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Sie schauten aus dem Fenster auf den Krieg – und haben nur noch eine Hoffnung

Die Zurückgebliebenen in der Ostukraine wissen: Selbst wenn der Frieden endlich käme, wird nichts mehr sein wie früher.
Oliver Bilger aus Krasnohoriwka
Nur noch wenige sind in den kriegszerrütteten Dörfern in der Ostukraine zurückgeblieben. (AP Photo/Evgeniy Maloletka)

Nur noch wenige sind in den kriegszerrütteten Dörfern in der Ostukraine zurückgeblieben. (AP Photo/Evgeniy Maloletka)

Die Jahre im Krieg haben tiefe Spuren hinterlassen. Manche sind auffällig, wie die Abdrücke der Panzerketten, die sich auf der alten Schnellstrasse nach Donezk für immer in den Asphalt gepresst haben. Andere bleiben zunächst verborgen, wie die Enttäuschung, die Ljudmila Stepanowna Pawljuk fühlt. Die Ortsvorsteherin von Krasnohoriwka sitzt in ihrem kleinen Büro. An der Wand hängen zwei blau-gelbe Flaggen der Ukraine. Die 65-Jährige sagt mit Falten um die müden Augen: «Wir kämpfen ums Überleben. Keiner weiss, wie es weitergeht.» Wie viele hier im Osten der Ukraine fühlt sie sich alleingelassen mit ihren Alltagssorgen. «Wir lächeln nicht mehr», sagt Pawljuk.

Seit fünfeinhalb Jahren herrscht Krieg in der Ostukraine. Die Armee kämpft gegen von Russland unterstützte Separatisten, die 2014 in der Region Donezk und in Luhansk Volksrepubliken ausriefen. 13000 Menschen haben bereits ihr Leben verloren. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hat am Donnerstag angekündigt, weitere Truppen aus dem umkämpften Gebiet abzuziehen. Ein weiterer Schritt Richtung Entspannung, nachdem Russland und die Ukraine im September Gefangene ausgetauscht hatten. Bald könnte es zu einem neuen Gipfeltreffen kommen, um den noch immer schwelenden Konflikt endlich beizulegen.

Die Schüler flohen ins Treppenhaus

Die Bewohner der Gegend sehnen das Ende des Konfliktes herbei. Auch hier in Krasnohoriwka, einem Dorf in der «grauen Zone», knapp fünf Kilometer entfernt von der Front. In der Ferne ragen Schornsteine in den Himmel. In den Gärten liegen geerntete Kürbisse, die Strassen sind schlecht, in der Dorfmitte stehen ein Weltkriegsdenkmal und ein zertrümmertes Kulturzentrum. Einschusslöcher an Hausfassaden und Mauern, die von Projektilen und Granatsplittern durchbohrt wurden. Spuren des Krieges, der im Westen leicht in Vergessenheit gerät. 129 Häuser sind in Krasnohoriwka beschädigt worden, das weiss Ortsvorsteherin Pawljuk genau. Ihr eigenes ist ebenfalls betroffen.

In Krasnohoriwka wurde seit zwei Jahren nicht mehr geschossen. Trotzdem fürchten einige Bewohner, dass die Gewalt zurückkehren könnte. Bis zum Sommer 2017 habe es jeden Tag Angriffe gegeben, sagt Walentina Skliarowa. Seit knapp 40 Jahren ist sie Lehrerin für Deutsch und Englisch an der Dorfschule. Die Angriffe konnte sie aus dem Fenster ihrer Wohnung live mitverfolgen. Wenn mal ein Tag lang nicht geschossen wurde, hat sie das als ungewöhnlich empfunden.

Damals, im Kriegsjahr 2015, wurde auch Skliarowas Schule von Geschossen getroffen. Die zerstörten Fenster wurden erst nach zwei Jahren ersetzt. Der Unterricht ging trotzdem weiter. Die 60 Kinder, die im grauen Kastenbau zur Schule gehen, lernten genau, wie sie sich bei einem Angriff zu verhalten haben: ins Treppenhaus flüchten, dem einzigen Ort im Haus, der wenigsten etwas Schutz bot.

Lehrerin Skliarowa steht in ihrem Klassenzimmer. Sie hofft, dass dieser «tierische Krieg» bald endet. Es drehe sich doch alles nur um die Interessen ein paar weniger Menschen – und ums Geschäft im reichen Kohlerevier Donbass, sagt sie.

Bei Beschuss in der Nacht floh sie in den Keller. Harrte aus, in einer Wohnung ohne Gas und mit geborstenen Fenstern. Andere suchten Zuflucht im Badezimmer, dem einzigen Raum ohne Fenster. Die Badewanne bot zusätzlichen Schutz vor Schrapnell, wenn man sich hineinlegte und den Kopf einzog. «Wenn plötzlich Bomben fallen, kann man nur noch mit Gott leben», sagt Skliarowa. Trotzdem habe sie nie überlegt, ihre Heimat zu verlassen. «Wir Lehrer sind alle geblieben», erklärt sie und klingt dabei ein bisschen stolz.

Nicht jeder hat es im Dorf ausgehalten. 550 Menschen leben noch in Krasnohoriwka, die meisten sind Rentner. Ein Drittel der Bewohner hat den Ort in den vergangenen Jahren verlassen, auf der Suche nach einem sichereren, einem besseren Leben. Anderthalb Millionen Menschen sind aus der Ostukraine weggezogen. Wer bleibt, versucht, sich mit den Umständen einzurichten, so gut es eben geht. Und oft geht es gar nicht gut: In Dörfern wie Kransohoriwka gibt es kaum noch Ärzte, die meisten sind geflohen. Medizinische Einrichtungen und Gerätschaften wurden zu grossen Teilen zerstört. Kinder bleiben ungeimpft, für die Behandlung von Patienten fehlt es an Infrastruktur und an Material. Viele alte Menschen leiden an chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes. Mobile Kliniken erreichen die Dörfer nur zeitweise – und nur mit der nötigsten Hilfe. Viele Menschen sind auf Lebensmittellieferungen von Hilfsorganisationen angewiesen, die Versorgungslücken schliessen.

Verminte Felder und neue Hoffnung

Wer kann, versorgt sich selbst: mit Gemüse aus dem Garten und Milch von eigenen Kühen. Viele backen wieder ihr eigenes Brot. Früher gab es Jobs in der Landwirtschaft und im Bergbau. Heute sind viele Gruben geschlossen, die Felder vermint. Der Krieg hat die Menschen im Niemandsland von der Infrastruktur abgeschnitten. Hier zu leben, wird mit jedem Tag schwieriger.

In Krasnohoriwka gab es bis Oktober vergangenen Jahres kein dauerhaft fliessendes Wasser, nachdem bei Beschuss Pumpen beschädigt und ein Wasserturm zerstört wurden. Die Versorgung funktionierte lange über einen Brunnen. Trinkbar sei das Wasser von dort kaum gewesen, erinnert sich Ortsvorsteherin Ljudmila Pawljuk, zu schmutzig. «Getrunken haben die Leute es dennoch», sagt sie. Was blieb ihnen anderes übrig?

Das ist der Alltag in den ostukrainischen Dörfern. In Krasnohoriwka hoffen viele Bewohner, dass die Strassen wieder öffnen und sie mit Donezk verbinden, sagt Pawljuk. Die alte Verbindungsstrasse ist seit Jahren kaum mehr befahren, Bushaltestellen sind verwaist. An Checkpoints mit Betonpollern und Panzersperren kontrollieren auf der anderen Seite ukrainische Soldaten mit Automatikwaffen jeden Reisenden. Den letzten Posten vor dem Dorf hat man neben einer zerstörten Eisenbahnbrücke errichtet. Über den Trümmern weht die Landesflagge im Wind.

«Die meisten im Ort haben vor dem Krieg in Bergwerken nahe Donezk gearbeitet», sagt Pawljuk, «doch das ist heute nicht mehr möglich.» Optimistisch stimmt sie einzig noch der im Mai neugewählte ukrainische Präsident Selenski. «Wir wollen, dass der Krieg endet», sagt Pawljuk. «Selenski scheint unsere letzte Hoffnung zu sein.»

Hinweis: Die Reise in die Ostukraine fand auf Einladung der Hilfsorganisation Arche Nova statt.

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