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Sand ist Singapurs wichtigster Rohstoff - und immer schwieriger zu bekommen

Die Träume des asiatischen Stadtstaates, sich als globale Metropole der Zukunft zu etablieren, sind im wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut. Nur ist der leider immer schwieriger zu bekommen.
Ulrike Putz, Singapur
Der Sandstrand an der Siloso Beach auf der Singapur-Insel Sentosa ist kein natürlicher, sondern ein importierter Erholungsraum der Millionenmetropole. (Bild: Paul Biris/Getty)

Der Sandstrand an der Siloso Beach auf der Singapur-Insel Sentosa ist kein natürlicher, sondern ein importierter Erholungsraum der Millionenmetropole. (Bild: Paul Biris/Getty)

Der Stoff, aus dem Singapurs Träume gemacht sind, wurde von dröhnenden Lastern herangekarrt, dann mit russspeienden Baggern platt gemacht und schliesslich von sonnengebeizten Gastarbeitern mit Harken und Schaufeln in Form gebracht. Die Szenen, die sich jüngst an der Küste der Singapur vorgelagerten Freizeitinsel Sentosa abspielten, waren alles andere als beschaulich. Dort, wo sonst Kinder unter den Palmen ihre Sandburgen bauen und sich jüngst der amerikanische Präsident Donald Trump und Nordkoreas Kim Jong Un trafen, wurde mit viel Lärm und Aufwand das saniert, was anderswo natürlich vorkommt: der Strand.

Um Sentosa auf Vordermann zu bringen, wurden über Tausende Kilometer hinweg Hunderte Kubikmeter Sand her­angeschafft. Das erstaunt erst einmal, denn schliesslich besteht der Stadtstaat Singapur aus 63 Tropeninseln. Doch dort, wo andere Eilande weiss und weich umsäumt sind, sind die natürlichen Küstenlinien Singapurs unattraktiv. Die beiden einzigen verbliebenen Naturstrände kommen braun und schlammig daher. Die Wucht der Gezeiten, die sich durch die Meerenge von Malaka schieben, spült loses Sediment schnell davon. Weshalb alle Strände, an denen die fünfeinhalb Millionen Einwohner der Finanzmetropole nach langen Arbeitswochen neue Kraft tanken sollen, regelmässig neu aufgeschüttet werden müssen.

Hauptzutat für Beton, Asphalt und Glas

Nun sind die Sandmengen, die benötigt werden, um Singapurs Küsten aufzumöbeln, das geringste Problem: Die Insel hat grosse Pläne, und sie alle sind auf Sand gebaut. Singapur möchte eine Smart City werden, ein globaler Spitzenreiter, wenn es um Wohlstand und Fortschritt geht. Und dafür braucht es Sand, denn Sand ist die Hauptzutat für Beton, Asphalt und Glas und damit der Treibstoff für den Bauboom des Stadtstaats, dessen Bevölkerung sich seit 1960 verzehnfacht hat. Sand ist unerlässlich, wenn es darum geht, dem reichen Singapur auch physisch Platz für sein reges Wirtschaftsleben zu verschaffen. Singapur betreibt Landgewinnung im ganz grossen Stil. Nicht nur der Containerhafen, der zu einem der verkehrsreichsten der Welt gehört, auch der erstklassige Flughafen Changi International ist auf Land errichtet. Und dieses entsteht, wenn man Erdmaterial ins Meer kippt. Grosse Teile des Finanzdistrikts mit seinen Hochhausschluchten sind auf dem Wasser abgerungenen Grundstücken gebaut. Die Beach Road, die früher der Küstenlinie folgte, liegt heute weit im Inland. Auch das Industriegebiet Jurong East, in der die lukrative ölverarbeitende Industrie sitzt, gab es vor kurzem noch nicht. Singapur müsse Land importieren, um den grossen Appetit seines wirtschaftlichen Metabolismus zu befriedigen, formulierten Forscher der Yale Universität im Jahr 2011.

Kleine Insel – Grosse Pläne

Wie sehr die Landgewinnung mit dem Aufstieg Singapurs verzahnt ist, kann man in der Singapore City Gallery in Chinatown besichtigen. Hier drängen sich Einheimische wie Touristen um Modelle der Stadt, in denen das Neuland farblich abgehoben dargestellt wird. «Kleine Insel – Grosse Pläne» steht in grossen Lettern an die Wand geschrieben. Eine Dauerausstellung feiert die «Geschichte von Singapurs Transfor­mation» vom unter der Tropensonne ­brütenden Malariakaff zu einer voll­klimatisierten Metropole. Singapurs Einwohner bringen es mit umgerechnet 56'000 Franken Jahreseinkommen im Ranking des Internationalen Währungsfonds heute global auf Platz acht.

1960 war Singapur noch fast exakt gleich gross wie der Genfersee, seitdem hat sich die Landfläche um 24 Prozent vergrössert. Das ist noch längst nicht alles: Nach dem Willen der Regierung soll Singapur zu einem immer grösseren Ort auf der Landkarte anwachsen. Bis 2030 soll sich der Grund und Boden des Landes nochmals um 46 Quadratkilometer – die ­Fläche des Thunersees – vergrössern. Dass im Zuge der Umformung der Insel 95 Prozent der einheimischen Mangrovewälder und 60 Prozent der Korallenriffe verschwunden sind, wird als Kollateralschaden in Kauf genommen.

Weltweit grösster Sand-Importeur

Um zu wachsen, hat Singapur laut der UN 2016 rund 39 Millionen Tonnen Quarzkörner ins Land gebracht. Damit ist der Staat erneut der weltweit grösste Importeur von Sand – und möchte es auch bleiben. Nur ist das gar nicht so einfach: Denn guter Sand ist begehrt. Wer geglaubt hat, dass in den Wüsten dieser Welt genug davon herumliege, muss umdenken: Wüstensand ist für Bauvorhaben ungeeignet, weil er vom steten Wind rundgeschliffen ist und keinen «Griff» hat, wie man ihn etwa zum Betonmischen braucht. Nur in Flüssen und an Küsten findet sich guter Bausand – und der wird weltweit langsam knapp. Der globale Bedarf übersteigt bei weitem das, was durch Verwitterung nachkommt. Nach Wasser sind die Quarzkörnchen der weltweit am meisten konsumierte natürliche Rohstoff. «Sand ist der Megastar unseres industriellen und elektronischen Zeitalters» erklärt Dirk Hebel, Professor am Singapurer Ableger der ETH Zürich, das Phänomen.

"Sand ist der Megastar unseres industriellen und elektronischen Zeitalters."

Länder mit Sandverkommen werden deshalb zurückhaltender, wenn es um den Export des begehrten Schüttguts geht. Indonesien und Vietnam stellten ihren Export nach Singapur schon 2007 beziehungsweise 2009 ein. Im Juli vergan­genen Jahres entschloss sich auch Kambodscha, dem lukrativen Handel mit der eigenen Landmasse abzuschwören. Und Malaysia hatte schon 1997 aufgehört, die heimische Scholle an den Nachbarn zu verkaufen, relativierte seine Entscheidung dann jedoch wieder – die Singapurer boten einfach zu gutes Geld. Inzwischen werden Exportlizenzen von Fall zu Fall vergeben.

Elitärer Anspruch und First-Class-Gehabe

Der Sandboykott hat emotionale, politische und ökologische Gründe. Einerseits ist Singapur mit seinem elitären Anspruch und First-Class-Gehabe in der Region nicht sehr beliebt – warum den Klassenbesten also noch künstlich heranfüttern. Andererseits haben die Nachbarn verstanden, dass sie schrumpfen, wenn Singapur mit ihrem Erdreich sein Territorium erweitert. Indonesien hatte bis zu seinem Exportverbot in wenigen Jahren gut zwei Dutzend komplette Inseln verloren – sie waren auf Frachtkähnen über die Meerenge nach Singapur gebracht worden. Schwer wiegen auch die Überlegungen zum Umweltschutz. Der Sandabbau in Flüssen und an Meeresküsten zerstört Mangrovewälder und damit den Lebensraum von Organismen, die im Schlamm leben: Daher finden Vögel nicht mehr genug Nahrung. Von Baggern aufgewirbelte Sedimente trüben das Wasser ein, Wasserpflanzen erhalten nicht mehr genug Sonnenlicht, Fische und Korallen ersticken. Eine Folge davon: Fischer verlieren ihre Lebensgrundlage.

Und so ist Sand seit einigen Jahren ein Stoff, von dem Singapur nicht genug bekommen kann – zumindest auf legalem Wege. Um die Löcher zu stopfen, die die Exportverbote gerissen haben, hat sich eine Sandmafia entwickelt. Auf deren weitreichendes Netzwerk quer durch Südostasien haben investigative Journalisten der vietnamesischen Website «Tuoi Tre News» im vergangenen Jahr ein Schlaglicht geworfen. Minutiös zeichneten die beiden Reporter nach, wie Frachtschiffe in Häfen in der vietnamesischen Provinz insgesamt 900000 Kubikmeter Sand luden und diesen nach Singapur schipperten. Die Journalisten folgten der Spur des Sandes bis Pulau Tekong in Singapur, wo derzeit mehrere kleine Inseln durch Aufschüttungen zu einer grossen Landmasse verbunden werden.

Wie viel des in Singapur verbauten Sands illegal ins Land gelangt, ist unklar. Dass das Thema hochsensibel ist, zeigt sich jedoch, wenn man versucht, mit Importeuren desselben zu sprechen. Von den 38 Firmen mit der Lizenz zum Sandimport ist keine einzige zu einem Interview bereit. Auf dubiose Importe angesprochen, hält sich die Regierung stets bedeckt und gibt zu Protokoll, dass es Sand «aus vielen Quellen und Ländern» kaufe.

Doch Singapur hat verstanden, dass es mit seiner Abhängigkeit vom Sand verwundbar ist. Immer für Innovationen gut, sucht es nach einem Ersatzstoff: Statt Sand soll künftig die Asche aus der Müllverbrennungen und Erdreich aus neugegrabenen U-Bahn-Tunneln das Fundament für neue Wohnviertel liefern. Wo das nicht reicht, werden im Inland Hügel abgetragen, um an der Küste anzubauen. Dass Singapur das bewerkstelligen kann, liegt an dem besonderen politischen System des Landes: Der Staat, seit 1959 durchgehend von der People’s Action Party regiert, besitzt beinahe allen Grund und Boden.

Streng bewachte Notfallreserven

Doch wie wichtig Sand für Singapur ist und bleibt, zeigt sich, wenn man Bedok, einen hässlichen Vorort nahe des Flughafens, besucht. Zwischen den Plattenbauten kommen urplötzlich Sanddünen zum Vorschein, die sich kilometerweit ziehen: Singapurs strategische Sandreserve, die von Stacheldraht umzäunt und von bewaffneten Patrouillen bewacht wird. Die strategischen Notfallreserven einzelner Länder werden gern herangezogen, um auf die Lebensgewohnheiten einer Nation Rückschlüsse zu ziehen. So horten die USA Erdöl, die EU Butter, China Schweinefleisch und Kanada – ungelogen – Ahornsirup. Und Singapur eben Sand.

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