SOZIALE MEDIEN: Mit Kerzen, Blumen und viel Hoffnung

Gilles und Marianne besuchen am Freitag das Konzert im Bataclan und posten ein Selfie auf Instagram. Dann fehlt von Gilles jede Spur – gestern die traurige Gewissheit: Er hat es nicht geschafft. Gilles ist zum Gesicht der schrecklichen Attentate geworden.

Michael Graber
Drucken
Teilen
Gilles und Marianne vor dem Konzert im Pariser Lokal Bataclan, wo Gilles am Freitagabend ums Leben kam. (Bild: Instagram)

Gilles und Marianne vor dem Konzert im Pariser Lokal Bataclan, wo Gilles am Freitagabend ums Leben kam. (Bild: Instagram)

Michael Graber

Gilles (32) sieht fröhlich aus. Neben ihm ist seine Freundin Marianne, er trinkt Bier, trägt einen modischen Bart, und hinter ihm stehen die Instrumente auf der Bühne bereit. Es ist ein Selfie, wie es an Konzerten tausendfach gemacht wird. Jenes von Gilles ist aber auf tragische Weise einzigartig: Aufgenommen ist es im Bataclan in Paris, die Instrumente auf dem Foto stehen bereit für die Eagles of Death Metal, die gleich ein Konzert spielen werden. Kurz darauf bricht der Horror los. Terroristen schiessen auf das Publikum und töten über 80 Menschen.

Das letzte Lebenszeichen

Das Foto ist auch das letzte Lebenszeichen, das seine Familie von Gilles hat. Seit dem grauenhaften Attentat fehlt von Gilles zunächst jede Spur. Ob schwer verletzt im Spital oder tot im Leichensack, ist bis gestern Abend unklar. Marianne ist mittlerweile aufgetaucht und wieder zurück bei ihrer Familie. Unter grossem Schock und ohne Erinnerungen an den Abend, aber: immerhin lebend.

Via Facebook, Twitter und Instagram bitten Familie und Freunde um Hilfe bei der Suche nach Gilles. Und vor allem spricht man sich gegenseitig Hoffnung zu. Hoffnung, Gilles doch noch lebend zu finden. Das Bild von Gilles und Marianne ist zu einer Art Symbol für das Grauen geworden. Gilles hatte es am Freitagabend auf dem Bilderkanal Insta­gram veröffentlicht. Er hat es mit Hashtag-Markierungen versehen «#eaglesof­deathmetal» und «#lebataclan».

Über 7500 Kommentare

Durch diese Suchbegriffe wurde das Bild auch schnell gefunden von anderen Usern. Über 7500 Kommentare stehen mittlerweile darunter. Die meisten drücken einfach ihr Mitgefühl aus, sagen, sie würden Kerzen anzünden und beten. Andere glauben, Gilles auf einem Video über den Anschlag lebend gesehen zu haben – wieder andere finden heraus, dass das nicht stimmt. Falscher Alarm – Kerzen anzünden und beten.

Und immer wieder: Bestürzung, pure Bestürzung. Dieses fröhliche Gesicht von Gilles macht die Trauer über die Attentate nur noch schlimmer, es macht aus der Nachricht von dem Anschlag eine persönliche Geschichte – eine tieftraurige. Die Verzweiflung, welche die Familie umtreiben muss, kann man aber nicht mal im Ansatz erahnen.

Blumen vor dem Blumengeschäft

Vor dem Geschäft der Eltern, einem kleinen Blumenladen in Paris, sammelten sich bereits am Sonntagabend viele Menschen. Sie legten Blumen nieder. Gestern Abend kamen sie wieder. Mit Blumen und ganz viel Hoffnung. Sie schreiben mit den Kerzen «Gilles» auf den Boden. Auf Twitter, Facebook und Instagram verbreiten sie zudem auch Fotos von seinen Tätowierungen. Es sind auffällige, grossflächige Kunstwerke, die den Körper von Gilles zieren. Eigentlich müssten sie jedem Notarzt und Helfer auffallen, wenn er sie denn auch zu Gesicht bekommen würde. Wenn. Denn gestern Abend kam die traurige Gewissheit: Gilles hat die Schiesserei im Konzertlokal nicht überlebt. Dies bestätigten seine Verwandten über seine Profile in sozialen Netzwerken. Genaueres über die Umstände war bis Redaktionsschluss nicht in Erfahrung zu bringen.

Da steht nichts Neues

«Ich hätte nie gedacht, dass mich das Schicksal eines komplett Fremden so sprachlos macht und mitnimmt. Ich schaue mittlerweile jede Stunde auf dieses Profil in der Hoffnung, dass endlich eine gute Nachricht da steht», schreibt eine Userin noch vor Bekanntwerden von Gilles’ Tod unter das Bild. Etwas Neues wird da nun nie mehr stehen.