Vorwurf
Sitzt in Venezuela der grösste Drogenboss in der Landes-Regierung?

Die US-Justiz ermittelt vor allem gegen Parlamentspräsident Diosdado Cabello. Er soll der Kopf des «Los Soles»-Kartell sein, welches den Drogenhandel im Land monopol-artig konrolliere.

Klaus Ehringfeld
Merken
Drucken
Teilen
Parlamentspräsident Diosdado Cabello, die Nummer 2 im Staat, ein Drogenhändler?

Parlamentspräsident Diosdado Cabello, die Nummer 2 im Staat, ein Drogenhändler?

Keystone

Die US-Justiz ermittelt nach einem Zeitungsbericht gegen hohe Vertreter der venezolanischen Regierung wegen Drogenhandels. Ein halbes Dutzend Politiker sei wegen Geldwäsche und professionellen Rauschgiftschmuggels in das Visier der Fahnder der US-Antidrogenbehörde DEA und der Staatsanwaltschaften von New York und Miami geraten, schreibt das «Wall Street Journal» am Dienstag unter Berufung auf mehrere ungenannte Quellen.

Im Fokus der Ermittlungen, die bereits mehr als zwei Jahre dauern, steht demnach Parlamentspräsident Diosdado Cabello, der mächtigste Politiker Venezuelas nach Staatschef Nicolás Maduro. Die Zeitung beruft sich in ihrem ausgiebigen Bericht auf venezolanische Ex-Militärs, Drogenhändler und aus Venezuela desertierte Ex-Geheimdienstler der chavistischen Regierung.

Fünf Tonnen Drogen pro Woche

Die Anschuldigungen richten sich vor allem gegen Cabello. «Es gibt Beweise, die nahelegen, dass er einer der Köpfe, wenn nicht der Kopf eines Kartells ist», schreibt das «Wall Street Journal» unter Berufung auf eine Quelle aus dem US-Justizministerium.

Ausser dem Chef des Parlaments stehen angeblich auch der Gouverneur des Staates Aragua und Ex-Innenminister Tareck el Aissami sowie der frühere Chef des Militärgeheimdienstes Hugo Carvajal im Zentrum der Ermittlungen. Auch gegen Industrieminister David Cabello, Bruder des Parlamentspräsidenten, werde ermittelt.

Sollten die Vorwürfe und Ermittlungen zu Anklagen führen, würde dies ein «Erdbeben» auslösen in den Beziehungen zwischen den USA und Venezuela, die ohnehin seit Jahren gestört sind, wird eine Quelle zitiert.

Die Vorwürfe sind nicht neu. Im Januar hatte schon die spanische Tageszeitung «ABC» behauptet, der Ex-Offizier Cabello sei seit Jahren Kopf des grössten venezolanischen Drogenkartells mit Namen «Los Soles» (Die Sonnen). Das Kartell, dessen Name sich vom Sonnenemblem auf den venezolanischen Generalsuniformen ableitet, führten hochrangige Militärs. Und «Los Soles» dominiere nahezu monopolartig den Drogenhandel im Land.

Das Kokain komme von den FARC-Rebellen im benachbarten Kolumbien und werde über venezolanische Häfen und Flughäfen in die USA und nach Europa transportiert. Internationale Drogenfahnder gehen davon aus, dass pro Woche fünf Tonnen Rauschgift über Venezuela geschmuggelt werden.

Chefleibwächter ist Kronzeuge

Hauptquelle des spanischen Blattes ist der ehemalige Chefleibwächter von Cabello, Leamsy Salazar. Der 40 Jahre alte Offizier im Range eines Korvettenkapitäns hatte sich im Dezember nach Spanien abgesetzt und war dort in das Zeugenschutzprogramm der US-Drogenkontrollbehörde DEA aufgenommen worden.

Laut «ABC» hat Salazar dafür detaillierte Infos geliefert. So will er Cabello dabei beobachtet haben, wie er Marschbefehle für Drogenschmuggel-Boote gab, und ihn zu Orten begleitet haben, wo er «Berge von Dollar» hortet.

Letzte Woche hatte Cabello ein Ausreiseverbot für 22 Journalisten gefordert, die über die Vorwürfe gegen ihn berichtet hatten. «Sie beschuldigen mich, ein Drogenhändler zu sein, ohne einen einzigen Beweis vorzulegen. Und ich bin jetzt der Böse.»

Aussagewillige Zeugen

Die sich stetig verschärfende Wirtschaftskrise in Venezuela habe es den US-Behörden erleichtert, Informanten zu rekrutieren, berichtet die Zeitung weiter. Ausserdem haben offenbar hochrangige Drogenhändler gegenüber der US-Justiz gestanden, in der Hoffnung auf milde Strafen und ein dauerhaftes Bleiberecht in den Vereinigten Staaten.

Guthaben eingefroren

Die Beziehungen zwischen dem ölreichen Venezuela und den USA hatten erst vor wenigen Wochen einen neuen Tiefpunkt erreicht. Anfang März hatte US-Präsident Barack Obama die Lage in Venezuela zur «aussergewöhnlichen Bedrohung» für die nationale Sicherheit seines Landes erklärt und gleichzeitig die Guthaben von sieben Funktionären in den USA eingefroren. Dafür war Obama auf dem Amerika-Gipfel in Caracas von fast allen Ländern Lateinamerikas scharf kritisiert worden.