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SPANIEN: Die Terrorzelle aus dem Bergdorf

Nach dem Anschlag von Barcelona hält die spanische Regierung die Terrorzelle aus dem Dorf Ripoll für zerschlagen. Katalonien widerspricht – erst müsse man den Aufenthaltsort aller restlichen Mitglieder in Erfahrung bringen.
Ralph Schulze, Madrid
Spanische Sicherheitskräfte stehen Wache bei einer Hausdurchsuchung im Bergdorf Ripoll. (Bild: Robin Townsend/EPA (Ripoll, 18. August 2017))

Spanische Sicherheitskräfte stehen Wache bei einer Hausdurchsuchung im Bergdorf Ripoll. (Bild: Robin Townsend/EPA (Ripoll, 18. August 2017))

Ralph Schulze, Madrid

Mit der beschaulichen Ruhe im katalanischen Bergdorf Ripoll in den nordspanischen Pyrenäen ist es vorbei: Die Polizei belagert derzeit das Dorf, in dem jene Terrorzelle heranreifte, die in Barcelona und dem Ferienort Cambrils Anschläge verübte. Mannschaftswagen der katalanischen Polizei, der Mossos d’Esquadra, stehen in den Strassen. Häuser werden durchsucht. Auch jene Wohnung, wo der Imam wohnte, der die jungen Männer mit Hassbotschaften aufgehetzt haben soll – und der nun verschwunden ist.

Der Prediger Abdelbaki E. wird von der Polizei als möglicher Kopf der Terrorzelle angesehen, der insgesamt wenigstens 12 islamistische Fundamentalisten im Alter von 17 bis 34 Jahren angehörten. Die meisten von ihnen sind marokkanischer Abstammung und lebten in dem Dorf ­Ripoll. Auch der mutmassliche Fahrer des Terrorfahrzeugs von Barcelona, der 22-jährige Younes Abouyaaqoub, der nach der Tat flüchten konnte, wohnte hier.

Bombenwerkstatt flog in die Luft

Genauso wie die Brüder Oukabir, der 28 Jahre alte Driss und sein erst 17 Jahre alter Bruder Mousa. Letzterer war zunächst von der Polizei verdächtigt worden, am Donnerstag den Terrorwagen über die Rambla Barcelonas gesteuert zu haben, was jetzt aber weitestgehend ausgeschlossen wird. Mousa gehört zu jenen fünf Terroristen, die am Freitagmorgen in Cambrils von der Polizei erschossen wurden. Genauso wie seine ebenfalls aus Ripoll stammenden Freunde Mohamed Hychami y Said Aallaa, die gleichfalls, nachdem sie in Cambrils mit Messern auf Beamte und Passanten losgingen, durch Polizeischüsse getötet wurden. Zudem wurden drei weitere mutmass­liche Gesinnungsgenossen in ­Ripoll festgenommen, darunter Driss Oukabir.

Die Einwohner fielen aus allen Wolken, als der Name ihres Dorfes und die Fotos einiger Bewohner in den Fernsehnachrichten auftauchten: «Wir sind bestürzt und traurig», sagt Bürgermeister Jordi Munell. Obwohl in seinem Dorf mit 11000 Einwohnern, davon 9 Prozent Einwanderer, jeder jeden kenne, habe niemand etwas Verdächtiges bemerkt. Die Familie der Brüder Oukabir lebe seit 20 Jahren in dem Dorf. Die meisten seien «ganz normale junge Männer» gewesen, heisst es im Dorf.

Auch die Antennen der Sicherheitsbehörden, welche die spanische Islamistenszene mit geheimdienstlichen Mitteln bisher recht erfolgreich observierte, schlugen nicht aus. Vielleicht auch, weil diese Terrorzelle im abgelegenen Pyrenäen-Bergort Ripoll heranwuchs, rund 100 Kilometer von der gut bekannten Extremismus-Hochburg Barcelona entfernt? In Ripoll brütete die Gruppe offenbar ihren heim­tückischen Terrorplan aus, der ursprünglich vorsah, drei Lieferwagen mit mächtigen Sprengsätzen zu versehen und in Barcelona sowie möglicherweise an anderen belebten Tourismushochburgen in der nordspanischen Region Katalonien zu zünden.

Nachdem am Mittwoch ihre Bombenwerkstatt im Keller eines Hauses, im 200 Kilometer von Ripoll entfernten Küstenort Alcanar, in die Luft flog, beschlossen sie einen Plan B: die mörderische Fahrt über die Flaniermeile Rambla in Barcelona am Donnerstagnachmittag und einen ähnlichen Terrorangriff am Freitagmorgen im Badeort Cambrils, bei dem sie von der Polizei gestoppt und fünf Terroristen erschossen wurden.

Monatelang bereiteten die Zellenmitglieder ihr Terrorwerk vor. Sie kauften mehr als 100 Butangasflaschen. Auch andere Bombenbaumaterialien wie das Lösungsmittel Aceton oder den Waschmittelzusatz Peroxid. Und sie machten sich wenigstens seit Juni im Keller eines abgelegenen Einfamilienhauses in Alcanar daran, Sprengsätze zu bauen.

Besonders vorsichtig waren sie aber nicht: Denn am Abend des 16. August zerstörte eine grosse Explosion ihren Bombenkeller. Unter den Trümmern fand die Polizei zwei Leichen. Eine davon, glaubt die Polizei, könnte jene des verschwundenen Imams von Ripoll sein. Ein dritter Bombenbauer wurde bei der Explosion verletzt und festgenommen.

Auch wenn nun bereits heftig darüber debattiert wird, warum die Polizei nichts von den Terrorvorbereitungen mitbekam: Die Sicherheitsbehörden können sich wenigstens zugutehalten, dass sie die Terrorzelle innerhalb kürzester Zeit weitgehend ausser Gefecht gesetzt haben.

Madrid hält Zelle für zerschlagen

Spaniens Innenminister Juan Ignacio Zoido wagte sich am Samstagnachmittag weit vor: Die Gruppe sei «vollständig zerschlagen», verkündete er. Sein Kollege aus der Region Katalonien, Joaquim Forn, widersprach und sagte, die Terrorzelle sei erst ausser Gefecht, «wenn man den Aufenthaltsort von allen Personen, die dazugehörten, kennt». Und das ist noch nicht der Fall.

Zwei Tage nach den Terroranschlägen in Barcelona und Cambrils sieht die Bilanz so aus: Fünf Terroristen wurden in Cambrils erschossen. Zwei weitere Terroristen starben bei der Explosion der Bombenwerkstatt in Alcanar. Vier wurden in Ripoll und Alcanar festgenommen. Aber einer fehlt noch: der mutmassliche Todesfahrer Younes Abouyaaqoub. Er ist momentan der meistgesuchte Terrorist Europas.

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