So erlebt eine Schweizer Pfarrerin den politischen Alltag in Grossbritannien

Carla Maurer ist die Leiterin der Swiss Church in London. «London ist eine stete Quelle der Inspiration», sagt sie.

Carla Maurer
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Grossbritannien ist in den Schlagzeilen. Die Terroranschläge haben uns allen einen kurzen Moment lang den Atem verschlagen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, selber in eine solche Attacke verwickelt zu werden, verschwindend klein ist, so zuckt man jetzt eben doch zusammen, wenn es irgendwo knallt oder ein Alarm losgeht. Für die Opfer war die Wahrscheinlichkeit ja auch nicht grösser. Doch der Wahlkampf geht weiter. Die Frage der Sicherheit bestimmt die letzten Tage des politischen Dramas. Der Brexit und andere innenpolitische Themen rücken in den Hintergrund.

Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in Grossbritannien in den letzten Jahren massiv geöffnet. Man sieht das jeden Tag in den Strassen Londons. Es fällt auch Touristen auf. Oftmals werde ich gefragt, ob sich der Staat denn nicht um die Armen und Obdachlosen kümmere. Tatsächlich geht es bei dieser Wahl auch darum, wie das Sozialwesen und der Service public in Zukunft finanziert werden sollen. Es geht um die Rolle Grossbritanniens in der Welt und wie der Brexit sich auf Land und Leute auswirken wird. Es geht um sehr viel. Grossbritannien wird sich verändern, das spüren alle, doch was genau geschehen und wer wie betroffen sein wird, das weiss niemand so genau. Die Zukunft liegt hinter einer dicken Nebeldecke verborgen. Die Premierministerin selbst muss sich die Stabilität des Landes mit ihrem Slogan «strong and stable» herbeireden, und dass sie ihn so oft wiederholt, erfüllt nicht alle mit Zuversicht.

Während die Kontinentaleuropäer sich ungläubig die Augen reiben und staunend das Geschehen auf der Insel verfolgen, geht hier der Alltag weiter. Über Politik wird verhältnismässig wenig gesprochen. Das hat mich bereits vor einem Jahr bei der Brexit-Abstimmung erstaunt. Die Debattierkultur, wie ich das aus der Schweiz kenne, ist hier wenig ausgeprägt. Man will den Frieden wahren und bloss nicht in eine hitzige Diskussion verwickelt sein. Zu viele Emotionen zu zeigen ist very unbritish. Man behält diese lieber für sich. Politik, Religion und Geld gehören nicht an den Dinner Table, so die Faustregel. Es scheint, als finde die Debatte um Grossbritanniens Zukunft überall statt, nur nicht unter den Stimmbürgerinnen.

Was für die Schärfung der eigenen politischen Meinung seinen Nachteil hat, ist im Alltag durchaus angenehm. Die Briten sind wirklich unglaublich freundlich und geduldig. Sogar zu Stosszeiten in der Londoner Tube bleiben die Menschen zuvorkommend. Die Ruhe im Schacht ist bemerkenswert und wird auch von Besuchern der Hauptstadt wahrgenommen. Sie ist Ausdruck eines Verhaltenskodex, den die Briten von klein auf lernen. Als ich vor fünf Jahren meinen Wohnsitz nach London verlegte, konnte ich diese Verhaltensregeln schlecht nachvollziehen. Ich fand es anstrengend, ständig durch die Blume zu reden und mein Lächeln aufzusetzen. Es schien mir so gekünstelt. Doch dann hat es mich irgendwann angesteckt. Ich habe gemerkt, dass wir uns das Leben dadurch wirklich sehr viel angenehmer machen, besonders in einer Grossstadt wie London mit einer anonymen Masse von acht Millionen Menschen, in der man sich ständig bewegt.

Grossbritannien ist weit mehr als ein vom Terror erschüttertes und im Wahlkampf gefangenes Land. Der Alltag in London ist aufregend, abwechslungsreich und kreativ. Es gibt nichts Schöneres, als sich an einem freien Tag durch die Metropole treiben zu lassen. Da sind noch so viele Stadtteile, Museen und Galerien, Kinos und Theater, die es noch zu besuchen gibt. Die Vielfalt ist unglaublich. London ist eine stete Quelle der Inspiration. Hinter jeder Häuserzeile versteckt sich eine neue Welt. Sollte einem das Gewusel der Metropole einmal zu viel werden, kann man sich auf rurale Entdeckungsreise machen, über sanfte Hügel wandern, von den Klippen auf das Meer blicken, sich in einem gemütlichen Country Pub ausruhen und den Schafen beim Weiden zuschauen. Grossbritannien zieht die Welt in Bann. Die urbane Vielfalt und Kreativität macht dieses Land aus. Doch auch diese Grundfeste schwankt, so wie derzeit vieles in Grossbritannien.

Carla Maurer

Leiterin der Swiss Church in London