Sie haben genug von der Gewalt in Paris

Gegen die Gelbwesten formiert sich Widerstand: Tausende von sogenannten Rotschals protestierten am Sonntag auf den Pariser Strassen gegen die Gewaltexzesse der Sozialbewegung.

Stefan Brändle, Paris
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Tausende nahmen am Sonntag in Paris am «republikanischen Umzug für die Freiheit» teil. (Rafael Yaghobzadeh/AP)

Tausende nahmen am Sonntag in Paris am «republikanischen Umzug für die Freiheit» teil. (Rafael Yaghobzadeh/AP)

Warum ihr Schal rot ist, vermögen sie selbst nicht zu sagen. Vielleicht geht ihr Erkennungszeichen auf ein Volksfest im baskischen Ba­yonne zurück, wo die Teilnehmer rote Halstücher tragen. Links stehen die Foulards rouges auch nicht. Sie geben sich eher bürgerlich und wollen die schweigende Mehrheit verkörpern. Denn sie haben genug von den Gewaltszenen der Gelbwestenproteste, die in Frankreich seit Wochen für böses Blut sorgen. «Stopp, jetzt reicht es!», wetterte Laurent Soulié, ein Ingenieur aus Toulouse, schon im Dezember, als ein paar Gilets jaunes den Triumphbogen enterten und in dem nationalen Monument erhebliche Verwüstungen anrichteten.

Souliés Facebook-Aufruf erhielt im Nu tausendfache Unterstützung. Der 51-Jährige tat sich mit einem anderen Komitee zusammen, das von einem Bäcker aus der Bretagne angeführt wurde und ebenfalls gegen die Gewalt auf den Pariser Champs-Elysées mobilisierte. Der Boulanger verlangte einzig, dass keine politischen Parteien mitmachen. Soulié, der nicht verhehlt, dass er 2017 der Plattform En Marche beigetreten war und für deren Kandidat Emmanuel Macron gestimmt hatte, war sofort bereit dazu. Dann erliessen die Rotschals den ausdrücklich apolitischen Appell, am Sonntag, den 27. Januar, in Paris gegen die Gewalt auf die Strasse zu gehen. Die Teilnahme von Ministern und Parteivertretern lehnten sie kategorisch ab.

An den «republikanischen Umzug für die Freiheit» kamen am gestrigen Sonntag schliesslich nicht die Massen. Bloss 7000 dürften es gewesen sein. Doch die Gelbwesten bringen aktuell auch nicht mehr auf die Strasse: 4000 Gilets jaunes zogen am Samstag zum elften Mal durch die Hauptstadt, weitere 65000 im übrigen Land. Der Umzug der Rotschals verlief schweigend; Schirme ersetzten Transparente, und die einzige Losung lautete: «Halt der Gewalt und den Blockaden». Auf Anfrage meinte ein Umzugsteilnehmer, er handle «nicht gegen die Gelbwesten und nicht für Macron, sondern für die Demokratie».

Nicht mehr auf Höhe des Kopfes zielen

Zu reden gab an diesem Wochenende aber für einmal nicht die Gewalt der Gilets jaunes, sondern im Gegenteil ein Polizeieinsatz. Der prominente und pazifistische Gelbwesten-Vertreter Jérôme Rodrigues wurde dabei schwer an einem Auge verletzt. Er war gerade dabei, am Bastille-Platz die Samstagsdemo zu filmen, als ihn ein Gummigeschoss oder ein ähnliches Objekt einer Polizeigranate traf. Im Verlauf der letzten Wochen haben über zehn Demon­stranten Augenverletzungen erlitten. Innenminister Christophe Castaner hatte deshalb vergangene Woche die CRS-Bereitschaftspolizei angewiesen, nicht mehr auf Höhe des Kopfes oder der Genitalien zu zielen.

Nach Rodrigues’ Verletzung prangerte die Rechtspopulistin Marine Le Pen die «Verstümmelung von Oppositionellen» an; Linkenchef Jean-Luc Mélenchon verlangte den Rücktritt Castaners. Die Pariser Präfektur ordnete eine interne Untersuchung an. Gestern dann erklärte Sicherheitsexperte Guillaume Farde, es sei mobilen Einheiten fast unmöglich, beim Anrennen mit Schutzschildern genau zu zielen. Und Polizeigewerkschafter gaben zu bedenken, dass am Samstag auch ein CRS-Mann schwer verletzt worden sei, möglicherweise durch den Wurf einer Pétanque-Kugel. Rodrigues räumte daraufhin ein, dass an der Bastille auch Aktivisten des Schwarzen Blocks im Einsatz gewesen seien. Er selbst habe versucht, «die ‹kleinen Gelben› aus dieser Hölle zu holen».

Nicht weit von diesem äusserst gespannten Geschehen demonstrierten am gestrigen Sonntag auch Grüne an der Place de la République friedlich gegen die Klimaerwärmung. Greenpeace rief dabei zu mehr «klimatischer Gerechtigkeit» auf – was auch als Solidarisierung mit den sozialpolitischen Anliegen der Gelbwesten zu verstehen war.

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