Sie wollte ein Terroropfer sein

Eine Französin ist zu einer Haftstrafe verurteilt worden, weil sie sich fälschlicherweise als Opfer der Bataclan-Anschläge ausgegeben hatte. Sie ist keineswegs ein Einzelfall.

Stefan Brändle, Paris
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Alexandra D. erzählte den Medien immer wieder, wie sie vor drei Jahren, an jenem 13. November, auf der Terrasse des Pariser Bistros Le Carillon gesessen habe, als die Terroristen kamen. Eine Gewehrkugel habe sie am Ellbogen getroffen, fügte sie mit Verweis auf eine Narbe an. Sensibel zeigte sie Schuldgefühle gegenüber den insgesamt 130 Todesopfern jener Schreckensnacht: «Ich fragte mich ständig, ob ich sie hätte retten können.» Dafür liess sich Alexandra die Devise der Stadt Paris, «Fluctuat nec mergitur» («Sie schwimmt und geht nie unter»), auf den Arm tätowieren.

All das war gelogen. Am Dienstag ist die 33-jährige Pariserin von einem Gericht zu zwei Jahren Haft, davon sechs Monate unbedingt, verurteilt worden. Unter Tränen hatte sie zuvor gestanden, dass sie den 13. November zu Hause verbracht habe und die ganze Szene erfunden hatte.

Auf die Schliche gekommen waren ihr ein Opferverband und die von ihm eingeschaltete Polizei, weil Alexandra D. in ersten Interviews mit roten Augen – aber unverletztem Ellbogen – erklärt hatte, sie sei Stammgast in dem Bistro, auch wenn sie an jenem Abend nicht dort gewesen sei.

Psychotherapie angeordnet

Ihr Motiv wurde an dem Prozess nicht ganz klar. Der Staatsanwalt sprach von «Geldgier» und setzte durch, dass die Anklagte den von einem Opferfonds bezogenen Betrag von 20 000 Euro zurückzahlen muss. Die junge Frau bat unter Tränen um Verzeihung und meinte vage, sie habe sich in einer «Schutzblase» gefühlt, als sie an einer Erholungswoche für Terroropfer in der Normandie teilgenommen habe. Das Gericht auferlegte ihr eine Psychotherapie.

In Frankreich sind solche Fälle weniger selten, als man annehmen würde. Fünfzehn Personen sind schon verurteilt worden, weil sie sich irrigerweise als Opfer der Pariser Anschläge von 2015 ausgegeben haben. Cédric R., von Beruf Ambulanzfahrer, erzählte eine Woche später, wie er gegenüber dem Bataclan-Konzertlokal in einem Kaffee gesessen und dann einem Verwundeten geholfen habe.

«Als ich den Kopf hob, sah ich einen Typen vor dem Bataclan mit einer umgehängten Kalaschnikow. Er drehte sich um und zielte auf mich. In dem Moment rannte eine Frau vorüber und wurde statt mir getroffen.» Die Ermittler wurden stutzig, weil das angebliche Opfer in keinem Polizeibericht auftauchte. Schliesslich gab der 27-jährige Mann zu, dass er an jenem Abend in seinem Auto auf der Autobahn A13 unterwegs gewesen war. Er erhielt 18 Monate bedingt aufgebrummt.

Hochstapler im Sog der Medienbilder

Zwölf Monate erhielt die 24-jährige Laura L., die der Polizei eine Geschichte mit einem Schönheitsfehler aufgetischt hatte: Sie erzählte nicht nur detailliert von der blutigen Szenerie im «La Carillon», sondern auch von der Druckwelle der Explosion. Bloss war dort keine Bombe hochgegangen. Auffällig ist, dass die Motive meist nicht in erster Linie finanzieller Natur sind. Eher scheinen die Hochstapler in den Sog der auf die Anschläge folgenden Medienbilder zu geraten – und daran teilhaben zu wollen. Ihre «Geschichten» sind jedenfalls so amateurhaft konstruiert wie die Komplotttheorien, die in Paris nach 2015 ins Kraut schossen.

Der Opfervertreter Julien Rencki fordert dennoch eine harte Bestrafung: «Diese Betrüger säen in der Öffentlichkeit Zweifel über das sehr reale Leiden der echten Opfer.» Renckis Opferverband FGTI hat bereits 6000 Opfer entschädigt. Jetzt werden ihre Berichte neu überprüft – aber in aller Diskretion, um die wirklichen Opfer nicht zusätzlich zu traumatisieren.