Spanien
Von 114'000 Opfern der Franco-Diktator fehlt noch immer jede Spur: Das soll sich jetzt schlagartig ändern

Der Anthropologe Juan Manuel Guiijo will die Ermordeten finden. Koste es, was es wolle. Unterstützung erhält er neuerdings aus dem Regierungspalast in Madrid.

Manuel Meyer, Sevilla
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Manche der ausgegrabenen Skelette tragen noch immer Drahtfesseln an ihren Händen: Das Massengrab auf dem Zentralfriedhof von Sevilla ist nur eines von vermutlich rund 1200 anonymen Grabstellen im Land.

Manche der ausgegrabenen Skelette tragen noch immer Drahtfesseln an ihren Händen: Das Massengrab auf dem Zentralfriedhof von Sevilla ist nur eines von vermutlich rund 1200 anonymen Grabstellen im Land.

Manuel Meyer

Vorsichtig entfernt Juan Manuel Guijo mit seinem Pinsel den Lehm von einem zertrümmerten Schädel. Er kann sich in der Ausgrabungsmulde kaum bewegen. Direkt hinter ihm liegen die Skelette von zehn weiteren Personen. «Das sind einige der ersten Opfer, die General Franco 1936 hinrichten liess», erklärt der Anthropologe. Mit seinem Team sucht er auf Sevillas Zentralfriedhof San Fernando die Überreste von Bürgerkriegsopfern, die hier in einem anonymen Massengrab verscharrt worden sind.

Juan Manuel Guijo an seinem derzeitigen Arbeitsplatz, dem Zentralfriedhof von Sevilla.

Juan Manuel Guijo an seinem derzeitigen Arbeitsplatz, dem Zentralfriedhof von Sevilla.

Manuel Meyer

Vor drei Jahren lokalisierte sein Team das Massengrab in der südspanischen Metropole. Zwei Drittel sind inzwischen freigelegt. «Wir haben 1103 Leichen gefunden. Einige Skelette hatten noch Drahtfesseln an den Handgelenken. Die meisten wurden wohl erschossen», sagt Guijo. Wahrscheinlich schlicht deshalb, weil sie die Politik von Francisco Franco, der das Land nach dem Bürgerkrieg von 1939 bis 1975 mit eiserner Faust regierte, nicht mittragen wollten.

«Mein Onkel Ramón war erst 19 Jahre alt, als sie ihn 1936 im Stadtpark María Luisa erschossen», erzählt Ana Sánchez Silva. Ramón war in den Jugendgruppen der Kommunistischen Partei engagiert. Die 62-jährige Lehrerin sagt:

«Zur Abschreckung liessen sie seinen Leichnam tagelang im Stadtpark liegen. Niemand traute sich, den Körper zu bergen.»
Ana Sánchez Silva und ihr Bruder haben sich auf die Suche nach den Überresten ihres 1936 ermordeten Onkels gemacht.

Ana Sánchez Silva und ihr Bruder haben sich auf die Suche nach den Überresten ihres 1936 ermordeten Onkels gemacht.

Manuel Meyer

Als sie von den Ausgrabungen auf Sevillas Zentralfriedhof erfuhr, entschloss sie sich, selber auf die Suche nach ihrem Onkel zu gehen. Vielleicht liegt ja auch er hier im Massengrab.

Die verpasste Suche nach den Opfern des Franco-Regimes ist einer der düstersten Flecken in der jüngeren spanischen Geschichte. Die Regierung des Sozialisten Pedro Sànchez erklärte jüngst den 31. Oktober zum offiziellen «Gedenktag an die Opfer der Franco-Diktatur» und liess die Verherrlichung der Franco-Diktatur unter Strafe stellen. «Ein Land, das in die Zukunft blicken will, muss in Frieden mit seiner Vergangenheit sein», erklärte Sánchez. Das einstige Mausoleum des Diktators will Sànchez in ein Gedächtnis- und Dokumentationszentrum über die franquistische Diktatur umwandeln. Ein «wahrer Ort der Versöhnung» soll hier entstehen. Doch von Versöhnung ist Spanien noch weit entfernt.

Staatsgelder für die Leichensuche

Die Regierung geht davon aus, dass es noch rund 1200 unentdeckte Massengräber mit rund 114000 Franco-Opfern gibt. Mit einem staatlichen Budget von fast zwölf Millionen Euro soll nun die Suche nach Massengräbern vorangetrieben werden. Eine staatliche DNA-Datenbank mit dem Gen-Material von Hinterbliebenen soll bei der Identifizierung der Leichen helfen.

Grausiger Fund auf dem Friedhof von Sevilla.

Grausiger Fund auf dem Friedhof von Sevilla.

Manuel Meyer

Ana Sánchez Silva steht derweil auf Sevillas Zentralfriedhof und schaut fassungslos auf die freigepinselten Skelette. «Es ist eine Schande, dass all diese unschuldigen Menschen immer noch in anonymen Gräbern liegen», sagt sie. Der sozialistische Präsident José Luis Zapatero ging die Suche nach den Massengräbern 2007 bereits einmal an. Aber die konservative Nachfolgeregierung von Mariano Rajoy stoppte sämtliche Projekte wieder. Man wolle keine alten Wunden aufreissen.

Anthropologe Guijo sieht das ganz anders. Unten in der Ausgrabungsmulde hat er mit seinem Pinsel mittlerweile die ersten Halswirbel unter dem Schädel freigeputzt. Es ist ein weiterer kleiner Schritt gegen das gefährliche Vergessen.

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