Sinn Féin schockt das irische System

Laut Hochrechnungen hat die linksnationalistische Partei die Wahlen in Irland gewonnen. Ihre Hauptforderung: eine vereinte irische Insel.

Samuel Schumacher
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Von den ewigen Diskussionen über den Brexit hatten die Bewohner der irischen Insel schon im Herbst die Nase voll. Jene im zu Grossbritannien gehörenden Nordirland stimmten 2016 grossmehrheitlich gegen den Brexit. Und südlich der inneririschen Grenze, in der Republik Irland, erkannte die linksnationalistische Partei Sinn Féin (irisch für «wir selbst») das politische Potenzial, das im Brexit steckt. Die Partei machte auf riesigen Plakaten entlang den Strassen klar, wie die irische Insel auf das Schlamassel zu reagieren habe: «Die Lösung zum Brexit: Irische Einheit», schrieb Sinn Féin zusammen mit dem Hashtag #time4unity auf die Plakate.

Sinn Féin

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Bild: Aidan Crawley / EPA

Die Forderung nach einer geeinten irischen Insel, auf der Irland und Nordirland sich zu einer Republik zusammenschliessen, ist seit Jahrzehnten das Kernanliegen von Sinn Féin. Und dieses Kernanliegen der Partei, die lange als der politische Flügel der irischen Untergrundorganisation Irish Republican Army (IRA) galt, könnte nun plötzlich richtig viel Gewicht erhalten.

Irische Einheitsverhandlungen wären Schock für Königreich

Völlig überraschend hat Sinn Féin nämlich bei den irischen Wahlen am Samstag die meisten Stimmen aller teilnehmenden Parteien geholt. Laut letzten Hochrechnungen kommt Sinn Féin auf 24,5 Prozent der Wählerstimmen. Die bislang stärksten beiden Parteien Fianna Fáil und Fine Gael kommen auf 22,2, beziehungsweise 20,9 Prozent der Stimmen.

Sinn-Féin-Parteichefin Mary Lou McDonald hat klargemacht, dass die Wiedervereinigung der beiden irischen Staaten bei einer Regierungsbeteiligung ihrer Partei zum obersten Ziel erklärt werde. Der Wahlerfolg der Linksnationalisten bringt damit auch eine neue Dynamik in die anstehenden Verhandlungen Grossbritanniens mit Brüssel über die konkrete Umsetzung des britischen EU-Austritts.

Wenn Nordirland dem Ruf aus Du­blin tatsächlich folgen und aus dem Vereinigten Königreich austreten sollte, käme dies einem politischen Erdbeben gleich, das die Schockwellen des Auszugs von Harry und Meghan und das Ja zum Brexit noch deutlich übertreffen dürften.

Doch so weit ist es noch lange nicht. Die zweit- und drittplatzierten Parteien Fianna Fáil und Fine Gael des derzeitigen Regierungschefs Leo Varadkar haben vor den Wahlen am Samstag ausgeschlossen, mit Sinn Féin eine Regierungskoalition zu bilden. Sinn-Féin- Chefin McDonald ihrerseits hat betont, sie wolle wenn möglich eine Regierung ohne die beiden anderen grossen Parteien bilden.

Entsprechend kompliziert und langwierig dürften die anstehenden Verhandlungen um Regierungsbeteiligungen und Ministerienämter in Irland werden.

Mary Lou McDonald spricht trotzdem jetzt schon von einer «Revolution an der Wahlurne». Wie genau sich diese «Revolution» letztlich in Parlamentssitze übertragen wird, bleibt wegen des komplizierten irischen Wahlsystems aber vorläufig unklar.