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SIMBABWE: Das klanglose Ende der Mugabe-Ära

Mit der Machtübernahme des Militärs hat die lange, brutale Herrschaft Mugabes als Staatschef der einstigen britischen Kolonie Rhodesien ein plötzliches Ende gefunden. Nur so konnte verhindert werden, dass der Despot eine Dynastie errichtet.
Wolfgang Drechsler, Kapstadt
In der Nacht auf gestern unter Hausarrest gestellt: Robert Mugabe und seine Frau Grace; hier bei einer Parteikundgebung in Harare. (Bild: AP (8. November 2017))

In der Nacht auf gestern unter Hausarrest gestellt: Robert Mugabe und seine Frau Grace; hier bei einer Parteikundgebung in Harare. (Bild: AP (8. November 2017))

Wolfgang Drechsler, Kapstadt

Wenn die präsidiale Autokolonne durch den Nobelvorort Borrowdale rast, in dem Robert Mugabe in Harare noch lebt, fährt der gesamte Verkehr in einer zähneknirschenden Ehrerbietung für den Despoten sofort zur Seite. Selbst mit 93 Jahren schien Mugabe bis zuletzt nur darauf bedacht, bis zu seinem Lebensende an der Macht zu bleiben – und dies auch öffentlich immer wieder zur Schau zu stellen. Doch mit dem Alter und seinem bekannten Starrsinn hat Mugabe zuletzt nicht nur seinen untrüglichen Machtinstinkt, sondern auch jeden Realitätsbezug verloren: Es waren schliesslich seine willkürliche Entlassung des vor allem in Militärkreisen weithin beliebten Vizepräsidenten Emmerson Mnangagwa und der zeitgleich unternommene Versuch, seine im Volk weithin verhasste Frau Grace als dessen Nachfolgerin zu etablie­ren, die das Fass für die Streitkräfte des Landes zum Überlaufen gebracht hat – und Mugabe nun das Amt kosten wird.

Mit der Machtübernahme des Militärs in Simbabwe ist die lange, brutale Herrschaft Mugabes als Staatschef der einstigen britischen Kolonie Rhodesien an ein Ende gekommen. Soldaten unter dem Kommando des kurz zuvor von dem Diktator entlassenen Armeechefs Constantin Chiwenga hatten am späten Dienstag die Kontrolle über den Staatssender ZBC übernommen – ein in Afrika untrügliches Zeichen für einen Coup. Zeitgleich waren Panzer und Truppentransporter an allen wichtigen Kreuzungen und Zufahrtstrassen der Hauptstadt Harare aufgefahren. Mugabe und seine Frau wurden in der Nacht auf gestern unter Haus­arrest gestellt. Für Grace Mugabe wurde offenbar inzwischen ausgehandelt, dass sie ins Exil gehen kann. Dies dürfte vermutlich irgendwo im Fernen Osten sein, etwa in Singapur, wo Mugabe wegen Prostatakrebs seit langem medizinisch behandelt wird.

Die Situation selbst war auch am gestrigen Abend noch immer verworren. In einer ersten Erklärung kurz nach der Machtübernahme hatte das Militär von Mugabe noch immer als «Präsidenten» gesprochen und versichert, dass er wohlauf sei. Gleichzeitig hiess es, dass die Übernahme der Macht durch die Streitkräfte «auf Kriminelle im Dunstkreis des Präsidenten» abziele, die für den wirtschaftlichen Niedergang des Landes verantwortlich seien – ein klarer Hinweis auf die für ihre vielen Einkaufsbummel im Ausland berühmt-berüchtigte Grace Mugabe und ihre mehrheitlich jungen Unterstützer in der Partei. Der ausgeprägte Hang der First Lady zum Luxus wird ihr in einem Land, in dem inzwischen fast 90 Prozent der Menschen keinen festen Job haben und 70 Prozent unter der Armutsgrenze leben, sehr übel genommen.

Der für gewöhnlich gut informierte Oppositionspolitiker und Anwalt David Coltart sprach von einem eher «widerwilligen» Militärcoup. Vieles deute darauf hin, dass es sich nicht um ein Vorgehen gegen die Opposition oder Institutionen des Staates handle, sondern um einen heftigen Machtkampf innerhalb der regierenden Zanu-PF, in den sich nun auch die durch die Säuberungen unter Druck geratenen Streitkräfte eingeschaltet hätten. Das Vorgehen der Militärs scheint sich vor allem gegen jene Teile der Regierungspartei zu richten, die, wie etwa die radikale Jugendliga, Mugabes Frau Grace nahestehen und ihre Inthronisierung als Nachfolgerin des Diktators ausdrücklich befürworten. Ein weiteres Indiz dafür ist auch die Festnahme von Finanzminister Igantius Chombo, der erst vor wenigen Wochen völlig überraschend von Mugabe ernannt worden war, obwohl er nach Beobachterangaben keinerlei Kompetenz für den Posten hat. Ein Experte der Risikoberatung Verisk Maplecroft erklärte, die erhöhte Militärpräsenz sei als klares Zeichen dafür zu deuten, dass die Streitkräfte alles tun würden, um Mnangagwa zu stützen – und gleichzeitig Grace Mugabe als Präsidentin zu verhindern.

Grosser Rückhalt für Mugabes potenziellen Nachfolger

Der Anwalt Coltart vermutet, dass das Militär die Regierung nicht wirklich selbst übernehmen, sondern bei dem für nächsten Monat geplanten Parteitag der Regierungspartei nur für ein faireres Votum sorgen wolle – und dann wieder an eine Zivilregierung übergibt. Eine faire Wahl wäre nach dem Rauswurf Mnangagwas aus der Partei und den jüngsten Säuberungsaktionen unter seinen Anhängern nicht mehr gewährleistet gewesen, zumal Mugabe eine Direktwahl seiner Stellvertreter abgeschafft hat. Die darf der Despot jetzt selbst ernennen – und Grace Mugabe wäre nach den jüngsten Entwicklungen die natürliche Wahl gewesen. Mugabes Vorgehen gegen seinen bisherigen Vizepräsidenten Mnangagwa erinnert stark an die Entmachtung der lange Zeit ebenfalls als Nachfolgerin gehandelten Joyce Mujuru. Auch diese war vor drei Jahren nur wenige Wochen vor dem Parteitag der Zanu von Mugabes Frau erst attackiert und dann aus dem Politbüro geworfen worden. Mujuru hat inzwischen eine eigene Partei gegründet und ist erklärte Gegnerin Mugabes. Damals hatte das Militär noch stillgehalten, auch wenn es bereits rumort hatte.

Dem Schicksal Mujurus hofft Mnangagwa nun durch seine enge Allianz mit dem Militär zu entgehen. Die Chancen auf eine Machtübernahme stehen für ihn denkbar günstig. So hat er angeblich bereits der Opposition Gespräche zur Bildung einer Übergangsregierung offeriert. Und auch mit den von Mugabe vertriebenen weissen Farmern will er, wie jetzt berichtet wird, über eine Rückkehr reden. Der 75-Jährige war letzte Woche kurz nach seinem Rausschmiss wegen der gegen ihn erhobenen Todesdrohungen nach Südafrika geflohen, aber ist inzwischen wieder nach Simbabwe zurückgekehrt und bereitet sich jetzt nach eigenem Bekunden auf die Regierungsübernahme vor.

Der langjährige Kampfgefährte Mugabes verfügt durch seine Zeit im Unabhängigkeitskampf gegen das weisse Minderheitsregime, aber auch durch seine fast vier Jahrzehnte im nationalen Kabinett über grossen Rückhalt sowohl im Militär wie in der Regierungspartei. In den 80er-Jahren war er Geheimdienstchef und dabei brutal gegen Oppositionelle vorgegangen, was ihm wegen seiner Ruchlosigkeit den Beinamen «das Krokodil» einbrachte. Viele machen Mnangagwa verantwortlich für die damaligen Massaker im Matabeland, der Hochburg der Volksgruppe der Ndebele. Dabei sollen von einer in Nordkorea ausgebildeten Brigade rund 20000 Ndebele getötet worden sein. Nach über 50 Jahren gemeinsamer Freundschaft weiss er alles über Mugabe. Umso grösser war die Verblüffung, als der Diktator ausgerechnet ihn in der vergangenen Woche aus dem Amt bugsierte und wenig später auch noch aus der Partei warf.

Bild: PD

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