Sie haben alles verloren: Das sind die Verzweifelten von Moria

Mehr als 12'000 Menschen stehen seit dem Brand in Europas grösstem Flüchtlingslager auf der Strasse mit nichts ausser ihrer Angst und Verzweiflung. Fünf von ihnen erzählen, was sie jetzt tun.

Text: Philipp Hedemann Bilder: Alex Horst
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Wafaa, 35, ist mir ihren sechs Kindern und ihrem Mann nur knapp dem Feuer entkommen.

Wafaa, 35, ist mir ihren sechs Kindern und ihrem Mann nur knapp dem Feuer entkommen.

Ein Feuer hat das überfüllte Flüchtlingslager Moria fast vollständig zerstört. Rund 12'000 Menschen sind über Nacht obdachlos geworden. Während auf der griechischen Insel Lesbos und in den europäischen Hauptstädten noch diskutiert wird, wie die Menschen, die im Feuer fast alles verloren haben, jetzt versorgt werden sollen, verzweifeln die Flüchtlinge auf den Strassen von Lesbos. Wir haben mit Helfern und Geflüchteten über ihre Situation gesprochen.

Geflüchtete wie die 35-jährige Libanesin Wafaa, die mit ihrer achtköpfigen Familie bis zur Feuerkatastrophe vergangene Woche in Europas grösstem Flüchtlingslager gewohnt hatte. «Als das Feuer ausbrach, schliefen wir in unserem Zelt. Mein Mann und ich haben uns unsere sechs Kinder geschnappt und sind mit ihnen davongerannt», erzählt Wafaa am Telefon.

Ihre Kinder sind zwölf, elf, zehn, acht, sechs und vier Jahre alt. «Sie haben geschrien und geweint», erzählt Wafaa. Seit dem Feuer hätten sie kaum Schlaf bekommen und seien total verängstigt. «Sie haben riesige Angst, dass böse Menschen wieder ein grosses Feuer legen und dass wir verbrennen könnten», sagt die verzweifelte Mutter.

Es bricht ihr das Herz, dass sie ihren Kindern diese Angst nicht nehmen kann und dass ihnen ausser dieser Angst fast nichts geblieben ist: «Ausser den Kleidern, die wir am Leib tragen, ist fast alles verbrannt. Ich habe noch nicht mal mehr Essen und Trinken für meine Kinder.»

Wafaa und ihre Familie schlafen jetzt auf der Strasse. Es gibt kaum Ärzte, die die Verletzten versorgen. Die Angst vor dem Coronavirus ist gross. Und viele Inselbewohner wollen die Flüchtlinge schnell loswerden. «Ich hoffe so sehr, dass Angela Merkel Mitleid hat und zumindest die Familien mit kleinen Kindern nach Deutschland kommen dürfen», sagt Wafaa. Das ist ihr einziger Wunsch.

«Moria darf nicht wieder aufgebaut werden»

Azim, 41, aus Afghanistan.

Azim, 41, aus Afghanistan.

«Ich weiss nicht, wer das Feuer gelegt hat. Viele sagen, es waren griechische Faschisten. Aber es könnten auch verzweifelte Lagerbewohner gewesen sein. Vor allem bei den jungen Männern, die hier teilweise seit Jahren festhängen, liegen die Nerven blank.

Immer wieder kommt es zu Streit und Messerstechereien. Es sind einfach zu viel Menschen auf zu engem Raum unter zu schlimmen Bedingungen. Hinzu kommt die Angst vor Corona. Als das Feuer ausbrach, sind wir weggerannt, aber die Polizei hat uns mit Tränengas aufgehalten. Ich habe seit dem Feuer keine warme Mahlzeit bekommen.

Ich bin mit Freunden in das abgebrannte Lager zurückgekehrt und habe nach Essen gesucht. Moria darf nicht wiederaufgebaut werden. Denn dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis das nächste grosse Feuer ausbricht.»

«Ich habe Angst, vergewaltigt zu werden»

Mahdie, 16, aus Afghanistan.

Mahdie, 16, aus Afghanistan.

«In der Panik wurden viele Familien getrennt. Ich habe einen Vater schreien hören: ‹Wo ist mein Sohn? Wo ist mein Sohn?› Viele Flüchtlinge sagen, rechtsradikale Griechen hätten das Feuer gelegt, um uns alle für immer von der Insel zu vertreiben.

Aber wir sind noch hier. Deshalb habe ich grosse Angst, dass sie nicht aufhören, bis wir wirklich weg sind. Aber wo sollen wir hin? Niemand will uns haben! Jetzt schlafen wir auf einem Lidl-Parkplatz. Wir können aber nicht reingehen und uns etwas zu essen kaufen. Wir haben kein Geld.

In Moria hatte ich von Leuten gehört, die es nicht mehr aushielten und sich umgebracht haben. Ich habe Angst, vergewaltigt zu werden. Wir müssen hier weg. Ich hoffe auf ein Wunder. Ich hoffe, dass ein europäisches Land mich und meine Familie aufnimmt.»

«Fast alle Kinder sind traumatisiert»

Eirini Spirelli, Lesbos.

Eirini Spirelli, Lesbos.

Bild: SOS-Kinderdorf

«Ich bin Koordinatorin des SOS-Kinderdorfes im Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos. Alle Bewohner wurden vor dem Feuer aus Moria umgesiedelt. Als das Feuer ausbrach, haben sich viele Menschen wieder auf den Weg nach Kara Tepe gemacht.

Aber die Polizei hat sie aufgehalten. Wir versorgen die Obdachlosen mit Windeln für die Babys und Hygieneartikeln. Fast alle Kinder in den Flüchtlingslagern sind durch das, was sie auf der Flucht und in den Lagern erlebt haben, traumatisiert. Durch das Feuer werden die Angstzustände noch verstärkt. Ich komme von Lesbos.

Für mich und meine Helfer wird die Arbeit immer schwieriger und gefährlicher. Weil viele Einheimische die Flüchtlinge nicht mehr hier haben wollen, werden Helfer wie ich angegriffen. Unsere Arbeit wird immer schwieriger, ausgerechnet jetzt.»

«Die Zustände hier sind schlimmer als in Syrien»

Alea Horst, 38, aus Deutschland.

Alea Horst, 38, aus Deutschland.

«Ich bin Fotografin und dokumentiere die Zustände in Moria seit 2016. Seit damals haben sich die Verhältnisse dramatisch verschlechtert. Ich habe in Flüchtlingslagern in Jordanien und in Bangladesch gearbeitet und war während des Krieges in Syrien.

Aber nirgendwo haben die Menschen unter so katastrophalen Bedingungen gelebt wie in Moria. Und das innerhalb der Europäischen Union! Das ist absolut inakzeptabel. Natürlich wussten die Verantwortlichen in Europa auch schon vor dem Feuer, wie schlimm die Verhältnisse hier waren. Bilder gab es ja genug.

Niemand kann sagen: ‹Das haben wir nicht gewusst.› Diesmal bin ich nicht nur mit der Kamera angereist, sondern mit einer ganzen Tasche voller Medikamente. Immerhin habe ich schon ein paar Menschen mit teilweise lebensnotwendiger Medizin versorgen können.»

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