SPANIEN: Katalanische Zeitung: «Uns stehen noch harte Tage bevor»

Ralph Schulze über die Unabhängigkeitsabstimmung und den brutalen Polizeieinsatz in Katalonien.

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Ralph Schulze

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Feuerwerksraketen steigen in den Himmel. Der Sprechchor «Unabhängigkeit, Unabhängigkeit» schallt durch die Nacht. Als der katalanische Ministerpräsident Carles Puigdemont in der Nacht zum Montag auf der Grossbildleinwand auftaucht, die auf der Plaça de Catalunya im Zentrum Barcelonas aufgebaut ist, braust Beifall auf. Der Applaus wird noch stärker, als Puigdemont verkündet, der Volksabstimmung werde schon bald die Unabhängigkeitserklärung folgen. Dabei stört es Puigdemont nicht, dass das Referendum vom Verfassungsgericht verboten worden war. 90 Prozent hätten für die Unabhängigkeit gestimmt, verkündete in der Nacht ein Sprecher der katalanischen Regierung. Dem wahren Meinungsbild entspricht dies nicht: Laut letzten Umfragen kamen die Unterstützer der Unabhängigkeit auf 41 Prozent.

Die Videos und Fotos vom brutalen Polizeieinsatz in Katalonien sorgen auch in Spanien weiterhin für Empörung. Bei dem Versuch der spanischen Sicherheitskräfte, am Sonntag einige Wahllokale in Katalonien zu schliessen und Wahlurnen zu beschlagnahmen, waren nach Angaben der Behörden 893 Personen verletzt worden. Unter den Verletzten befanden sich 33 Polizisten. Ein völlig sinnloser Einsatz, mit dem die Abstimmung nicht verhindert werden konnte, und der die antispanische Stimmung in Katalonien noch weiter anheizte. «Uns stehen noch harte Tage bevor», warnte die katalanische Zeitung «La Vanguardia».

In der Tat ist keine Entspannung zwischen Barcelona und Madrid in Sicht. Kataloniens Ministerpräsident Puigdemont bekräftigte am Montagnachmittag, dass das Referendum in seinen Augen «gültig und bindend» sei. Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy erklärte derweil: «Wir können nicht zulassen, dass die Eintracht der Erpressung weicht.» Dem Vernehmen nach will der konservative Regierungschef jeden Schritt Richtung Unabhängigkeit mit gesetzlichen Zwangsmassnahmen und strafrechtlicher Verfolgung beantworten.

Puigdemont, gegen den Spaniens Justiz bereits wegen des Verdachts der Rechtsbeugung und der Rebellion ermittelt, könnte somit schon bald eine formelle Anklage drohen. Zudem könnte die katalanische Region unter Verwaltung der spanischen Zentralregierung gestellt werden. Ob dies den Konflikt lösen können wird, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Ralph Schulze, Madrid