USA
So gefährlich sind Amerikas Bürgerwehren: Bewaffnete Teenager nutzen Proteste gegen Polizeigewalt zur Selbstjustiz

Sogenannte Bürgerwehren wollen Amerikas Städte «schützen». Das endete Anfang Woche in der Stadt Kenosha tödlich.

Renzo Ruf aus Washington
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Kyle Rittenhouse, 17, Mitglied einer «Bürgerwehr», hat in Kenosha auf offener Strasse zwei Menschen getötet.

Kyle Rittenhouse, 17, Mitglied einer «Bürgerwehr», hat in Kenosha auf offener Strasse zwei Menschen getötet.

Tayfun Coskun/Getty Images

Die Gruppe nennt sich «Kenosha Guard». Am Dienstag dieser Woche rief sie «bewaffnete Bürger» dazu auf, sich in die Provinzstadt auf halbem Weg zwischen Milwaukee (Wisconsin) und Chicago (Illinois) zu begeben. Die Ordnungskräfte seien überfordert und der Stadtpräsident, ein Demokrat, habe versagt, hiess es in einer Stellungnahme auf Facebook.

Greift zu den Waffen und verteidigt unsere Stadt.

Dieser Aufruf kam wohl auch dem 17-jährigen Kyle Rittenhouse zu Ohren. Jedenfalls machte sich der Teenager aus einer nahegelegenen Stadt am Dienstag schwer bewaffnet auf den Weg nach Kenosha, um sich dort vor einem Autogeschäft im Stadtzentrum aufzubauen. Einem Reporter kündigte Rittenhouse an, sein Job sei es, Menschen zu beschützen. «Falls jemand verletzt wird, begebe ich mich in Gefahr. Deshalb habe ich auch ein Gewehr.»

Rechter Kommentator zeigt Verständnis für Schützen

Die Provinzstadt Kenosha ist seit Sonntag das Zentrum der Proteste gegen Polizeigewalt, nachdem ein weisser Stadtpolizist einen Afroamerikaner mit sieben Schüssen in den Rücken niedergestreckt hatte. Bewaffnete Bürger wie Rittenhouse – der notabene gemäss den geltenden Gesetzen in Wisconsin zu jung ist, um legal eine Waffe zu besitzen – vermochten die angespannte Lage allerdings nicht zu beruhigen. Vielmehr gossen sie Feuer ins Öl. So kam es in der Nacht auf Mittwoch zu Scharmützeln. Am Ende waren zwei Menschen tot, erschossen von Rittenhouse. Der Teenager wird des Mordes beschuldigt.

Am rechten Rand des politischen Spektrums wurde Rittenhouse umgehend als Held bezeichnet. So sagte der «Fox News»-Kommentator Tucker Carlson, in Kenosha sei Anarchie ausgebrochen, weil die Behörden die Stadt im Stich gelassen hätten.

Tucker Carlson, Fox-News-Kommentator.

Tucker Carlson, Fox-News-Kommentator.

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Wie schockiert sind wir deshalb, dass 17-Jährige mit Waffen die Entscheidung treffen, dass sie für Ordnung sorgen müssten, wenn niemand anders dies tun wollte.

Bürgerwehren sind ein bekanntes amerikanisches Phänomen. Während der aktuellen Massenproteste versammelten sich in amerikanischen Städten am Rande der Demonstrationen immer wieder Gruppen schwerbewaffneter Personen, die ihre Waffen zur Schau stellten. Einige dieser Gruppen sind lose organsiert. Andere, zum Beispiel das extremistische «Boogaloo movement», können innerhalb kurzer Zeit eine stattliche Zahl von Anhängern mobilisieren. Gemein haben diese Gruppen, dass sie von den laxen Waffengesetzen in vielen US-Bundesstaaten profitieren.