Flucht
Setzt sich die Gaddafi-Familie nach Algerien oder ins südliche Afrika ab?

Die Rebellen sind am Wochenende tief ins Herz von Tripolis eingedrungen. Seit gestern kontrollieren sie laut ihrem Emissär in London bereits 95 Prozent der libyschen Hauptstadt.

Christian Nünlist
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Ghadafi
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Muammar Gaddafi
Libyen: Gaddafi Die Schweizer Geiseln wurden seinem Auftrag entfürt: Libyens Ghadafi.
Lybien verhängt Visa-Stopp Libya's leader Muammar Gaddafi attends the Food and Agriculture Organisation (FAO) Food Security Summit in Rome November 16, 2009. Government leaders and officials meet in Rome on Monday for a three-day U.N. summit on how to fight global hunger, but anti-poverty campaigners are already writing off the event as a missed opportunity. With the world's hungry topping one billion for the first time in history, the U.N. Food and Agriculture Organisation had called the summit, hoping that leaders would commit to raising the share of official aid spent on agriculture to 17 percent of the total -- its 1980 level -- from 5 percent now. That would amount to $44 billion a year, up from $7.9 billion now. REUTERS/Alessandro Di Meo/Pool (ITALY IMAGES OF THE DAY POLITICS SOCIETY HEADSHOT AGRICULTURE)
Gaddafi Die Welt gehört ihm - die Geiseln vorerst auch noch: Muanmar Ghaddafi.

Ghadafi

Keystone

Die Stadtbevölkerung feiert auf den Strassen das Ende der 42-jährigen Herrschaft von Diktator Muammar al-Gaddafi. Die Rebellen umzingeln das Hauptquartier des Gaddafi-Clans in Bab al-Azizija.

Doch wo steckt Gaddafi selbst?

Wo erlebt der Revolutionsführer die letzten Momente seiner Herrschaft? «Wir wissen nicht, ob Gaddafi sich in Bab al-Azizija verschanzt hat oder ob er überhaupt noch in Libyen ist», sagt Rebellenführer Mustafa Abdul Dschalil gestern. Libyen-Experte Fawas Gerges von der London School of Economis glaubt, Gaddafi könnte in seinen Heimatort Sirte geflohen sein.

Laut Eigenaussage ist Gaddafi immer noch in Tripolis. Am Sonntagabend hörten seine Anhänger seine Stimme am Staatsfernsehen: «Die Rebellen fliehen wie Ratten in die Berge. Ich bleibe bei euch in Tripolis – bis zum Ende der Welt.» Die Nachrichtenagentur AFP berichtete unter Berufung auf einen anonymen Diplomaten, Gaddafi sei tatsächlich noch in Tripolis und sei immer noch in seinem von Nato-Luftangriffen seit Monaten heftig bombardierten Hauptquartier in Bab al-Azizija mit seinen verschlungenen Tunnels und Räumen.

Doch laut «Washington Post»-Kolumnist David Ignatius hat sich Muammar Gaddafi längst aus dem Staub gemacht. Unter Berufung auf westliche Geheimdienstquellen spekuliert Ignatius, der exzentrische Despot wolle sich ins Exil nach Algerien absetzen.

Geld nach Algerien überwiesen

Laut einer anonymen Quelle in libyschen Finanzkreisen habe Gaddafi in den letzten fünf Tagen Geld und andere Vermögenswerte ausser Land gebracht, einen Teil davon auf algerische Konten. Gaddafi, so sagten es die Geheimdienstquellen Ignatius, habe Tripolis bereits verlassen, sei aber immer noch in Libyen. Seine Ehefrau und seine Tochter haben sich bereits im Mai nach Tunesien abgesetzt. Gut möglich, dass ihnen das Familienoberhaupt nun folgt und die Gaddafi-Familie dann nach Algerien weiterreist.

Gemäss Gerüchten soll Gaddafi auch politisches Asyl in Simbabwe oder Angola beantragen. Flugzeuge sollen bereitstehen, um ihn ins südliche Afrika zu fliegen. Eine Flucht
in ein afrikanisches Land war nicht sein Wunschszenario: Der Wüstenfuchs hatte während der letzten Monate durchblicken lassen, dass er sich allenfalls mit einem Exil in der Libyschen Wüste anfreunden könnte. Dafür scheint es nach dem militärischen Vorstoss der Rebellen auf Tripolis nun zu spät zu sein.

Die libyschen Rebellen haben ihre eigene Vorstellung, wo Gaddafis Flucht enden wird. «Wohin wird Gaddafi gehen? In die Hölle!», singen sie auf den Strassen von Tripolis. Eine Bestätigung von Gaddafis Aufenthaltsort gab es gestern nicht. Oberst Gaddafi ist entweder tot, untergetaucht oder auf der Flucht.