SERBIEN: Mit Humor gegen das Leid ankämpfen

Über zwei Wochen nach Beginn der Jahrhundertflut auf dem Balkan sind die Leute in den betroffenen Gebieten von der Normalität immer noch weit entfernt. Ein Augenschein vor Ort.

Aleksandra Mladenovic, Obrenovac
Drucken
Teilen
In den überschwemmten Teilen der Stadt Obrenovac durchsucht Bojan Tanackovic mit einem Boot sein Haus. (Bild: Alle Bilder Petar Pavlovich)

In den überschwemmten Teilen der Stadt Obrenovac durchsucht Bojan Tanackovic mit einem Boot sein Haus. (Bild: Alle Bilder Petar Pavlovich)

Unter blauem Himmel weht der Wind die tiefroten Mohnblüten auf dem Rollfeld sanft hin und her. Der Blick aus dem Flugzeug auf dem Belgrader Flughafen lässt nicht im Ansatz darauf schliessen, wie dramatisch sich die Lage unweit von hier darstellt. Im Zentrum der serbischen Kleinstadt Obrenovac, die rund 30 Kilometer südlich von Belgrad liegt, ist das Wasser zwei Wochen nach Beginn der Jahrhundertflut auf dem Balkan zurückgegangen. Aber von Normalität ist man noch weit entfernt.

Die Aufräumarbeiten sind in vollem Gange. (Bild: Zoran Mrdja)
42 Bilder
Die Hilfsgüter in der Kombank Arena in Belgrad (Bild: Zoran Mrdja)
Dusan Vladisavljevic (68) bei der eingestürzten Mauer seines Hauses. (Bild: Zoran Mrdja)
Vesna Dencic, Psychologin der Belgrader Sozialarbeit mit Sasa Mitrovic (34) und Tochter Gabriela (1,5) draussen bei der Kombank Arena (Bild: Zoran Mrdja)
Milorad Mocelj (88) und Marijan Najdanovic (33) in der Kombank Arena (Bild: Zoran Mrdja)
Ein Supermarkt musste wegen des Hochwassers komplett ausgeräumt werden. Der Gestank vor dem Gebäude ist bestialisch. (Bild: Zoran Mrdja)
Bild: Zoran Mrdja
Bild: Zoran Mrdja
Bild: Zoran Mrdja
Vesna Dencic, Psychologin der Belgrader Sozialarbeit draussen bei der Kombank Arena (Bild: Zoran Mrdja)
Bild: Zoran Mrdja
Bild: Zoran Mrdja
Srdjan Kostic zeigt das kaputte Doppelbett, in dem vier seiner sechs Enkel übernachten müssen. (Bild: Zoran Mrdja)
Bild: Zoran Mrdja
Bild: Zoran Mrdja
Bild: Zoran Mrdja
Grodanka Kostic - Grossmutter von sechs Enkeln weint aus Angst vor der Zukunft. Im Hintergrund Mitglieder der 11-köpfigen Familie. (Bild: Zoran Mrdja)
Die Schäden in Obrenovac sind kaum zu überblicken. (Bild: Zoran Mrdja)
Die Hilfsgüter werden auf den Tribünen des Stadions Kombank-Arena in Belgrad zwischengelagert. (Bild: Zoran Mrdja)
Sasa Antonic (54) trocknet Tücher und Teppiche. (Bild: Zoran Mrdja)
Evakuierte Kinder vergnügen sich vor einer Baracke. (Bild: Zoran Mrdja)
Evakuierte Kinder und Jugendliche vergnügen sich vor einer Baracke. (Bild: Zoran Mrdja)
Dragica Ivkovic, die seit 1995 (als sie während der Kroatienkriege fliehen musste) in der Barackensiedlung lebt. (Bild: Zoran Mrdja)
Bis am Montag (2. Juni) muss das Stadion von Flüchtlingen und Hilfsgütern geräumt sein - die Leute können zum Teil nach Hause oder werden in Notunterkünften untergebracht. (Bild: Zoran Mrdja)
Bojan Tanackovic räumt mit einem Boot auf. (Bild: Zoran Mrdja)
Sasa Antonic (54) trocknet Tücher. (Bild: Zoran Mrdja)
Bild: Zoran Mrdja
Bei den Aufräumarbeiten. (Bild: Zoran Mrdja)
Beim Aufräumen. (Bild: Zoran Mrdja)
Feuchte Bücher. (Bild: Zoran Mrdja)
Feuchte Bücher. (Bild: Zoran Mrdja)
Feuchte Bücher. (Bild: Zoran Mrdja)
Überall Schäden des Hochwassers. (Bild: Zoran Mrdja)
Das Wasser steht im serbischen Obrenovac noch immer hoch. (Bild: Zoran Mrdja)
Bojan Tanackovic, hinten, und Goran Popovic auf einem Boot in Obrenovac. (Bild: Zoran Mrdja)
Bojan Tanackovic, hinten, und Goran Popovic auf einem Boot in Obrenovac. (Bild: Zoran Mrdja)
Ein eingefallenes Dach. (Bild: Zoran Mrdja)
Die Schäden sind kaum zu überblicken. (Bild: Zoran Mrdja)
Bild: Zoran Mrdja
Vom Wasser buchstäblich gezeichnete Gegenstände. (Bild: Zoran Mrdja)
Bojan Tanackovic, links, und Goran Popovic. (Bild: Zoran Mrdja)
Bojan Tanackovic mit einem Boot. (Bild: Zoran Mrdja)

Die Aufräumarbeiten sind in vollem Gange. (Bild: Zoran Mrdja)

Auf den ersten Blick herrscht in Obrenovac Totenstille. Doch in den Seitenstrassen herrscht hektisches Treiben. Viele Leute sind zurückgekehrt – viele unerlaubt. Die Behörden lassen die Menschen offiziell erst dann nach Hause, wenn die Strom- und Wasserversorgung wiederhergestellt und die Grundstücke mit Sprühmitteln grossflächig desinfiziert sind. In weiten Teilen der in Serbien von den Fluten wohl am schlimmsten betroffenen Stadt ist das noch nicht der Fall. Dennoch zerlegen die Rückkehrer ihre Möbel, räumen ihre Häuser und suchen, welche ihrer überschwemmten Sachen sie noch brauchen können. Der Rest landet vorerst auf grossen Haufen im Vorgarten oder auf der Strasse.

Hoffnung und Zweifel an der Hilfe

Im Haus von Mittvierziger Milan Milosevic steht ein Bett auf zwei Tischen, deren Füsse noch immer in einer kloakenbraunen Schlammschicht stecken. «Das ist alles, was ich retten konnte», sagt er und zeigt dabei auf ein kleines Häufchen Kleider, die sich auf dem Bett befinden. Schlimmer noch sieht es bei seinen Nachbarn aus; hier fehlt einem kleinen Haus die ganze Seitenwand. Eine Frau in ihrem Garten entdeckt die Reporterin mit Stift und Block in der Hand und nähert sich fragend: «Kommen Sie, um die Schäden zu begutachten?» Diese Frage wird beim Streifzug durch Obrenovac noch mehrere Male wiederholt – voller Hoffnung oder voller Zweifel. Aleksandar Vucic, der serbische Premierminister, hat vor einigen Tagen in den Medien verkündet, alle beschädigten Häuser würden bis September dieses Jahres saniert oder gegebenenfalls abgerissen und neu gebaut – mit Geldern aus der öffentlichen Hand, aber vor allem mit Hilfsgeldern, die aus dem Ausland kommen sollen.

Wenigstens den Schnaps gerettet

«Mal schauen, ob dein Herr Vucic da nicht doch gelogen hat», ruft ein Mann der Frau zynisch zu. Mirjana (61) und Dusan Vladisavljevic (68) sind seit vielen Jahren verheiratet. Das Haus ohne Seite sei Dusans Geburtshaus, 1938 von seinem Grossvater errichtet. Im Garten davor klaffen tiefe Furchen im Boden. «Als das Wasser kam, habe ich versucht, Säcke mit Gartenerde zu füllen, um das Haus damit zu schützen. Gebracht hat das nichts, wie ihr seht», sagt er und lacht kopfschüttelnd. Zumindest habe er seine selbst gebrannte «Sljivovica», seinen Pflaumenschnaps, retten können. Seine Frau Mirjana hat sich bereits auf den Weg gemacht, für die Besucher Gläser zu suchen und aufzufüllen. Dusan hatte geglaubt, sein Anwesen sei geschützt vor Überschwemmungen. «Mein Vater hat mich vor Jahren noch gewarnt: ‹Wenn unser Brunnen im Garten bis zum Rand mit Wasser gefüllt ist, dann kreuzen schon die Boote durch Obrenovac.› Ich wollte ihm ja nicht glauben.»

Gastfreundschaft in den Trümmern

Von Haus zu Haus erlebt man das Gleiche: Trotz der schlimmen Lage wird die serbische Gastfreundschaft auch inmitten von Trümmern hochgehalten. Hier wird einem zwischen Trümmern eine Coca-Cola, da zwischen kaputten Möbeln ein Kaffee angeboten. Gehen darf man erst wieder, wenn man ausgetrunken hat. Die Leute wollen erzählen, gesellig sein – auch mit Unbekannten. Über der ganzen Kleinstadt liegt der Geruch von Kanalisation und Tierkadavern. Es stinkt. Doch die Rückkehrer in Obrenovac lachen sich ihre Verzweiflung aus dem Leib; reissen Witze. Was bleibt ihnen auch anderes. Ein älterer Herr fragt verschmitzt, ob wir ihm in der Schweiz nicht eine Frau zum Heiraten hätten: «Occasion reicht auch. Hier hält mich ja nichts mehr.»

Siedlung noch unter Wasser

Einige Strassen weiter, vorbei an der ruinierten Stadtbibliothek und einem toten Hund am Wegrand, hat die Flut einen Teil der Stadt noch fest im Griff. Es handelt sich um eine Siedlung, die illegal gebaut wurde. Die Häuser wurden nachträglich bewilligt und provisorisch ans Strom- und Wassernetz angeschlossen. Eine Kanalisation gibt es noch nicht – stattdessen Senkgruben unter den Häusern, die alle paar Monate geleert werden müssen. Die Siedlung ertrinkt in einer braunen Brühe. Helfer aus Slowenien seien hier gewesen und hätten versucht, das Wasser abzupumpen, wie Anwohner erzählen. Erfolglos. Da der Pegel des Flusses Save weiterhin hoch ist, kann das Wasser hier nirgendwohin abfliessen.

«Unser Nachbar da ist ertrunken»

Die Mittvierziger Mirjana und Goran Popovic und ihre Nachbarn Snezana Dujevic und Bojan Tanackovic kommen auch zwei Wochen nach Beginn der Fluten nur per Boot zu ihren Häusern. Mirjana wird ihr Haus zum ersten Mal seit der Flut wiedersehen. Die anderen kehrten seit der Evakuation schon einmal zurück. Bevor es ins Boot geht, zeigt Mirjana in eine Richtung und sagt: «Unser Nachbar da ist ertrunken.» Dann dreht sie sich nach rechts, zeigt auf ein anderes Haus und sagt: «Und dort ist eine Grossmutter ertrunken.» Die zierliche blonde Frau zittert im Boot. Sie wirkt verstört, fängt mehrmals an zu weinen. An ihrem Haus angekommen, steigt sie die Treppen zum Dachboden hoch, geht zaghaft hinein. Verwirrt steigt sie durch die Überreste ihres Hauses. Fasst ein Bettuch an, zieht es heraus, legt es wieder nieder, holt etwas anderes. «Ich hatte doch alles schön zurechtgelegt», murmelt sie vor sich hin. Der Blick von Goran, ihrem Mann, wandert über die verschlammten Habseligkeiten. «Wir haben zwei Söhne. Einer ist Gymnasiast – guter Schüler. Der andere studiert Elektrotechnik. Hier sind ihre Schulbücher. Alles kaputt», erzählt er mit ruhiger Stimme. Dann fehlen ihm die Worte.

Lautes Gefluche des Nachbarn beendet die Stille. Bojan kehrt aus seinem Haus zurück – halb watend und halb schwimmend. Durch das bauchtiefe Wasser schiebt er den treibenden Kühlschrank durch die Haustür – oder was unter dem eingestürzten Dach davon noch übrig ist. «Er stinkt nach dem verfaulten Essen, das drin war», ruft er herüber. «Jetzt kann man nur noch alles abreissen und anderswo wieder aufbauen», zieht seine Frau Snezana ihr Fazit.