Frankreich
So flink umdribbelt David Beckham die Steuerhölle

Am Sonntag, rechtzeitig zum französischen Fussballderby von Paris Saint-Germain (PSG) gegen Olympique Marseille, soll David Beckham erstmals den Rasen des Pariser Stadions Parc des Princes betreten.

Stefan Brändle, Paris
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David Beckham: Frankreichs Fussballwelt liegt ihm zu Füssen.Keystone

David Beckham: Frankreichs Fussballwelt liegt ihm zu Füssen.Keystone

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Frankreichs Fussballwelt liegt ihm längst zu Füssen. Der britische Fussballveteran (37) hat die Herzen seiner neuen Fans im Voraus erobert: Grosszügig, wie er ist, spendet Beckham sein Einkommen von 800 000 Euro wohltätigen Zwecken.

David Beckham posiert in Unterwäsche für H & M
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David Beckham in Unterwäsche von H & M
David Beckham in Unterwäsche von H & M
Und als Metallskulptur in L. A.

David Beckham posiert in Unterwäsche für H & M

AZ

Allerdings geschieht das nicht zu wohltätigen, sondern zu fiskalischen Zwecken: Beckham will in Frankreich keine Steuern zahlen. Seine Anwälte verhandelten darüber monatelang mit den PSG-Managern. Schliesslich wurde sein erster Spielervertrag auf fünf Monate befristet. Denn ab sechs Monaten, das heisst ab mehr als der Hälfte des Jahres, hätte Beckham nach bilateralem Steuerrecht als in Frankreich wohnhaft gegolten; damit hätte er all seine Einnahmen in Paris versteuern müssen. Nun kann er dies weiterhin in London tun, wo sein Familienunternehmen auch mit Sponsoring und Accessoires Millionen umsetzt und tiefe Steuern zahlt.

Mindestlohn und Luxussuite

Nur den für französische Fussballprofis anfallenden Mindestlohn von 2200 Euro im Monat kann Beckham nicht gut ausschlagen: Er ist obligatorisch. Das wird den geschäftstüchtigen Briten aber natürlich auch nicht in Armut stürzen. Als kleine Entschädigung spendiert ihm der Klub fürs Erste die imperiale Suite (320 Quadratmeter) im Luxushotel Le Bristol. Kostenpunkt: 17 000 Euro – pro Nacht.

Beckham ist nicht der Einzige, der sich dem Fiskus zu entziehen versucht: Von den zwölf bestverdienenden französischen Sportlern – Tenniscracks wie Jo-Wilfried Tsonga, Basketballstars wie Tony Parker oder Fussballern wie Franck Ribéry – ist kein Einziger mehr in Frankreich tätig.

Spitzenverdiener zahlen mehr

Laut der Unternehmervereinigung Génération Entreprise haben seit der Wahl François Hollandes zum Präsidenten 5000 Franzosen ihr Land aus fiskalischen Gründen verlassen. Der Grund liegt auf der Hand: Die neue rot-grüne Regierung dreht weiter an der Steuerschraube, die schon der bürgerliche Präsident Nicolas Sarkozy kräftig angezogen hatte. Von der Mehrwert- bis zur Vermögenssteuer sind in den letzten zwei Jahren in Frankreich fast alle Abgaben angestiegen. Hollandes 75-Prozent-Taxe ist zwar wegen juristischer Einwände noch nicht in Kraft. Dafür hat er, was weniger bekannt ist, eine neue, 45-prozentige Steuerklasse für Jahreseinkommen von mehr als 150 000 Euro eingeführt; und die betrifft bedeutend mehr Erwerbstätige als die Millionensteuer.

Aber auch andere Einnahmequellen sind betroffen. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 20 Prozent ist beschlossene Sache. Die Unternehmenssteuer erreicht in Frankreich mittlerweile 36 Prozent, das sind 12 Prozent mehr als der EU-Schnitt. Auch bei der Kapitalbesteuerung legt Frankreich unter dem Druck der Wirtschaftskrise zu. Nach Angaben der Wirtschaftszeitung «La Tribune» dürften die Neuerungen in diesem Bereich dazu führen, dass Frankreich den bisherigen Rekordhalter Dänemark (Kapitalsteuersatz 39 Prozent) in diesem Jahr übertreffen wird. Damit erringt Paris den internationalen Spitzenplatz bei der Kapitalbesteuerung. Das sonst nicht zur Polemik neigende Wirtschaftsblatt bezeichnet Frankreich deshalb alles in allem als «Steuerhölle».

Legale Steuertricks

So wie der Fall Depardieu die Absetzbewegung begüterter Steuerexilanten illustriert, wirft das Beckham-Arrangement ein Schlaglicht auf die Praktiken in Frankreich selbst. Auch wer sein Geld nicht ins Ausland schafft, sondern in Frankreich bleibt, zahlt dort nicht unbedingt seine Steuern. Grosse französische Konzerne verlagern ihre Niederlassungen in Steuerparadiese und heuern ausländische Manager kaum mehr nach französischem Recht an. All diese Steuertricks sind durchaus legal. Ihr Umfang, das heisst ihr Verlust für den französischen Fiskus, lässt sich nicht einmal schätzen. Nur schon Steuerflucht und -betrug werden in Frankreich von Solidaires Finances, einer Gewerkschaft von Steuerbeamten, auf 60 bis 80 Milliarden Euro im Jahr beziffert. Das ist ein Fünftel aller Steuereinkünfte Frankreichs. Die angezogene Steuerschraube dreht zunehmend leer.