Terror in Paris
«Sie töteten und töteten»: Überlebende beschreiben den Horror im Bataclan

Szenen einer Massenhinrichtung: Im Pariser Lokal Bataclan machten die Besucher eines Rockkonzertes stundenlang den absoluten Horror durch. Augenzeugen berichten.

Stefan Brändle aus Paris
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Eines der wenigen Bilder des Konzerts kurz bevor die Attentäter das Konzert stürmten.

Eines der wenigen Bilder des Konzerts kurz bevor die Attentäter das Konzert stürmten.

Screenshot/twitter.com

Es gibt viele Bilder von den Anschlägen in Paris, aber bisher nur ganz wenige aus dem Inneren des Bataclan, wo der Hauptangriff stattfand, wo die meisten Opfer – deren 89 – zu beklagen waren. Kein Wunder: Wer das Handy einstellte, wurde erschossen. Sofort und eiskalt.

«Glaçant» (eiskalt) ist das Wort, das in den Augenzeugenberichten immer wiederkehrt. Nur langsam finden die Überlebenden Worte, um die Horrorszenen zu beschreiben.

Dabei hätte die Stimmung im Konzertsaal anfangs nicht besser sein können. Die US-Band Eagles of Death Metal gab um 21.40 Uhr gerade ihren Song «Kiss the Devil» zum Besten, als es draussen krachte.

«Wir dachten zuerst, es seien Knallkörper», meinte ein Besucher. Dann sah es hinten im Saal nach Funken aus. Rasch wurde klar, dass es sich um Mündungsfeuer handelte. Drei Männer mit Gewehren schossen den Zuschauern in den Rücken und stürmten weiter, in die Menge schiessend.

Das Trio war unvermummt, mit kurzen Bärten. Einer befahl den über tausend Zuschauern, sich auf den Boden zu legen. In akzentfreiem Französisch erklärte er: «Ihr habt in Syrien unsere Brüder getötet, jetzt sind wir hier.»

Wie ein Konzertbesucher gegenüber Pariser Medien meinte: «Sie sagten, wenn ihr euch bewegt, töten wir euch. Sie erschossen die auf dem Boden liegenden Leute trotzdem.»

«Ein viertes Mal hätte ich es nicht ausgehalten»

In einer zweiten Phase drehten sie die reglos Liegenden mit den Füssen um, um zu sehen, ob sie noch am Leben waren. Grégozy, ein überlebender Familienvater, stellte sich tot. Die Täter traten ihn dreimal ins Bein, doch er bewegte sich nicht, obwohl er eine Knieprothese trägt und die Tritte kaum ertrug. «Ein viertes Mal hätte ich es nicht ausgehalten.»

Ein halber Meter neben ihm bewegte sich ein Mann auf dem Boden. «Er wurde mit einer Kugel in den Kopf niedergestreckt.» Eine junge Frau namens Laura wiederholt immer wieder: «Sie töteten, töteten, töteten. Ich war von Toten umgeben. Ich weiss nicht, wie ich überlebt habe.»

Alle Leute sagen: Die Täter waren jung, und sie gingen mit grosser Ruhe zur Sache, während sie Sprengstoffgürtel trugen. Die Ruhe der drei Täter und ihr eiskaltes Vorgehen - das kommt in fast allen Berichten vor.

Julien, ein Radiojournalist: «Sie waren schwarz gekleidet. Einer hatte ein sehr jungenhaftes Gesicht, und er ging seelenruhig zur Sache. Er ging sehr methodisch zu Werke, töteten eiskalt einen nach dem anderen.»

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Keystone

Julien selbst kam unter zwei Besucher zu liegen. Das rettete ihm wohl das Leben. Die Terroristen wechselten sehr geübt die Magazine, setzten das «Abschlachten» fort, wie ein Überlebender namens Benjamin berichtet. Nach einem neuen Schuss sei Körper auf ihn gefallen.

«Sein Blut ergoss sich auf mein Bein. Meinen Nachbarn, einen Mann von 50 Jahren, traf ein Schuss direkt ins Gesicht; Stücke seines Hirn fielen auf meine Brille. Ich hörte die Kugeln und versuchte, auf den Boden zu schauen. Da war eine riesige Blutlache.»

Mit der Zeit gab es Momente der Stille. Einmal sahen zwei Attentäter im ersten Stockwerk nach. In einem unbeachteten Moment gelang es Julien mit anderen Konzertbesuchern, sich in ein Lokal neben der Bühne zu retten. Pech: Der kleine Raum hatte keinen Ausgang. Da rannte die Gruppe über die Bühne auf die andere Seite, zum Notausgang.

Julien konnte noch eine junge Frau, die nach zwei Einschüssen viel Blut verloren hatte und das Bewusstsein zu verlieren drohte, schultern und mit ihr den Saal in eine Nebengasse verlassen.

Dort filmte ein Anwohner, Journalist von Le Monde, wie Besucher davonrannten oder –hinkten, wie mehrere Leute aus den Fenstern kletterten und sich unter dem Sims an die Mauer pressten, nur um den Schüssen zu entgehen.

Draussen waren die Antiterroreinheiten vorgefahren. Aus dem Innern erhielten sie die Mitteilung einer Geisel, die twittern konnte: «Schwer verletzt. Es gibt Überlebende. Geben Sie den Befehl zum Sturm.»

Nach Mitternacht kletterten die ersten Polizisten über Leitern in die Fenster des Bataclan. Kurz darauf waren Explosionen zu hören: Zwei der Attentäter hatten sich in die Luft gesprengt, der dritte wurde offenbar neutralisiert. Der Horror war vorbei.

Hunderte von Verletzten wurden auf den Strassen verarztet, oder teils in Bussen abtransportiert, Leichen weggetragen. Zurück bleibt der Bataclan, einst ein Konzertsaal, nun weltweit bekannt als Ort jugendlicher, eiskalter und seelenloser Barbarei.