Nowosibirsk
Sie haben Nawalny auf seiner letzten Reise begleitet

In Nowosibirsk wollen Nawalny-Anhänger Putins Machtmonopol brechen. Dass ihr Anführer vergiftet wurde, überrascht hier niemanden.

Inna Hartwich aus Nowosibirsk
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Am 20. August musste Alexej Nawalny ins Spital gebracht werden.

Am 20. August musste Alexej Nawalny ins Spital gebracht werden.

Keystone

Schockstarre. Das war das Erste, das sich hier in Nowosibirsk ausbreitete. «Alexej, er war doch erst hier, er hat mit uns gesprochen, hat gelacht, wir fuhren ihn durch die Stadt. Und jetzt wurde er vergiftet», sagen sie im Büro der Nawalny-Anhänger; zwei grossen Räumen unweit der Nowosibirsker Kathedrale, wo Plakate der Kandidaten für die Regionalwahl am 13. September hängen, wo Freiwillige Sticker verteilen, Infobroschüren mit den Konterfeis der Frauen und Männer, die hier Stadtratsabgeordnete werden wollen. «Überrascht war ich nicht», sagt Pjotr Manjachin, der 22-jährige Journalist, der selber für einen Sitz im Stadtparlament kandidiert. «Vergiftung politischer Opponenten ist nun offenbar ein neues Merkmal unseres Staates.»

Kirill Lewtschenko, der einst seine Stelle bei einer Bank verlor, weil er sich Putin-kritisch geäussert hatte, ist wütend. «Das hat uns gezeigt, dass es jeden treffen kann, der eine andere Meinung äussert.» Der Anschlag habe aber auch eine positive Seite, sagt Kirill. «Jetzt kennt jeder den Namen Nawalny. Jedes Grossmütterchen, das ich während des Wahlkampfes antreffe, fragt, wie es Alexej gehe, und wünscht uns Erfolg», erzählt der 38-Jährige. Einschüchtern liessen sie sich nicht. «Wir machen hier weiter unseren Job. Das Machtmonopol von Putins Partei Einiges Russland muss gebrochen werden.»

Das sagen hier alle. Der 18-jährige Karim genauso wie der 62-jährige Pilot Igor Gawrilenko, der als Unabhängiger in den Stadtrat gewählt werden will und mit 31 Frauen und Männern als «Koalition Nowosibirsk 2020» von Nawalny unterstützt wurde.

CH Media

Seinen letzten Halt vor dem Attentat machte Nawalny hier in Nowosibirsk und kreidete die Machenschaften der Baumafia an. Kirill Lewtschenko hatte ihn hierhergefahren und ihm gezeigt, was schiefläuft in Nowosibirsk. Zwei Tage später brach Nawalny schreiend an Bord eines Flugzeuges zusammen. Überlebt hat er nur, weil der Pilot eine Notlandung durchgesetzt hat.

Nowosibirsk ist die drittgrösste Stadt Russlands, 1,6 Millionen Einwohner, vier Flugstunden von Moskau entfernt. Es gibt einen rund 40-minütigen Dok-Film, den Nawalnys Besuch hier festhalt. Darin geht er auf einige der korrupten Bauunternehmer ein, die die Stadt «gekapert» hätten. Im Stadtrat sitzen sie, für die Regierungspartei Einiges Russland. Und diesen Stadtrat will Nawalny mit seiner Kampagne von den «Besatzern befreien». 50 Sitze gibt es im Stadtrat, 32 davon will Nawalny mit seinen Leuten aus der «Koalition» nach der Wahl besetzen.

Nawalnys Mittel gegen Putin hat einen Namen: «Kluges Wählen»

Genau solche Methoden fürchtet der Kreml. Zwar setzt Moskau auf eine straffe Vertikale der Macht, sodass die Strukturen in den Regionen wenig zu melden haben. Doch ohne loyale Abgeordnete in Provinzvertretungen, die die Direktiven aus Moskau umsetzen und die Propaganda auch in die hintersten Ecken des Landes tragen, würde das System Putin nicht funktionieren.

Hier setzt Nawalny mit seiner Methode «Kluges Wählen» an. Da zu Wahlen im Land kaum je unabhängige Kandidaten zugelassen werden, empfiehlt Nawalny, für Kandidaten der systemtreuen Opposition – wie zum Beispiel die Kommunisten – zu stimmen. Damit will er Einiges Russland die Stimmen nehmen. In Moskau hat diese Taktik bei der Stadtparlamentswahl gegriffen. In Nowosibirsk wollen Pjotr Manjachin, Kirill Lewtschenko, Igor Gawrilenko und so viele andere ebenfalls Erfolg damit haben.