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Publik gewordenes Papier bringt Sicherheitskräfte in Sri Lanka in Erklärungsnot

Die Polizei hatte schon vor Wochen präzise Hinweise auf die Anschlagsserie, verhinderte sie jedoch nicht. Die Zahl der Toten ist inzwischen auf über 320 gestiegen.
Ulrike Putz, Tokio
Ein Soldat bewacht eine Strasse, auf der sich Nonnen zu einem Massenbegräbnis in der St. Sebastian-Kirche begeben. (Bild: Carl Court/Getty (Negombo, 23. April 2019))

Ein Soldat bewacht eine Strasse, auf der sich Nonnen zu einem Massenbegräbnis in der St. Sebastian-Kirche begeben. (Bild: Carl Court/Getty (Negombo, 23. April 2019))

Das Papier, das die sri-lankische Polizei am 11. April an andere Sicherheitsbehörden des Landes schickte, könnte deutlicher und detailreicher nicht sein: «Mohamed Zaharan, Führer der National Thowheeth Jamaath (NTJ), und seine Anhänger planen Selbstmordanschläge.» Diese Angriffe könnten sich gegen katholische Kirchen oder die Indische Botschaft richten, heisst es in dem Schreiben, das am Dienstag öffentlich gemacht wurde. Weiter werden darin die Telefonnummern und Aufenthaltsorte der Hauptverdächtigen genannt sowie Einzelheiten wie die, dass «Rilwan, der jüngere Bruder von Zaharan, zwar versteckt lebt, aber zwischen elf und vier Uhr früh seine Frau und Kinder unter folgender Adresse besucht».

Zwei Tage nachdem Sri Lanka am Ostersonntag von einer Serie verheerender Terroranschläge erschüttert wurde, reagierten viele Einheimische fassungslos auf die nun bekannt gewordene Warnung. «Wenn die Namen der beteiligten Personen bereits bekannt waren, warum wurden sie nicht verhaftet?», fragte Stadtplanungsminister Rauff Hakeem und sprach damit vielen seiner Landsleute aus dem Herzen. Sri Lanka habe ein «kolossales Versagen der Geheimdienste» erlebt. «Wir schämen uns für das, was passiert ist», so der Minister.

Erste Massenbegräbnisse der Opfer fanden statt

Am Sonntag waren bei nahezu simultanen Selbstmordanschlägen in drei Kirchen und drei Luxushotels in Sri Lanka 321 Menschen gestorben. Ganze Familien waren beim Besuch des Ostergottesdienstes ausgelöscht worden. Unter den Opfern waren 38 Ausländer, darunter auch zwei Schweizer Staatsangehörige. Am Dienstag fanden in Sri Lanka nun die ersten Massenbegräbnisse der Opfer statt. Auf den christlichen Friedhöfen in Negombo spielten sich erschütternde Szenen ab. Zuvor hatte die Nation um 8.30 Uhr – der Zeitpunkt der ersten Detonation – drei Schweigeminuten abgehalten. In den Krankenhäusern des Inselstaats kämpfen noch immer Dutzende Schwerverletzte ums Überleben. Im sri-lankischen Fernsehen wurde am Dienstag wieder und wieder ein Video einer Überwachungskamera gezeigt, das einen Rucksack tragenden bärtigen Mann zeigt, der auf die Kirche St. Sebastian in Negombo zugeht. Dabei soll es sich um den Attentäter handeln, der Sekunden später seinen Sprengsatz zündete und mindestens 110 Menschen mit in den Tod riss.

Inzwischen sind über 40 Verdächtige festgenommen worden. Die Regierung hat den Ausnahmezustand ausgerufen und eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Am Dienstagnachmittag warnte die Polizei in der Hauptstadt Colombo, dass die Gefahr noch nicht vorbei sein könnte. Ein mit Sprengstoff beladender Lieferwagen könne in der Stadt unterwegs sein. Am Montag war ein in der Nähe eines Anschlagsorts parkiertes Fahrzeug explodiert, als die Polizei in ihm gelagerten Sprengstoff entschärfen wollte. An einer Bushaltestelle in ­Colombo fanden Polizeibeamte 87 Sprengstoffzünder.

Während in Colombo Fachkräfte versuchten, die Situation unter Kontrolle zu bringen, kämpfte das offizielle Colombo damit, eine Erklärung für die Untätigkeit der Sicherheitskräfte abzugeben. Präsident Maithripala Sirisena konnte bisher keine befriedigende Antwort darauf geben, warum die Sicherheitsdienste die Bomber nicht stoppten. Ein Sprecher des Präsidenten bestritt, dass es Pannen gegeben habe. Dennoch wird nun ein Untersuchungsausschuss eingesetzt.

Premierminister Ranil Wickremesinghe, der sich seit Mona­ten einen heftigen Machtkampf mit Sirisena liefert, beharrt darauf, dass er nicht von der Gefahr unterrichtet worden sei und deshalb keine zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen verhängen konnte. Die Erzfeinde beanspruchen seit November vergangenen Jahres beide die Macht im Staat und torpedieren sich, wo sie nur können. Auch dank dieser verfahrenen Situation konnte die Saat des Terrors aufgehen. Der innenpolitische Konflikt in Sri Lanka dürfte durch das Blutbad weiter verschärft werden.

«Islamischer Staat» reklamiert Anschläge für sich

Am Dienstagnachmittag liess der «Islamische Staat» über seine Nachrichtenagentur verbreiten, dass er die Verantwortung für die Anschläge übernehme. Terrorismusexperten warnten jedoch, dass es zu früh sei, dem IS die Urheberschaft zuzuschreiben, zumal der IS keine der sonst üblichen Abschieds- und Bekennervideos der Attentäter vorgelegt hat. Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene sagte im Parlament, dass die Bombenanschläge möglicherweise als Vergeltung für die tödlichen Angriffe auf Moscheen im März im neuseeländischen Christchurch gedacht seien. Experten argumentierten hingegen, dass die Natur des Angriffs auf monatelange Vorbereitung hindeute und es daher unwahrscheinlich sei, dass es sich um einen spontanen Racheakt handelt.

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