit geben und mindestens so viele Urenkel, wie ich habe.» Und das sind einige: 22, wie sie auf Nachfrage wissen lässt. Marijan lächelt, mit kleinen Tränchen in den Augen, und sagt: «Wie könnten einem die Leute hier, die alles verloren haben, nicht ans Herz wachsen?»

Hinweis

Die Berichterstattung aus Serbien ist dank freundlicher Zusammenarbeit mit der serbischen Tageszeitung «Politika» zu Stande gekommen.