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SINGAPUR: Zwölf Stunden Büffeln am Tag

Der asiatische Stadtstaat hat beim letzten Pisa-Test in allen Kategorien gewonnen. Doch Singapurs Kinder bezahlen die Bestnoten mit dem Verlust ihrer Kindheit. Denn auch was Stress und Ängste bei Schülern angeht, liegt Singapur weltweit vorn.
Ulrike Putz, Singapur
Eine Gruppe Fünfjähriger übt in der Vorschule das Lesen. (Bild: Roslan Rahman/AFP (Singapur, 25. Mai 2010))

Eine Gruppe Fünfjähriger übt in der Vorschule das Lesen. (Bild: Roslan Rahman/AFP (Singapur, 25. Mai 2010))

Ulrike Putz, Singapur

Der sechsjährige Hwee Ann will nicht mehr: «Können wir nicht nach Hause gehen? Ich bin müde», quengelt er. Doch sein Grossvater Stephan Chua ist unerbittlich. «Wir müssen weiter, der Chinesisch-Förderunterricht geht gleich los», mahnt der 75-Jährige.

Es ist fünf Uhr am Donnerstagnachmittag in Singapur, als sich dieser Wortwechsel abspielt: Opa und Enkel stehen vor dem «Learning Lab» in der West­gate Mall, einem der grössten und teuersten Nachhilfeinstitute des südasiatischen Stadtstaats. Gerade hat Hwee Ann 60 Minuten Zusatzunterricht in Naturwissenschaften über sich ergehen lassen. Doch auch damit ist sein Lernsoll noch nicht erfüllt. 90 Minuten Chinesisch in Wort und Schrift muss er noch absolvieren, erst dann darf der Erstklässler ins Bett fallen.

«Alle nehmen Extraunterricht»

Zwölf Stunden lernen, und das fünfmal die Woche: Wie die meisten Singapurer Schulkinder steht auch Hwee Ann jeden Morgen um sechs auf, sitzt noch vor dem Morgengrauen im Schulbus und hockt dann acht Stunden im Klassenzimmer – nur um danach von seinem Grossvater zu diversen Kursen gebracht zu werden: «Er hat Zusatzstunden in Mathe, Englisch, Naturwissenschaften, Chinesisch, Piano, Violine, Sport und Schwimmtraining», sagt Stephan Chua. Natürlich täte es ihm leid, dass seinem Enkel keine Zeit zum Spielen bleibe. «Aber was sollen wir tun? Alle nehmen Extraunterricht, ­da fällt zurück, wer es nicht tut. Nur ­­­wer ganz früh anfängt, schafft es an die ­Spitze.»

Dass die Singapurer Schüler Spitzenklasse sind, wurde ihnen im vergangenen Dezember offiziell attestiert. Damals veröffentlichte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Ergebnisse des jüngsten Pisa-Tests, dessen Fokus dieses Mal auf den Kategorien Mathematik, ­Naturwissenschaften und Lesen lag. ­­Von allen 500 000 geprüften 15-jährigen Schülern schnitten die Singapurer am besten ab – in allen drei Fächern. Kurz zuvor hatte die Internationale Organisation zur Evaluation von Bildung (IEA) die Zweit- und Viertklässler Singapurs zu den weltbesten Schülern in Mathematik und Naturwissenschaften erklärt.

«Gut gemacht, weiter so!», gratulierte Premierminister Lee Hsien Loong den jungen Leuten: Singapur sei auf dem richtigen Weg. Doch sind sich da nicht alle seine Landsleute so sicher. Viele Einheimische beklagen, dass in den Klassenzimmern der Tropeninsel – Singapur ist nur wenig grösser als der Genfersee – ein gnadenloser Leistungszwang herrsche.

Dass die Kritiker damit nicht falschliegen, erwies sich, als die OECD im ­April eine zum Pisa-Test gehörige Studie veröffentlichte. Darin war nachzulesen, dass Singapurer Kinder durchschnittlich unter weit mehr Stress und Ängsten leiden als Gleichaltrige in vergleichbaren Ländern. Während im Schnitt der OECD-Länder 66 Prozent der Schüler angaben, Angst vor schlechten Noten zu haben, fürchten sich in Singapur 86 Prozent der Befragten davor. 76 Prozent der Singapurer berichteten, dass sie – selbst wenn sie gut vorbereitet sind – Angst vor Tests und Prüfungen haben. Im OECD-Schnitt sagten das nur 55 Prozent der Kinder. Interessanterweise kamen diese Ergebnisse im mit strenger Hand regierten Singapur erst diese Woche ans Licht: Die staatlich gelenkte Presse hatte es monatelang vermieden, die Schönheitsfehler des Pisa-Erfolgs zu erwähnen.

Acht von zehn Primarschülern nehmen Nachhilfeunterricht

Die OECD befragte die Schüler auch danach, wie viel Zeit sie aufs Lernen verwenden: 73 Prozent der Singapurer Kinder verbringen über 40 Stunden die Woche in einem Klassenzimmer, 25 Prozent sogar über 60 Stunden. 40 Prozent der Kinder im Stadtstaat besuchen bereits neben dem Kindergarten Hilfsschulen. Acht von zehn Primarschülern nehmen Nachhilfe, in der Oberstufe sind es dann immerhin noch 60 Prozent.

Es liegt an einer Besonderheit des hiesigen Schulsystems, dass ausgerechnet Primarschüler in Singapur am meisten pauken. Mit zwölf Jahren, zum Ende der sechs Jahre währenden Primarschule, absolvieren die Schüler die Abschlussprüfung PSLE. Die PSLE-Ergebnisse ­entscheiden darüber, an welchem der ­staatlichen Gymnasien die Kinder angenommen werden. Dies wiederum legt fest, welche Universität später besucht werden darf. Im Grunde entscheidet also bereits der PSLE über den weiteren Verlauf des Lebens.

Denn obwohl alle Singapurer Schulen gute Schulen sind, sind die Unterschiede zwischen den Eliteschmieden und der Grundversorgung enorm. So kann, wer auf einem namhaften Gymnasium war, dauerhaft auf sein Alumni-Netzwerk zählen. Ein Leben lang gehört die Frage, auf welchem Gymnasium man war, zum Bewerbungsgespräch. Die australische Soziologin Amanda Wise von der Macquarie-Universität in Sydney erforscht die Schattenseite der schulischen Erfolge der Singapurer Jugend. «Der Leistungsdruck ist gigantisch. Die Kinder werden darauf trainiert, Höchstleistungen zu bringen, dabei bleibt ihre Kindheit auf der Strecke.» Längst erstrecke sich der Druck auch auf die Freizeitaktivitäten. «Auch in der Ballettstunde und beim Klavierunterricht müssen die Kinder sich schinden, statt Spass zu haben.»

Puzzle-Kurse für Zweijährige

Das hat teils tragische Folgen. Die auf Kinder spezialisierte Telefonseelsorge «Samariter für Singapur» dokumentierte im vergangenen Jahr 2680 Hilfsgesuche und 27 Selbstmorde von Teenagern. Die meisten standen im Zusammenhang mit dem Leistungsdruck vor Examen.

Nutzniesser des Bildungswahns sind die etwa 850 Nachhilfeschulen der Insel. Umgerechnet gut 780 Millionen Franken setzt die Branche im Jahr um – in einem Land mit gerade mal 5,5 Millionen Einwohnern. Experten warnen, dass die Förderung völlig aus dem Ruder gelaufen sei. «Nachhilfe ist zum Bildungswettrüsten verkommen», schreibt die Bildungsredakteurin der örtlichen Tageszeitung «Straits Times», Sandra Davie, und fordert, das müsse aufhören.

Lim Wei Yi hängte vor drei Jahren ­einen lukrativen Job als Wirtschaftsjournalist an den Nagel, um den «Study Room» zu eröffnen. Heute bringen er und seine sieben Kollegen dort rund 300 Primarschüler in Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften auf Trab. Umgerechnet 32 Franken kostet eine Stunde Nachhilfe im «Study Room». »Ich schätze, dass Singapurer Eltern der Mittelschicht umgerechnet etwa 720 Franken pro Monat und Kind für Nachhilfe ausgeben», sagt Lim. Doch selbst der 37-Jährige findet, dass das elterliche Erfolgsstreben, auf dem sein Geschäftsmodell fusst, manchmal zu weit geht. «Die Kinder tun mir teils schon leid. Das Neuste sind jetzt Puzzle-Kurse für Zweijährige.»

Kulturelle Grundlage für Elternehrgeiz wie Schülerstrebsamkeit ist «Kiasu». Der Begriff beschreibt im Singapurer Dialekt die Angst, zu verlieren oder zu kurz zu kommen. «Kiasuism» ist ein Charakterzug, auf den die Singapurer stolz sind und dem sie den Aufstieg ihrer Heimat vom verruchten Hafen zum internationalen Finanzplatz in nur 50 Jahren zuschreiben.

«Ich will in allem der Beste sein»

Doch stecke hinter dem akademischen Eifer der Singapurer noch mehr, sagt Anip Sharma, der für das Consultingunternehmen «Parthenon» Regierungen in ganz Asien in bildungspolitischen Fragen berät. «Singapur glaubt, dass es als Stadtstaat ohne natürliche Ressourcen nur überleben kann, wenn es sein menschliches Kapital maximal ausnutzt.» Die Staatenlenker sähen in exzellenter Bildung eine unabdingbare Notwendigkeit. «Wenn sich die Regierung hier mit Bildungsthemen befasst, geht es ihr um grössere Themen als ein wenig mehr Freizeit für die Kinder», erklärt Sharma.

Der Singapurer Nachwuchs scheint diese Mentalität mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Das zumindest suggeriert die OECD-Studie. In ihm sollten Schüler auch zu dem Satz «Ich will in allem, was ich tue, der oder die Beste sein» Stellung nehmen. 60 Prozent der Schweizer Kinder verneinten diese Lebenshaltung. In Singapur jedoch traf die Aussage einen Nerv: 89 Prozent der Singapurer Kinder sagten, dass sie genau so empfinden würden.

Bild: Grafik: LZ

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