Ebola
«Sie leugnete Ebola, bis ihre zwei Kinder starben»

In den von Ebola betroffenen Gebieten leisten die Helfer wichtige Aufklärungsarbeit – und riskieren dabei ihr Leben. Die Lokalbevölkerung begegnet ihnen mit Misstrauen oder gar Feindseligkeit. Viele wollen die Gefahr nicht wahrhaben.

Markus Schönherr, Monrovia
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Ein Helfer begleitet ein Mädchen, das Ebola-Symptome aufweist.

Ein Helfer begleitet ein Mädchen, das Ebola-Symptome aufweist.

Keystone

«Ebola hat unser Land verwüstet», sagt Frank Massaquoi. Der Psychologe arbeitet seit sechs Jahren für das Rote Kreuz in Liberia, doch auf die jüngste Ebola-Epidemie in Westafrika habe ihn nichts auch nur im Entferntesten vorbereiten können.

Täglich bekämen die Einsatzteams Sprüche zu hören wie «Wir wollen euch hier nicht sehen» oder «Wir wollen nichts über Ebola hören».

Obwohl die Seuche gemäss den jüngsten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 6500 Menschen infiziert und mehr als 3000 getötet hat, wollten viele in Westafrika die Gefahr nicht wahrhaben.

«Ich erinnere mich an eine Frau, deren Mann an Ebola verstarb. Sie war fest davon überzeugt, jemand habe ihn umgebracht», so Massaquoi. «Wir versuchten, sie davon zu überzeugen, dass das Virus existiert und sie Hilfe suchen sollte. Aber sie leugnete Ebola, bis auch zwei ihrer Kinder starben und schliesslich sie selbst.»

In den ländlichen Gegenden Liberias kursiert das Gerücht, Ebola sei eine Erfindung der Regierung oder eine von westlichen Staaten eingeschleppte Seuche. Die Helfer des Roten Kreuzes desinfizieren nicht nur die Häuser, bestatten die Opfer und kümmern sich um die Hinterbliebenen, sondern leisten auch wichtige Aufklärungsarbeit.

«Wir erklären den Menschen, dass es wahr ist, es tötet. Wir versuchen ihnen beizubringen, dass es nötig ist, uns, unsere Nachbarn und unsere Familien zu schützen», so Frederick S. Settro. Der 32-Jährige arbeitet seit mehr als vier Jahren beim Roten Kreuz – freiwillig, weil er sein «Land und dessen Einwohner liebt».

Ebola-Epidemie in Sierra Leone: 70 Tote
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Ebola-Epidemie in Sierra Leone: 70 Tote

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Ebola in Sierra Leone

Eine Situation «wie im Krieg»

Dabei befinden sich die Helfer in einem Rennen gegen die Zeit. Die Organisation «Ärzte ohne Grenzen» («Médecins sans Frontières», MSF) spricht von einer Situation «wie im Krieg», denn es mangle an jeder Ecke – vor allem in Liberia, das mit 40 Prozent der Toten am stärksten von der Epidemie betroffen ist.

Mit der kürzlich erfolgten Eröffnung eines neuen Spitals in der Hauptstadt Monrovia stehen in Liberia laut Angaben des UNO-Entwicklungsprogramms (UNDP) rund 400 Betten für Ebola-Patienten bereit, doch vom eigentlichen Ziel von 2000 sei man immer noch weit entfernt.

Bereits 375 Mediziner infiziert

«Jeden Tag treffe ich Entscheidungen, die eigentlich unmenschlich sind», sagte der schwedische MSF-Mitarbeiter Stefan Liljegren gegenüber der britischen Tageszeitung «Daily Telegraph».

Der Koordinator einer Ebola-Klinik in Monrovia nimmt jeden Tag 20 bis 30 neue Patienten auf. Aber mindestens dieselbe Anzahl muss er aus Platzmangel wieder nach Hause schicken. Jeden Tag verzeichnet seine Klinik bis zu fünf Leichen. Da die lokalen Krematorien mit dieser Anzahl überfordert sind, musste MSF einen Einäscherungsofen aus Europa einfliegen.

Zusammen mit den Helfern des Roten Kreuzes und MSF verzeichnet die UNO derzeit 150 internationale Ärzte und Pfleger in Liberia. Oft riskieren die Helfer ihr eigenes Leben: Der WHO zufolge hätten sich bereits 375 Mediziner in Westafrika mit Ebola infiziert, mehr als die Hälfte davon sei daran gestorben.

«Ich muss zugeben, dass wir alle zu Beginn nicht genügend Informationen über Ebola hatten», so Massaquoi.

«Wir haben unnötige Risiken in Kauf genommen, als wir mit potenziellen Patienten sprachen, mit den Familien der Opfer interagierten oder undesinfizierte Häuser betraten. Heute verstehen wir die Risiken und die Gefahr.»

Unterdessen steige der psychische Druck in den westafrikanischen Ebola-Staaten mit jeder Woche, wie Malcolm Hugo, Psychologe für MSF in Sierra Leone, berichtet: «Die Kinder sehen überall Tote. Ständig werden Leichen in Plastiktaschen an ihnen vorbeigetragen.»

Und auch die Helfer selbst seien auf Hilfe angewiesen. In Liberia etwa habe laut Medienberichten ein belgischer MSF-Mitarbeiter seine Mission abgebrochen, da er dem Druck nicht mehr standhielt. Seine Aufgabe war es gewesen, die vitaleren Patienten am Krankenhaus-Eingang abzufangen und wegzuschicken.