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Die Polarisierung bei den «Midterms» spaltet auch die Amerikaner in der Schweiz

Die Zwischenwahlen am Dienstag werden zum Showdown. Auch die über 50000 US-Stimmbürger mit Wohnsitz in der Schweiz lässt der Wahlwahnsinn nicht kalt
Samuel Schumacher
US-Präsident Donald Trump während einer Wahlkampfrede im Columbia Regional Airport. Bild: Evan Vucci/AP Photo (Columbia, 1. November 2018)

US-Präsident Donald Trump während einer Wahlkampfrede im Columbia Regional Airport. Bild: Evan Vucci/AP Photo (Columbia, 1. November 2018)

Shawne Fielding (49) hat viel gemacht in ihrem Leben. Eines aber hat die Ex-Botschaftergattin bislang nie geschafft: bei den US-Zwischenwahlen, den sogenannten «Midterms», mitzumachen. «Ich schäme mich dafür», sagt die Texanerin am Telefon. Dabei geht es den meisten Amerikanern genau gleich wie ihr. Wenn sie aufgerufen werden, ihr Parlament neu zu wählen, macht nicht einmal die Hälfte mit. Normalerweise gelten die Midterms bloss als schnöde Pausenunterhaltung zwischen den präsidialen Showdowns.

Die Amerikanerin Shawne Fielding ist eine ehemalige Botschaftergattin und lebt heute in der Schweiz. Bild: PD

Die Amerikanerin Shawne Fielding ist eine ehemalige Botschaftergattin und lebt heute in der Schweiz. Bild: PD

Dieses Jahr aber ist alles anders. In Trumps Landen herrscht «Midterm Madness», über 28 Millionen Amerikaner haben ihre Stimme für die Wahlen am Dienstag bereits abgegeben – mehr als je zuvor in der US-Geschichte. Auch die 55158 wahlberechtigten US-Bürger mit Wohnsitz in der Schweiz lässt der Zwischenwahlwahnsinn nicht kalt. Shawne Fielding, zum Beispiel. Zum ersten Mal hat auch sie ihre Midterm-Wahlbögen ausgefüllt und sie von der Poststelle Thalwil für 83 Franken Express ins Wahlbüro nach Texas geschickt. Fieldings Vater stand einst im Dienst des späteren republikanischen Präsidenten George Bush senior. Sie aber hat die Seite gewechselt und sich als Demokratin registrieren lassen.

Fielding schwärmt am Telefon vom demokratischen Senats-Kandidaten Beto O’Rourke, der von Texas aus die «hearts and minds» des linken Amerika erobert. «Auch wenn er diesmal nicht gewinnt: Beto wird ein grossartiger Präsidentschaftskandidat für die Wahlen 2020 sein», glaubt die Texanerin. Doch das ist weit weg. Die USA von 2018 hätten dringendere Probleme. Die fehlende Gesundheitsvorsorge und die erzkonservative Übermacht im höchsten Gericht etwa. Und Trump? Über den äussere sie sich nicht als Amerikanerin auf fremdem Boden, sagt Fielding, noch ganz die Botschaftergattin. Wirklich beunruhigt wirkt sie aber nicht. «Die Mär über die gespaltene Gesellschaft ist doch alt und langweilig: Amerika war schon immer gespalten, falsche Panikmache bringt da nichts», sagt Fielding.

Karawane und Bürgerkrieg

James Foley ist Sprecher der «Republicans Overseas Switzerland». Bild: PD

James Foley ist Sprecher der «Republicans Overseas Switzerland». Bild: PD

In diesem Punkt gibt James Foley (51) seiner Landsfrau recht – aber nur in diesem Punkt. Alles andere sieht der Sprecher der «Republicans Overseas Switzerland» komplett anders. Foley wohnt in Genf, ist seit kurzem arbeitslos. Wenn er wieder einen Job finde, kaufe er sich als Erstes eine Schusswaffe, ruft er ins Telefon. Bis dahin schiesst der Mann aus Louisiana mit Wörtern um sich. So scharf, dass Facebook und Twitter kürzlich seine Accounts gesperrt haben. Doch Foley kümmert das nicht. In drei Sprachen legt er seine Punkte dar, sagt Sätze wie «the Grenzschutz can hold them seulement pour vingt jour» und untermalt seine Tiraden gegen die Demokraten mit haufenweise Statistiken.

«Wenn ich an die Midterms denke, habe ich richtig Angst», sagt Foley. Die Demokraten würden Wahlmaschinen türken und jetzt mit dieser von der UNO finanzierten «Karawane» zusätzliche Illegale ins Land bringen, die dann die Demokraten wählten. Kurze Verschnaufpause. Foley beruhigt sich ein wenig und erklärt, wieso diese Midterms so wichtig seien. «Normalerweise ist das eine Schlafmützenveranstaltung. Jetzt aber ist das Volk erwacht.» Die Radikalisierung der Politik, die laschen Migrationsgesetze, die Angst, Trumps Wirtschaftsreformen könnten gestoppt werden: All das treibe die Menschen an die Urne.

Auch er hat aus der Ferne abgestimmt, natürlich für die Republikaner. Eigentlich sei er ja ein «let-me-the-fuck-alone»-Libertärer. Doch um die «linken Demokraten» zu stoppen, werfe er gar seine Parteizugehörigkeit über Bord. Foley zieht in nicht zitierfähigen Sentenzen über einige der demokratischen Kandidaten her. Dann sagt er: Ein Sieg für die Republikaner wäre auch ein Sieg für die Schweiz. «Ihr werdet doch von der EU gemobbt. Da braucht ihr starke Partner, die mit euch bilaterale Abkommen schmieden können.»

Dass die sieben Millionen wahlberechtigten Ausland-Amerikaner überhaupt wählen können, haben sie dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) zu verdanken. Damit die Soldaten, die fern der Heimat kämpften, an den Wahlen teilnehmen konnten, durften sie ihre Wahlzettel per Post schon vor dem Wahltag (immer dem ersten Dienstag nach dem ersten Montag im November) an die Wahlbüros schicken. Dieses «Early Voting»-Recht gab es bereits im 18. Jahrhundert. 1845 aber wurde es zeitweise verboten, weil das System dazu führte, dass zahlreiche Bürger auf Schummeltourneen gingen und in den Tagen vor den Wahlen in verschiedenen Bundesstaaten ihre Stimme abgaben. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist das «Early Voting» wieder erlaubt.

Der Politologe Michael McDonald hat das Early-Voting-System untersucht und festgestellt, dass der Anteil der Frühwähler alle vier Jahre zunimmt. Ein Drittel der Amerikaner gibt seine Stimme schon vor dem Wahltag ab. Doch das System ist umstritten. Kritiker sehen darin ein Einfallstor für Wahlfälschungen und argumentieren, die Frühwähler sollten nicht schon mitten im Wahlkampf wählen gehen, wenn noch gar nicht alle Informationen auf dem Tisch seien.

McDonald aber sieht das anders. Laut ihm hat das System den politischen Prozess fairer gemacht. Während es früher im Wahlkampf üblich war, in letzter Minute regelrechte Schmutzkampagnen gegen die Gegner loszutreten (sogenannte «October surprises»), würden die politischen Attacken heute schon viel früher lanciert und könnten von den Betroffenen entsprechend gekontert werden. Das führe dazu, dass die Leute nicht aufgrund von falschen Bauchgefühlen abstimmten, schreibt McDonald auf seinem Blog www.electproject.org.

Kathryn Edson, Vorsteherin der «Democrats Abroad Switzerland». Bild: PD

Kathryn Edson, Vorsteherin der «Democrats Abroad Switzerland». Bild: PD

Für Amerikaner im Ausland ist das Wählen jedoch mit einigem Aufwand verbunden. Sich registrieren, Unterlagen bestellen, rechtzeitig und auf eigene Kosten alles zurücksenden: Das Heimatland der Digitalisierung ist von einem niederschwelligen Wahlsystem offensichtlich meilenweit entfernt. Umso schwieriger sei es, Ausland-Amerikaner fürs Mitwirken zu begeistern. Das sagt Kathryn Edson (63), Vorsteherin der «Democrats Abroad Switzerland». Seit gut zehn Jahren engagiert sich die Wahl-Baslerin für eine höhere Wahlbeteiligung der Schweiz-Amerikaner. Mit ihren Mitstreitern hat sie bereits Tausende Telefonate getätigt und 400 Postkarten an Wahlberechtigte geschickt. Zudem hat ihre Organisation die Homepage www.votefromabroad.org/fwab lanciert, die Ausland-Amerikaner durch das Wahlprozedere führt. «Unser Angebot richtet sich an alle Amerikaner in der Schweiz, nicht nur an Demokraten», betont Edson. Ihre eigenen Präferenzen kann sie aber schlecht verstecken. «Die republikanische Dominanz in allen drei Gewalten ist zu gross. Viele sind alarmiert», sagt sie.

Die Wahlnacht vor dem Fernseher verbringen

Edson spürt eine Mischung aus Enthusiasmus und Verzweiflung, wenn sie an die bevorstehenden Wahlen denkt. Verzweiflung, weil sie in ihrer Heimat immer mehr Tendenzen hin zu einem autokratischen System sieht. Enthusiasmus, weil noch nie so viele Frauen und Progressive kandidierten wie bei den diesjährigen Midterms. Zudem schwärmt Edson – genau wie Shawne Fielding – vom texanischen «rising star» Beto O’Rourke. «Ich traue ihm zu, dass er gegen den Republikaner Ted Cruz gewinnt, auch wenn die Umfragen etwas anderes sagen. 2016 lagen die Umfragen auch schon komplett daneben.»

Klarheit über den Ausgang der vermeintlichen Schlafkappenveranstaltung gibts am Mittwochmorgen unserer Zeit. Kathryn Edson wird die Wahlnacht vor dem Fernseher verbringen, James Foley ebenso, und Shawne Fielding zählt auf ihre innere Uhr, die sie jeweils um 4 Uhr weckt. Und Amerika – das lässt der Hype um die Midterms vermuten – ist jetzt schon hellwach.

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