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US-Aktivist Gilmore: «So kann es nicht weitergehen»

Brennan Gilmore war Augenzeuge, als der Neonazi James Fields im August 2017 in Charlottesville eine Gegendemonstrantin tötete. Er berichtete darüber und wurde daraufhin selbst das Ziel virtueller Attacken.
Renzo Ruf, Charlottesville
Moment des Schreckens: Der Neonazi James Fields fährt in den linken Protestzug. (Bild: Ryan M. Kelly/AP; Charlottesville, 12. August 2017)

Moment des Schreckens: Der Neonazi James Fields fährt in den linken Protestzug. (Bild: Ryan M. Kelly/AP; Charlottesville, 12. August 2017)

Natürlich sei er froh darüber, dass dieses Kapitel nun abgeschlossen sei, sagt Brennan Gilmore mit leiser Stimme, als er an diesem Wintertag in einem Café in Charlottesville (Virginia) gefragt wird, welche Gefühle das soeben verkündete Urteil gegen James Fields in ihm auslöse. Fields – das ist der heute 21-jährige Neonazi, der am 12. August 2017 mit seinem Auto in eine Gruppe von Demonstranten fuhr, die 32-jährige Heather Heyer ermordete und acht weitere Menschen zum Teil schwer ­verletzte. Er wird den Rest des ­Lebens hinter Gittern verbringen müssen, sofern der zuständige Richter im März 2019 der Empfehlung der Geschworenen folgt.

Gilmore sagt aber auch: Sein Kapitel sei noch lange nicht abgeschlossen. Es hat wohl erst begonnen. Denn Gilmore, wache Augen, gepflegter Bart, bequeme Kleidung, begnadeter Gitarrenspieler, war im Sommer 2017 ein Augenzeuge des blutigen Vorfalls, der die ganze Welt schockte. Mit seinem Smartphone filmte er, geistesgegenwärtig, wie Fields in der Innenstadt von Charlottesville mit überhöhter Geschwindigkeit die 4th Street Northeast hinunterfuhr, an deren Ende sich die Demonstranten versammelt hatten.

Das Leben zur Hölle gemacht

Er werde diesen Moment nie vergessen, sagt er, und seine Stimme wird noch leiser. Er erzählt von den Geräuschen, als Fields sein Auto in den friedlichen Protestzug rammte, von den Schreien der Verletzten. Eine halbe Stunde später verbreitete Gilmore ein ­Video des Vorfalls über Twitter und gab später auch vor Fernsehkameras Auskunft. «Das war Terrorismus», sagte er, immer und immer wieder.

Und dann wurde Gilmore plötzlich selbst zum Ziel einer neuen Form des Terrors, des Online-Terrors. Eine Gruppe radikal rechter Publikationen – die Internetplattform «InfoWars» des Provokateurs Alex Jones zum Beispiel – stürzten sich auf ihn. Sie behaupteten, Gilmore sei Teil einer Verschwörung, mit dem Ziel, die rechtsradikale Bewegung zu diskreditieren. Sie sagten, er sei ein Agent des Auslandsgeheimdienstes CIA, ein Gefolgsmann des linken Financiers George Soros, der die Attacke Fields bloss inszeniert habe. Sie publizierten Videos über den 1979 geborenen Mann, in denen sie seine berufliche Karriere – 15 Jahre im Dienst des Aussenministeriums und zuletzt Mitarbeiter eines demokratischen Gouverneurskandidaten in Virginia – ausbreiteten und über Verbindungen zum «Deep State», dem angeblichen Staat im Staat, spekulierten. Damit stachelten sie Online-Trolle an, die sich auf Twitter oder Facebook auf Gilmore stürzten und somit sein Leben zur Hölle machten.

Warum? Gilmore fällt es bis heute schwer, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Vielleicht hatte es ideologische Gründe, weil Rechtsradikale und Nationalisten, die nach der Wahl von ­Donald Trump zum Präsidenten Aufwind verspürt hatten, sich plötzlich in der Defensive befanden. Vielleicht gehöre es auch schlicht und einfach zum Geschäftsmodell von Internet-Provokateuren wie Alex Jones, sich auf Kosten unbescholtener Menschen zu profilieren und Klicks zu generieren, sagt er. Gilmore allerdings wollte sich damit nicht abfinden. Also entschloss er sich im Frühjahr 2018 dazu, seine virtuellen Peiniger wegen Verleumdung vor Gericht zu ziehen.

Unterstützung von Journalisten und Juristen

Das ist allerdings einfacher gesagt als getan. Denn das in der Verfassung verbriefte Recht auf freie Meinungsäusserung wird von amerikanischen Gerichten traditionell sehr grosszügig ausgelegt – so können sich Redaktionen mit dem Argument vor Klagen schützen, es habe sich bei den beanstandeten Aussagen um Meinungsäusserungen gehandelt. Und wenn Falschinformationen verbreitet werden, reicht häufig der Hinweis darauf, dass dies nicht böswillig geschehen sei. Zudem stellen sich die Anwälte der eingeklagten Internet-Provokateure auf den Standpunkt, dass Gilmore im Nachgang zur Attacke in Charlottesville das Scheinwerferlicht gesucht habe. Wie ein Politiker oder ein Schauspieler sei er damit zu einer Person des öffentlichen Lebens geworden, der sich nicht auf den Schutz seiner Privatsphäre berufen könne.

Gilmore widerspricht entschieden: «Ich war Augenzeuge eines historischen Vorfalls», sagt er. Erst als sich Alex Jones und Konsorten dazu entschieden hätten, ihn an den virtuellen Pranger zu stellen, sei er zu einer Person des öffentlichen Lebens geworden, sagt er.

Bevor Gilmore allerdings über diese und ähnliche Fragen vor Bundesgericht in Charlottesville streiten kann, muss Richter Norman Moon über einen Abweisungsantrag der Beklagten entscheiden. Wie viel Zeit Moon benötigen werde, wisse er nicht, sagt Gilmore. Er habe sich aber auf ­einen langen Kampf eingestellt – einen Kampf, in dem er übrigens «überraschend» starke Unterstützung von Journalisten und Juristen geniesse. Vielleicht sei er also nicht der Einzige, der finde: «So kann es nicht weitergehen.»

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