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SPANIEN: Ein Ferienland unter Schock

Einen Tag nach den Anschlägen in Spanien geht die Polizei von einer grösseren Organisation aus. Die Terroristen hatten noch weitere Attentate geplant. Gefahndet wird nun nach mindestens vier jungen marokkanischen Männern.
Ralph Schulze, Madrid
Trauernde Menschen gestern Abend auf Las Ramblas, wo am Donnerstag ein Lieferwagen in eine Menschenmenge fuhr. (Bild: Emilio Morenatti/AP (Barcelona, 18. August 2017))

Trauernde Menschen gestern Abend auf Las Ramblas, wo am Donnerstag ein Lieferwagen in eine Menschenmenge fuhr. (Bild: Emilio Morenatti/AP (Barcelona, 18. August 2017))

Ralph Schulze, Madrid

Die Terrorspur von Barcelona führt in den kleinen nordspanischen Küstenort Alcanar in der Provinz Tarragona. Dort, 200 Kilometer südwestlich der katalanischen Mittelmeermetropole, flog einen Tag vor der mörderischen Horrorfahrt durch Barcelona die mutmassliche Bombenwerkstatt der islamistischen Terroristen in die Luft. Dies verhinderte offenbar, dass das Terrorkommando einen oder sogar mehrere rollende Sprengsätze in Spaniens Tourismushochburg Barcelona zünden konnte. Deswegen, so vermutet die Polizei, schritt es zu einem heimtückischen Plan B. Und der sah so aus: Einen Tag später, am Donnerstagnachmittag, raste einer der Terroristen mit einem Lieferwagen über die berühmte Rambla Barcelonas, auf der sich zu diesem Zeitpunkt Tausende Menschen befanden, darunter viele ausländische Touristen. Wohl wissend, dass die Rambla nicht nur die bekannteste Flaniermeile der Stadt, sondern des ganzen spanischen Königreichs ist. 24 Stunden später verdichteten sich die Hinweise für die Ermittler, dass jene Terrorserie, die Barcelona und Stunden später den touristischen Badeort Cambrils erschütterte, mit Alcanar, einem kleinen Küstenort mit 10 000 Einwohnern, in Verbindung steht. Die Hypothese lautet, dass die Terroristen bei der unvorsichtigen Manipulation des Bombenmaterials die Explosion verursachten. Und dass mit den Bomben ein oder mehrere Fahrzeuge präpariert werden sollten.

Während die Polizei zwischen den Trümmern nach weiteren Spuren suchte, kämpfte die 1,6-Millionen-Einwohnerstadt Barcelona am Freitag gegen den Terrorschock: Etwa mit einer Gedenkveranstaltung samt Schweigeminute in der Nähe des Tatortes, an der auch Spaniens König Felipe und der konservative Regierungschef Mariano Rajoy teilnahmen. Oder mit grosser Solidarität: Vor den Blutspendestationen der Krankenhäuser bildeten sich lange Schlangen. Einige Hoteliers boten den überlebenden Terroropfern und ihren Familien kostenlose Unterbringung an.

Die Blutspur zieht sich durchs halbe Land

Am Donnerstag gegen 16.50 Uhr, so registrierten es die Überwachungskameras auf der Rambla, war ein weisser Fiat-Lieferwagen an der Plaza der Cataluña auf die Rambla-Allee eingebogen. Im Fussgängerbereich, in der Mitte der Allee, gab der Fahrer Gas und überrollte nach Polizeiangaben «mehr als ein­hundert Menschen». Der Kripochef der nordspanischen Region Katalonien, Josep Lluís Trapero, sagte, dass der Fahrer versucht habe, «die grösstmögliche Zahl von Menschen zu töten». Touristen von insgesamt 34 Nationen sind unter den Opfern. Schliesslich kracht der Wagen gegen einen Kiosk und kommt zum Stehen. Der Fahrer im blau-weissen Hemd springt heraus und verschwindet in den Altstadtgassen Barcelonas.

Marokkanische Brüder unter Verdacht

Nun jagen Polizeieinheiten diesen Terroristen, bei dem es sich nach Meinung der Fahnder um den 18-jährigen Moussa Oukabir handeln könnte. Der junge Marokkaner ist der jüngere Bruder von Driss Oukabir (28), der Stunden nach dem Attentat von Barcelona festgenommen wurde.

Auf der Flucht durch Barcelona kaperte Moussa Oukabir möglicherweise am Donnerstagabend ein Fahrzeug und erstach den Fahrer. Von Barcelona führte die Blutspur noch in der Nacht zum Freitag weiter zum Ferienort Cambrils, der 130 Kilometer südwestlich Barcelonas liegt. Dort wollte in der Nacht zum Freitag ein fünfköpfiges Terrorkommando ein weiteres Massaker begehen.

Gegen 1.15 Uhr am Freitagmorgen gelingt es der Polizei an der Promenade und in der Nähe des Hafens von Cambrils mit einem quergestellten Streifenfahrzeug ein Fahrzeug zu stoppen, das gerade mehrere Menschen überrollt hatte. In dem Wagen sassen fünf Männer, alle trugen gut sichtbare Sprengstoffgürtel, die sich später aber als Attrappen erwiesen. Die fünf Terroristen versuchten noch, aus dem Wagen zu kommen. Alle fünf werden mit Schüssen niedergestreckt. Ihre Identität stand zunächst nicht fest. Einer von ihnen könnte nach noch unbestätigten Berichten Moussa Oukabir, der Kamikazefahrer von Barcelona, sein. Auch in Cambrils sind Opfer zu beklagen: Eine Frau wurde getötet und sechs Menschen verletzt. Später bedankt sich der katalanische Innenminister Joaquim Forn bei jenen Polizisten, die durch ihre schnelle Reaktion ein noch grösseres Blutbad verhindert haben. Denn offenbar wollte das Terrorkommando erst mit einer Horrorfahrt über die Promenade nach dem Muster Barcelonas viele Menschen ermorden und dann mit langen Messern weitere Opfer suchen.

Polizei geht von grösserer Terrorzelle aus

Am Freitag versuchte die Polizei die Verbindungen zwischen den drei Terrorschauplätzen Alcanar, Barcelona und Cambrils zu knüpfen. Und auch zu jenem Ort namens Ripoll, rund 100 Kilometer nördlich Barcelonas, in dem am Donnerstag und Freitag wenigstens drei Verdächtige festgenommen wurden: Driss Oukabir, Bruder des mutmasslichen Todesfahrers Moussa Oukabir, der noch am Donnerstagabend festgesetzt worden war, und zwei weitere Personen. Inzwischen geht man davon aus, dass eine grössere Terrorzelle hinter der Attentatsserie steckt. Wenigstens vier mutmassliche Terroristen, durchweg marokkanischer Abstammung, wurden am Freitag von der Polizei gesucht. Durchweg junge Männer zwischen 17 und 24 Jahren. Ganz oben auf der Fahrungsliste steht der Name von Moussa Oukabir, mutmasslicher Haupttäter, der nun der meistgesuchte Terrorist Europas ist. Auf die Frage, was er als König der Welt tun werde, antwortete er vor zwei Jahren auf den sozialen Netzwerken: «Ich würde so viele Ungläubige wie möglich töten.»

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