Deutschland
Sexuelle Übergriffe in Silvesternacht: 18-Jährige sah ihren Peiniger im TV-Interview

Eingekreist, begrapscht, beklaut – die Übergriffe gegen Frauen in der Silvesternacht haben das Land verändert. Zum ersten Mal steht einer der Täter wegen sexueller Nötigung vor Gericht.

Christoph Reichmuth, Berlin
Merken
Drucken
Teilen

Die Ereignisse in der Silvesternacht waren eine Zäsur für Deutschland. Die Debatte in der Flüchtlingskrise hat sich grundlegend geändert, die öffentliche Kritik an der unkontrollierten Zuwanderung nahm zu.

Zur Erinnerung: Hunderte junge Männer, darunter mehrheitlich Flüchtlinge aus den nordafrikanischen Maghreb-Staaten, hatten in grösseren Gruppen junge Frauen eingekreist, sie in vielen Fällen sexuell genötigt und ausgeraubt.

Alleine in Köln gingen nach der Silvesternacht 1100 Anzeigen ein, 469 wegen Sexualdelikten. In insgesamt zwölf Bundesländern kam es laut dem Bundeskriminalamt (BKA) zu Übergriffen, auch in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf. Dort gingen 118 Strafanzeigen wegen sexueller Belästigung, verbunden mit Diebstahl und Raub, ein. Seit gestern muss sich nun vor dem Düsseldorfer Amtsgericht ein Mann aus Marokko wegen sexueller Übergriffe, Diebstahl und Körperverletzung verantworten.

Er überführte sich selbst

Der 33-Jährige soll laut Anklage in der Neujahrsnacht mit 15 bis 20 anderen Tätern eine 18-jährige Frau eingekreist und sexuell bedrängt haben. Die Männer sollen der jungen Frau an die Brüste und zwischen die Beine gefasst haben. Das Opfer konnte fliehen. Der Angeklagte, der seit zwei Jahren in Deutschland lebt und von Sozialhilfe abhängig ist, ist bei der Polizei kein Unbekannter. Wegen anderer Delikte wurde er vor wenigen Monaten bereits zu einer siebenmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Der Mann hat sich gewissermassen selbst überführt. Ein Team von «Spiegel-TV» drehte vor einigen Wochen eine Reportage über das als Brennpunkt bekannte Düsseldorfer Maghreb-Viertel. Der Angeklagte gab den Reportern ein längeres Interview. Darin behauptete er, alleine von Sozialhilfe nicht leben zu können, weshalb er auf Diebestour gehe. Das
18-jährige Opfer schaute sich die Sendung zufällig am Fernsehen an – und erstattete Anzeige bei der Polizei.

Zum ersten Mal werden damit die hundertfach begangenen sexuellen Übergriffe vor einem Gericht aufgearbeitet. Trotz der Vielzahl an Anzeigen dürfte das Gros der sexuellen Nötigungen aber ungesühnt bleiben. Auch im Düsseldorfer Prozess wird es für die Anklage schwierig sein, dem Beschuldigten seine Tat nachzuweisen.

«Überall spürte ich Hände»

Das Opfer schilderte gestern die Szenerie in der Silvesternacht. «Überall spürte ich Hände, wir kamen da nicht weg», sagte sie. «Ich hatte Angst, vergewaltigt zu werden.» Auf mehrfache Nachfrage des Richters konnte die junge Frau den Angeklagten indes nicht zu 100 Prozent identifizieren. Zudem erhielt der Angeklagte von seiner 16-jährigen, schwangeren Freundin ein Alibi für die Neujahrsnacht. Sie hätten die Nacht in einer Düsseldorfer Diskothek verbracht, sagte die Frau. Der Prozess wird nächste Woche fortgeführt, ein Urteil wird Anfang Juni erwartet.

Nach den skandalösen Ereignissen hat die deutsche Regierung die Gangart gegen kriminelle Ausländer deutlich verschärft. So wird die Hürde, die zur Ausweisung krimineller Ausländer, Asylbewerber und Flüchtlinge führt, deutlich gesenkt. Dem in Düsseldorf vor Gericht stehenden Marokkaner droht eine happige Strafe. Er steht nicht nur wegen sexueller Nötigung vor Gericht, sondern auch wegen Vergewaltigung, schwerer Körperverletzung und Sachbeschädigung. Ihm drohen vier Jahre Haft. Für eine Ausweisung ist die Höhe der Strafe mit Sicherheit ausreichend. Dennoch wird Deutschland prüfen, ob eine Rückführung nach Marokko aus persönlichen Gründen für den Angeklagten möglich ist.

Zudem ist eine Rückführung in die nordafrikanischen Staaten oft nur schwer durchführbar, da sich Länder wie Algerien oder Marokko trotz Rückübernahmeabkommen mit Berlin oftmals weigern, ihre Landsleute zurückzunehmen. Ausserdem kommen viele junge Nordafrikaner ohne Ausweispapiere und getarnt als syrische Flüchtlinge nach Deutschland. Wegen der mangelnden Kooperation ist es oftmals schwierig, die wahre Herkunft der Männer festzustellen. Die Nordafrikaner können ohne Ausweispapiere nicht rückgeführt werden und tauchen in Städten wie Düsseldorf oder Köln unter, wo es einen besonders hohen Anteil an Menschen aus den Maghreb-Staaten gibt. Dort geraten sie laut Statistiken – im Gegensatz zu Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak – überproportional oft in kriminelle Bandenstrukturen.

Die Asylverfahren für Menschen aus Nordafrika sollen jedenfalls nach den Plänen der Regierung von Angela Merkel künftig deutlich beschleunigt werden. Marokko, Algerien und Tunesien sollen als sichere Herkunftsländer eingestuft werden. Das würde raschere Asylverfahren ermöglichen. Noch muss allerdings die Länderkammer (Bundesrat) grünes Licht geben.