Terror in Paris
Soll der Westen mit Bodentruppen gegen den IS kämpfen?

Wie soll der Westen auf die verheerenden Terrorattacken in Paris reagieren? Plötzlich wird wieder die Forderung laut, der Westen solle den Islamischen Staat mit Bodentruppen bekämpfen. Ist das klug?

Dagmar Heuberger
Merken
Drucken
Teilen
US-Bodentruppen im Irak. Die Rufe nach einem Einsatz in Syrien werden immer lauter.

US-Bodentruppen im Irak. Die Rufe nach einem Einsatz in Syrien werden immer lauter.

Keystone

Krieg: Seit dem vergangenen Freitag nehmen Politiker und Experten das Wort wieder ohne Skrupel in den Mund. «Konfrontiert mit Krieg muss die Nation angemessene Massnahmen ergreifen», sagte Frankreichs Präsident François Hollande nur wenige Stunden nach den Attentaten. Premierminister Manuel Valls forderte eine «heilige Union» gegen die Islamisten. Und selbst der sonst so friedfertige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sprach von einer «Art von Krieg». Markige Worte auch von Kommentatoren und Experten: Jetzt gelte es, die europäischen Werte gegen die barbarischen Islamisten zu verteidigen, tönt es vor allem in den deutschen Medien.

Bundeswehr nach Syrien?

Doch was bedeutet es konkret, wenn Hollande sagt, Frankreich befinde sich im Krieg? Strebt der französische Präsident ein UNO-Mandat für eine bewaffnete Intervention gegen den IS in Syrien an? Will er erreichen, dass die Nato den Bündnisfall ausruft? Demnach gilt ein bewaffneter Angriff gegen ein Nato-Mitglied als Angriff gegen alle. Dann seien die nötigen Massnahmen zu treffen, «um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten».

Und was meint die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, wenn sie Frankreich «jedwede Unterstützung» zusichert? Ist Merkel wirklich bereit, Bundeswehrsoldaten nach Syrien zu schicken? Ihre Rhetorik erinnert verdächtig an ihren Vorgänger Gerhard Schröder, der den USA nach 9/11 «uneingeschränkte Solidarität» versprach – und später doch zurückruderte. Seit gut einem Jahr fliegt eine Allianz, der auch Frankreich angehört, unter Führung der USA Luftangriffe gegen IS-Stellungen in Syrien. Der Erfolg ist bescheiden. Die Bombardements haben die Terrormiliz zum Beispiel nicht daran gehindert, im Mai die antike Oasenstadt Palmyra zu erobern und teilweise zu zerstören. Schon damals wurde der Einsatz von Bodentruppen gefordert.

Schöne Worte beim G-20-Gipfel

Nach dem Massaker in Paris mit 132 Toten und Hunderten Verletzten ist der Ruf nach einer härteren Gangart gegen die Terrormiliz verständlich. Ein paar schöne und entschlossene Worte, wie sie gestern vom G-20-Gipfel in der Türkei kamen, reichen da nicht aus. Die Finanzströme der Terroristen austrocknen, ihre Bewegungsmöglichkeiten einschränken, den Informationsaustausch intensivieren: Das alles wurde schon nach den Anschlägen auf «Charlie Hebdo» versucht. Wäre es jetzt nicht höchste Zeit, den IS mit Bodentruppen einer internationalen Koalition zu bekämpfen?

Der IS verfügt in Syrien über ein eigenes Territorium, das er «Kalifat» nennt. Von hier aus planen und steuern die Islamisten ihre Terroranschläge. Der Gedanke leuchtet auf den ersten Blick ein: Gelingt es, den IS aus seinem «Kalifat» zu vertreiben, Städte wie Rakka und Mossul zurückzuerobern, dann ist auch die Macht der Islamisten gebrochen. Dennoch ist eine Intervention mit Bodentruppen aus folgenden Gründen keine Option:

Die Lage in Syrien ist unübersichtlich. Es gibt zahlreiche Gruppen mit unterschiedlichen Zielen; Freund und Feind sind nur schwer zu unterscheiden. Zudem kommt man mit einer traditionellen Militärtaktik nicht gegen die Guerilla-Taktik des IS an. Die Islamisten lancieren eine Offensive, stossen rasch vor und ziehen sich ebenso rasch wieder zurück. Für eine konventionelle Truppe sind sie damit kaum fassbar. Sie operieren häufig mitten aus der Zivilbevölkerung heraus, schicken Selbstmordattentäter in umkämpfte Städte, nehmen Geiseln als «menschliche Schutzschilde». Die Gefahr, dass unverhältnismässig viele unbeteiligte Zivilpersonen zu Opfern eines Bodenkrieges werden, ist gross.

Unter dem Eindruck von 9/11 hatte der Westen 2001 in Afghanistan und 2003 im Irak interveniert. Ziel war nicht nur die Vernichtung von al-Kaida, sondern auch, in diesen Ländern Demokratie und Menschenrechte zu etablieren. Heute sind beide Länder «failed states» – gescheiterte Staaten. Diese Erfahrung wollen vor allem die Amerikaner nicht noch einmal machen. US-Präsident Barack Obama sagte denn auch gestern klar, Bodentruppen in Syrien wären «ein Fehler».

Terrorismus gleicht einer Hydra: Schlägt man der Schlange einen Kopf ab, wachsen gleich zahlreiche Köpfe nach. Den IS in Syrien zu vernichten, bedeutet nicht, den islamistischen Terrorismus insgesamt zu vernichten. So wie der IS als Abspaltung von al-Kaida entstanden ist, ist nicht auszuschliessen, dass sich vom IS erneut ein Zweig abspaltet.

Die Absicht des IS?

Ein Bodenkrieg gegen den IS birgt somit schwer einzuschätzende Risiken. Die Gefahr ist gross, dass der Westen sich in einem Krieg verheddert, den er nicht gewinnen kann. Und es ist nicht auszuschliessen, dass der IS genau das beabsichtigt.