Snowden-Retterin kämpft für ein neues Leben in Kanada

Weil sie Edward Snowden bei sich in ihrer winzigen Wohnung versteckt hielt, wurde sie jahrelang schikaniert. Im Asyl in Kanada baut Vanessa Rodel für sich und ihre Tochter an einem neuen Leben - nun erleidet sie einen Rückschlag.

Roman Schenkel
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Vanessa Rodel und ihre Tochter Keana in einem Park in Montreal.

Vanessa Rodel und ihre Tochter Keana in einem Park in Montreal.

Bild: Minh-Tam Tran (30. Mai 2020, Montreal)

Vanessa Rodel ist am Boden zerstört. «Ich habe Angst», sagt sie. Die 42-jährige Philipinierin erlebt im kanadischen Montreal gerade eine Art Dé­jà-vu. Zum zweiten Mal ist sie in ein Land gekommen, in der Hoffnung auf eine bessere, sichere Zukunft. Zum zweiten Mal sieht sie ihre Hoffnungen schwinden. «Es fühlt sich nicht real an», sagt sie am Telefon.

2019 erhielt Rodel Asyl in Kanada. Nach fast zwei Jahrzehnten konnte sie den Slums Hongkongs entfliehen. Dort, wo sie im Juni 2013 den amerikanischen Whistleblower Edward Snowden in ihrer Hütte versteckte. Weit weg von der glitzernden Innenstadt, wo ihn die Geheimdienste und die Medien suchten. Robert Tibbo, ein kanadischer Menschenrechtsanwalt, den Snowden auf seiner Flucht kontaktiert hatte, kam die Idee, den meistgesuchten Mann der Welt bei seinen Klienten in den Slums zu verstecken. «Dort würde ihn niemand vermuten», so das Kalkül Tibbos. Es ging auf. Snowden konnte 13 Tage bei Rodel und zwei weiteren Familien untertauchen, dann strandete er auf dem Weg nach Südamerika in Moskau. Dort lebt er noch heute. Snowdens sieben Helferinnen und Helfer sind heute als die «Snowdens Angels» bekannt.

Edward Snowden (l.) zusammen mit seinem Anwalt Robert Tibbo in Moskau.

Edward Snowden (l.) zusammen mit seinem Anwalt Robert Tibbo in Moskau.

NY Jennifer (26. Juli 2016)

Ihre Bekanntheit war für Rodel Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch, weil der Hongkonger Sicherheitsapparat ihr das Leben zur Hölle machte. Die Behörden gängelten sie und drohten ihr, sie einzusperren oder ihr die Tochter wegzunehmen. Ein Segen, weil die weltweiten Schlagzeilen über den Fall sie vor Schlimmerem schützten und ihr schliesslich ein neues Leben in Kanada bescherten. Menschenrechtsorganisationen und ein Anwaltsteam um Robert Tibbo kämpften dafür, ihr ein Visum in Kanada zu verschaffen. Am 25. März 2019 landete sie mit ihrer Tochter Keana (8) in Toronto. Die Fotos vom Flughafen zeigen die beiden überglücklich. Trotz 15-Stunden-Flugs strahlen sie. Erleichtert, der Gefahr in Hongkong entkommen zu sein. «Ich bin frei, ich bin sicher», sagte sie danach auf einer Pressekonferenz. Auch die fünf verbliebenen Snowden-Helfer sollen nach Kanada kommen. Noch zaudern aber die kanadischen Behörden. Zu heikel die Angelegenheit, man will die USA nicht verärgern.

Snowdens Schutzengel (von links): Vanessa Rodel mit Tocher Keana (vorne links), Ajith Pushpa, sowie das Ehepaar Nadeeka und Supun Thilina mit ihren Töchtern Dinath und Sethumdi (vorne rechts).

Snowdens Schutzengel (von links): Vanessa Rodel mit Tocher Keana (vorne links), Ajith Pushpa, sowie das Ehepaar Nadeeka und Supun Thilina mit ihren Töchtern Dinath und Sethumdi (vorne rechts).

Jayne Russel

Finanzielle Unterstützung lief Ende Mai aus

Rodel und ihre Tochter wurden von der Organisation «For the Refugees» finanziell unterstützt– begrenzt auf ein Jahr. Im ersten Jahr lernen sie Französisch. «Die Sprache ist schwierig. Ich kann lesen und verstehe sie gut. Aber mit dem Reden habe ich noch Mühe», sagt Rodel heute. Sie benötige einfach noch etwas mehr Zeit. Ihre Tochter Keana mache schneller Fortschritte. Rodel träumt von einer Stelle, bei der sie mit Menschen arbeiten kann. Mit Flüchtlingen zum Beispiel, wie sie einer war. Oder gar von einem Studium.

Doch dieser Traum droht zu platzen. Die finanzielle Unterstützung durch die NGO For the Refugees lief Ende Mai aus – mitten in der Coronakrise. Rodel wurde auf dem falschen Fuss erwischt: «Wegen der Pandemie kann ich keine Arbeit suchen. Zudem muss ich auf meine Tochter aufpassen, da ihre Schule geschlossen ist.» Sie hat Angst, dass sie auch in Kanada in die Armut abrutscht. «Ich möchte mir hier mit meiner Tochter ein neues Leben aufbauen», sagt sie. Keana sei so glücklich. «Sie hat Freunde in der Schule, sie hat gute Lehrer.» Es könne doch nicht sein, dass nun alles wieder den Bach runter gehe. So wie in Hongkong.

Hongkongs fragwürdiger Umgang mit Asylsuchenden

2002 kam Rodel als Haushaltshilfe nach Hongkong – wie so viele junge Frauen aus den Philippinen. Doch nach ein paar Jahren verliert sie ihre Arbeit und somit ihr Visum. Sie bleibt, illegal. Und kämpft für Asyl. Ihr Schicksal teilen über 10000 in Hongkong gestrandete Flüchtlinge. Die Chancen auf einen positiven Entscheid sind minimst. Niemand interessiert sich in Hongkong für die Flüchtlinge, sie haben keine Lobby. Die Asylanträge sind meist chancenlos – weniger als 0,5 Prozent aller Asylanträge werden im Schnitt angenommen. «Es ist schon ein Erfolg, wenn ich mit einem Fall vor Gericht erscheinen darf», sagt Tibbo. Er vertrat zahlreiche Asylsuchende in Hongkong und gewann auf diese Weise das Vertrauen dieser marginalisierten Gruppe.

Vanessa Rodel wusste nicht, wer vor ihr stand, damals am 10.Juni 2013. Sie half ihm dennoch, öffnete Edward Snowden die Tür und liess den Fremden in ihre winzige Wohnung. «Ich half ihm, weil er Hilfe brauchte.» Nun braucht sie Hilfe. Robert Tibbo, der Rodel sowie die restlichen Snowdens Angels nach wie vor vertritt, ist enttäuscht über den Entscheid der Hilfsorganisation For the Refugees: «Vanessa und Keana wurden im Stich gelassen.» Tibbo hat deshalb die Organisation «Help Vanessa and Keana» aufgebaut. Bis Rodel arbeiten kann, will er so Geld für sie und Keana sammeln.

Fundraising für Snowdens Helfer eingebrochen

For the Refugees erklärt, dass Unterstützung stets auf ein Jahr begrenzt war. Die NGO müsse die knappen Ressourcen auf die in Hongkong verbliebenen fünf Snowdens Angels konzentrieren. Die Pandemie habe die Fundraisingpläne abrupt gestoppt. Das Geld der NGO, die fast ausschliesslich aus Freiwilligen besteht, sei knapp geworden.

Trotz aller Ungewissheit freut sich Rodel, dass sie mit Keana wieder nach draussen in die Parks gehen kann. «Nach diesem eisigen Winter ist es wunderschön, wieder die Sonne im Gesicht zu spüren.» Sie sei 14 Jahre lang in Hongkong in einer «sehr, sehr schlechten Situation» gewesen, sagte Rodel. «Jetzt in Kanada möchte ich für meine Tochter und mich, dass so etwas nicht wieder passiert.» Wenn man ein neues Leben beginnt, müsse man Schritt für Schritt nehmen. «Ich habe meinen Traum, und ich werde nicht aufgeben.»