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Krimtataren-Führer: «Die Russen wollen uns Angst machen»

Refat Tschubarow, Führer der Krimtataren, spricht über das Leben seines Volkes fünf Jahre nach der Annexion der Krim durch Russland. Der Westen müsse konsequenter gegen Putin vorgehen.
Interview: Stefan Scholl, Moskau
Der Führer der Krimtataren, Refat Tschubarow, bei einer Demonstration in Kiew. Bild: Danil Shamkin/Getty (Kiew, 26. Juni 2018)

Der Führer der Krimtataren, Refat Tschubarow, bei einer Demonstration in Kiew.
Bild: Danil Shamkin/Getty (Kiew, 26. Juni 2018)

Refat Tschubarow (61) ist Vorsitzender des Medschlis, des Selbstverwaltungsorgans der Krimtataren. Seine Heimat wurde im Frühjahr 2014 von russischen Truppen besetzt. Nach einer umstrittenen Volksabstimmung am 16. März schloss Russland die Halbinsel am 18. März an. Seit 2014 darf Tschubarow nicht mehr in die Krim einreisen, der Medschlis wurde als extremistische Organisation verboten. Vor zwei Jahren, 2017, verpflichtete der UN-Gerichtshof Russland, dieses Verbot aufzuheben, es ignoriert den Beschluss. Der stellvertretende Vorsitzende des Medschlis, Achtjom Tschijgos, wurde zu acht Jahren Haft verurteilt.

1944 hatte Stalin etwa 200000 Krimtataren in Viehwagen nach Zentralasien deportieren lassen, 40000 bis 90000 waren dabei umgekommen, die Überlebenden und ihre Kinder durften erst nach 1989 zurückkehren. Von knapp 280000 Krimtataren, die 2014 auf der Krim lebten, siedelten Zehntausende in die verbliebene Ukraine um.

Die Besetzung der Krim durch Russland 2014 hat Sie praktisch zum politischen Emigranten im eigenen Land gemacht. Wie haben Sie die vergangenen fünf Jahre erlebt?

Refat Tschubarow: Ich würde das nicht Emigration nennen, ich lebe ja trotzdem im eigenen Staat, in der Ukraine. Aber wie viele Tausende Krimtataren kann ich nicht mehr in meine Heimat zurück, die ja auch Teil der Ukraine ist. Diese fünf Jahre sind für mich schwarz gefärbt. Meine Mutter ist 85, wurde 1944 unter Stalin deportiert. Jetzt hat sie Angst, man lasse sie nicht mehr zurück, wenn sie mich besucht. Sie will auf der Krim, in der Heimat, sterben.

2014 stellte Moskau den Krimtataren allerlei Rechte und Privilegien in Aussicht. Warum haben Sie abgelehnt?

Wenn wir als Krimtataren gesagt hätten, gut, die Ukraine hat ihr Gebiet nicht schützen können, Russland ist da, wir müssen also mit Russland klarkommen, das wäre Selbstbetrug gewesen. Wer auch immer im Kreml sitzt, welch schönen Angebote er den Krimtataren auch unterbreitet, wir wissen, diese Versprechungen sind keinen Groschen wert. Seit 1793, seit der ersten Annexion der Krim durch Russland, kam alles Unglück für die Krimtataren aus Moskau.

Die Wolgarepublik Tatarstan fühlt sich halbwegs wohl in Russland.

Dort leben drei von fünf Millionen russischer Tataren, der zweitgrössten ethnischen Gruppe Russlands, ihre Republik ist Subjekt der Russischen Föderation. Aber bevor Tatarstan bestimmte Eigenständigkeiten erhielt, gab es zwei Tschetschenienkriege mit Hunderttausenden Toten. Russland benutzt geschickt sehr verschiedene Mechanismen. Indem es die einen unterdrückt, zieht es andere an sich. Aber wenn morgen die Wolgatataren ein bisschen lauter über ihre unveräusserlichen Rechte reden, dann wird man gegen sie so grausam vorgehen, wie vorher gegen die Tschetschenen.

Wie leben Ihre Leute auf der Krim? Wie stark sind die Repressalien gegen Sie?

Im Februar gab es Hausdurchsuchungen in drei Familien in dem Dorf Bijuk-Onlar, drei Männer wurden verhaftet, zwei davon Familienväter, alle drei werden beschuldigt, terroristischen Organisationen anzugehören. Zurzeit sind über 70 Leute in Haft. Dutzende wurden verschleppt, über zehn davon haben wir ermordet gefunden. Die Repressalien haben System, sie wollen uns Angst machen, uns zwingen, die Krim zu verlassen.

Es gibt das Ziel, die Krimtataren von der Halbinsel zu verdrängen?

Russland hat die Krim nicht okkupiert, um auch nur einer Volksgruppe dort Gutes zu tun. Es hat in diesen fünf Jahren die Krim zum militärischen Vorposten umgebaut. Alle modernen Waffen, die Russland besitzt, hat es auf die Krim gebracht. Die Krim ist eine Drohung für die Südflanke der Nato, strategisch sehr wichtig für die Kontrolle des Schwarzen und des Mittelmeeres. Wenn ein Staat besetztes Gebiet in eine Festung verwandelt, kann er dort keine Leute gebrauchen, die ihm nicht bedingungslos ergeben sind.

Sie sind in Kiew, der Medschlis ist es auch, die Masse Ihrer Leute aber noch auf der Krim. Verlieren Sie, die Elite, nicht den Kontakt zum eigenen Volk?

Von 33 Mitgliedern des Medschlis befinden sich nur zehn ausserhalb der Krim. Und nur fünf von 33 haben die Seite der Okkupanten gewählt. Die neueste Geschichte, vor allem die Sowjetzeit, hat uns gelehrt, uns selbst zu organisieren, zu kämpfen – gewaltfrei, aber massenhaft. Der Kuraltai, unser Parlament, war von 1917 bis 1991 verboten. Die Krimtataren wissen, wie man sich gegen Unterdrückung zu wehren hat.

Welche strategischen Ziele verfolgt Russland nach Ihrer Ansicht in der Ukraine?

Putin hat bestimmte Vorstellungen über Russlands Position in der Welt, die er versucht, Schritt für Schritt zu realisieren. Und die Ukraine hat das gewaltige Problem, dass sie sich in der ersten Reihe befand, als Putin damit anfing. Gegenüber uns setzt er direkte, gegenüber den Ländern Europas potenzielle Aggression an. Wenn wir die Ukraine nicht verteidigen, sind sie an der Reihe.

Was halten Sie vom Verhalten des Westens gegenüber Russland in diesen fünf Jahren?

Die Bemühungen des Westens haben sicher dazu geführt, dass die Ausweitung der russischen Expansion gestoppt wurde. Aber diese Bemühungen reichen nicht aus, um Russland zu zwingen, in den Rahmen des internationalen Rechts zurückzukehren. Der Aggressor wurde aufgehalten, aber die Folgen seiner Aggression bestehen weiter. Der Westen muss konsequenter sein.

Das klingt nicht gerade so, als stünde Europa wie eine Mauer hinter der Ukraine.

Dass Putin so wurde, wie er heute ist, haben wir auch einem Teil der Politiker Westeuropas zu verdanken. Und wenn sich die Welt eines Tages hinsetzt, um jedem zu bemessen, was er verdient, dann hoffe ich, dass man sich auch an Schröder oder andere Politiker erinnert, die sich für russisches Öl und Gas verkauft haben.

Die Krim rückt in den Hintergrund

Die Staatsduma ist zu einer Gastsitzung angereist, in Simferopol gibt es Galakonzert und Feuerwerk, Wladimir Putin persönlich besucht die Krim. Aber es wird keine grosse allrussische Party, die meisten Regionen zwischen Kaliningrad und Kamtschatka begnügen sich mit Lesungen, Malwerkstätten oder Kunstausstellungen. Vor dem fünften Jahrestag des Anschlusses der Krim herrscht in Russland eher schwache Euphorie. Viele Bürger hätten das Thema satt, schreibt die Zeitung «Kommersant». Die Vertrauensrate Putins hängt durch, nach der jüngsten Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM ist sie auf 32 Prozent gesunken.

Anderswo gerät die Krim noch mehr zum Antithema. In den Wahlkampfreden der ukrainischen Präsidentschaftskandidaten spielt sie kaum eine Rolle. Bezeichnend der Spruch von Amtsträger Petro Poroschenko, man werde die verloren gegangene Schwarzmeerhalbinsel «nicht hergeben». Auch seine Konkurrenten haben null Konzept, wie man sie wieder bekommen könnte. Ratlosigkeit, die die ukrainische Politik mit der gesamten westlichen Welt teilt. Dabei galt die Krim noch kurz vor der Annexion als Platz der Völkerfreundschaft. Eine von der Sonne geküsste Meerlandschaft, wo ausser Russen, Ukrainern und Krimtataren auch Armenier, Griechen und Juden friedlich lebten, Urlaub oder Geschäfte machten. Postsowjetisches Multikulti, bei der Fussball-EM 2012 feuerten die Krimbewohner die Ukraine wie Russland an, die Brücke über die Kertscher Meerenge wollten eigentlich beide Länder gemeinsam bauen. Auch den ethnischen Russen hier war ziemlich egal, ob die arg korrupten Bürokraten nun ukrainische oder russische Staatswappen am Ärmel trugen.

Sanktionen bestehen bis heute

Im Frühjahr 2014 tauchten massenhaft schwer bewaffnete junge Männer in nagelneuen grünen Uniformen ohne jedes Wappen am Ärmel auf, sie nahmen strategisch wichtige Punkte ein. Die russischen Besatzer kamen sehr unverhofft und verstiessen gegen ein ganzes Bündel internationaler Abkommen. Die Behauptungen des Kremls, man habe die Menschen auf der Krim vor nazistischen ukrainischen Mordbrennern retten müssen, waren so wie jene «Züge der Freundschaft», mit denen die Mordbrenner angeblich anreisen wollten – leer. Vor dem Einmarsch der Russen hat es keinen Toten auf der Krim gegeben. Vertragsbruch, getarnt-anonyme Militäraktion, und massenhaft Propaganda – die russische Öffentlichkeit war damals begeistert. Endlich hatte man dem arroganten Westen gezeigt, was eine Harke ist. Und bis heute versichert Moskau, der hybride Angriff sei nur die Antwort auf das heimtückische Projekt der USA gewesen, mit gekauften Strassenrevolutionen erst die Ukraine und dann Russland selbst zu destabilisieren und einzusacken. Der perplexe Westen aber reagierte erst, als auch das Donbas an der Reihe war. Die damals erlassenen Sanktionen bestehen bis heute, wie die Wirtschaftskrise, in die Russland 2014 rutschte. Auch der Krieg im Donbas und der Propagandakrieg im Internet gehen weiter, ebenso die russischen Repressalien gegen die Krimtataren, die heftig gegen den Anschluss opponiert hatten. Schlimmer noch, auf der Krim wurde ein neuer Ostwestkonflikt losgetreten, der jetzt sogar wieder in atomarem Wettrüsten eskaliert. Der Stein des Anstosses selbst, die Krim, verschwindet unter einem Berg anderer strittiger Probleme. (ssm)

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