Sind Kinder doch ansteckend? Deutscher Chef-Virologe Drosten widerspricht dem BAG

Kinder dürfen ihre Grosseltern bedenkenlos umarmen, sagt der Covid-19-Delegierte des Bundes. Christian Drosten, Merkels Chef-Virologe, sieht das anders: Kinder seien genauso ansteckend wie Erwachsene.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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«Grosseltern dürfen Enkel ohne Gefahr in die Arme nehmen.» Dieser Satz von Daniel Koch, dem Covid-19-Delegierten des Bundes, war in dieser Woche eine gute Nachricht für Grosseltern und Enkelkinder in der Schweiz. Laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Bern würden nicht die Kinder das Virus weitergeben, sondern die Erwachsenen. Die Kleinsten seien laut BAG keine Träger von Covid-19. Daher könnten sie das neuartige Corona-Virus auch nicht ihren Grosseltern weitergeben.

Der renommierte Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité widerspricht der Einschätzung seiner Schweizer Kollegen in einer soeben vorgelegten Studie vehement.

Zwei Virologen, zwei Haltungen: Christian Drosten von der Berliner Charité und Daniel Koch, Covid-19-Delegierter des BAG.

Zwei Virologen, zwei Haltungen: Christian Drosten von der Berliner Charité und Daniel Koch, Covid-19-Delegierter des BAG.

Bild: Keystone

Bei der Weiterverbreitung des Virus bestünde demnach «kein signifikanter Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen», hält Merkels Chef-Virologe, ein international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Coronaviren, via Twitter fest. Mit anderen Worten: Kinder – egal welchen Alters – die sich mit dem Corona-Virus infiziert haben, können den Erreger genauso weitergeben wie Erwachsene.

Charité warnt vor Ansteckungsrisiko

Drosten und sein Forscher-Team der Charité sind der Frage, wie ansteckend Kinder tatsächlich sind, in einer eigenen Studie nachgegangen. Nun legt Drosten ein sogenanntes Preprint vor. Dabei handelt es sich um eine noch nicht von Fachkollegen begutachtete Studie.

Das Berliner Forscher-Team untersuchte die Proben von 3712 Menschen, die zwischen Januar und Ende April positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden waren. Die Viruslast bei Kindern und Erwachsenen bewegte sich demnach in vergleichbarer Intensität. Laut Drosten zeigen Kinder allerdings viel seltener Krankheitssymptome wie Fieber oder Husten. Da bislang Coronatests vor allem bei jenen vorgenommen wurden, die Symptome zeigen, sei die offiziell erfasste Infektionsrate bei Kindern zwangsläufig niedrig. Daraus dürfe aber nicht der falsche Schluss gezogen werden, dass Kinder deswegen seltener infiziert und weniger ansteckend seien als Erwachsene.

Das sagt das BAG

Das Bundesamt für Gesundheit in Bern (BAG) bedient sich auf Anfrage dieser Zeitung indes just jenen Argumenten, welche Virologe Christian Drosten als trügerisch zurückweist. «Kinder sind seltener infiziert und haben wesentlich weniger Symptome wie husten oder niesen, so dass sie auch viel weniger übertragen», sagt eine BAG-Sprecherin. Studien würden zeigen, dass das Risiko, sich zu infizieren, um das 10. Altersjahr zu steigen beginne. «Auch da immer noch auf niedrigem Niveau», betont die Sprecherin.

Fabian Pirzer, Doktorand der Virologie im Team von Christian Drosten an der Berliner Charité, verweist auf die soeben vorgelegte Studie, die in Widerspruch zur Haltung des BAG steht. «Es ist egal, wie alt man ist. Weil die Viruslast von jedem übertragen werden kann. Es gibt keinen signifikanten Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen bei der viralen Konzentration», so Pirzer gegenüber CH Media.

Man sollte den Kontakt so gut wie möglich minimieren

Auf die Frage, ob man bei der Charité die Aussage von Daniel Koch in Bezug auf Enkelkinder und ihre Grosseltern für fahrlässig hält, meint Pirzer: «Es ist unwahrscheinlich, dass Kinder, die über Wochen isoliert waren und deren Eltern das Virus nicht in sich tragen, Covid-19 übertragen.» Indes, fügt er hinzu: «Man sollte den Kontakt so gut wie möglich minimieren. Gerade jetzt, wo auch Kindergärten, Kindertagesstätten und Spielplätze allmählich wieder öffnen. Das erhöht das Ansteckungsrisiko auch bei den Kleinsten.»

Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz werden die meisten Schulen im Mai schrittweise wieder geöffnet. Chef-Virologe Christian Drosten sieht diesen Schritt skeptisch. «Wir müssen vor einer uneingeschränkten Öffnung von Schulen und Kindergärten warnen», schreibt das Forscher-Team der Charité.

BAG: «Keine Anpassung vorgesehen»

Beim BAG appelliert man an die Vernunft von Eltern und Schülern. «Kinder, die Symptome zeigen, sollen nicht zur Schule, sondern zuhause bleiben – wie Erwachsene auch.» Die Empfehlungen überarbeiten möchte das BAG nach Vorliegen der neuesten Studie von der Berliner Charité allerdings nicht. «Wir werden die Studie von Herrn Drosten analysieren und - wie alle wissenschaftlichen Erkenntnisse - in die Einschätzung einfliessen lassen», sagt BAG-Sprecherin Katrin Holenstein. Und schliesst: «Derzeit ist aber keine Anpassung der Massnahmen vorgesehen.»

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