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SREBRENICA: Versöhnung vielleicht, Vergessen nein

Beim grössten Kriegsverbrechen in Europa seit 1945 schaute die westliche Welt zu. Zum morgigen 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica ist von Versöhnung noch wenig zu spüren.
Gedenkstätte in Potocari, nahe Srebrenica: Zum morgigen 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica werden erneut 136 Särge hierher überführt. (Bild: ap)

Gedenkstätte in Potocari, nahe Srebrenica: Zum morgigen 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica werden erneut 136 Särge hierher überführt. (Bild: ap)

Rudolf Gruber, Sarajevo

Bis heute werden an jedem Gedenktag weitere, neu identifizierte Opfer beerdigt, diesmal sind es 136. Zu deren feierlichen Verabschiedung und zur Überführung der Särge zur Gedenkstätte Potocari nahe Srebrenica haben sich gestern vor dem Präsidentenpalast im Zentrum der bosnischen Hauptstadt Sarajevo Tausende Menschen eingefunden, darunter viele Angehörige, die den Lastwagenkonvoi mit weissen Blumen schmückten. In Potocari sollen die Särge morgen Samstag, zum 20. Jahrestag des Verbrechens, beigesetzt werden.

Mittlerweile erstreckt sich das Feld aus bislang 6420 Gräbern bis zum Horizont einer grün bewachsenen Hochebene in den Bergen Ostbosniens. Auf einem weissen Stein ist die Ziffer 8372 schwarz eingemeisselt: Sie steht für die Namen der gesamten Opfer des grössten Kriegsverbrechens in Europa seit dem Untergang Hitler-Deutschlands. Die Überreste von rund eintausend Opfern müssen erst noch identifiziert werden. So werden in den nächsten Jahren weitere Konvois mit Särgen nach Potocari fahren.

Zuflucht wird zur tödlichen Falle

Warum Srebrenica? Das kleine, unbedeutende Städtchen nahe der Drina, des Grenzflusses zu Serbien, liegt am Ende der Welt, abseits aller Verkehrsrouten. Nur eine schmale, kurvenreiche Strasse führt dorthin, von Sarajevo fast vier Stunden Fahrzeit. Der Krieg in Bosnien-Herzegowina um die Loslösung von Jugoslawien, der 1992 begann und dreieinhalb Jahre dauerte, bescherte Srebrenica historische Bedeutung. Die bosnischen Serben unter ihrem Führer Radovan Karadzic führten Krieg für einen eigenen Staat, den sie letztlich auch bekamen die Republika Srpska (Serbische Republik in Bosnien und Herzegowina). Alle, die nicht als Serben geboren wurden – muslimische Bosniaken, katholische Kroaten und andere Minderheiten – wurden gewaltsam aus ihren Dörfern und Häusern vertrieben. Wer nicht wegwollte, wurde umgebracht.

Die von Karadzic zynisch so genannte «ethnische Säuberung» hatte in Ostbosnien Massen von Flüchtlingen vor sich hergetrieben, Tausende fanden in «UNO-Schutzzonen» Zuflucht, eine davon war Srebrenica. Die nahezu ausgehungerte Enklave wurde zur tödlichen Falle, als am 11. Juli 1995 bosnisch-serbische Soldaten unter ihrem Armeechef Ratko Mladic Srebrenica einnahmen. Die UNO und die Nato-Regierungen waren düpiert: Mladic hatte deren Unentschlossenheit und politischen Unwillen entblösst, die eigenen Schutzzonen militärisch zu verteidigen. Die holländischen UNO-Blauhelme boten das Jammerbild einer zahnlosen Truppe ohne Kampfmandat. Und die muslimischen Verteidiger unter ihrem Anführer Naser Oric waren viel zu schwach gegen Mladics Militärmaschine, die sich zuvor das Waffenarsenal der verfallenen jugoslawischen Volksarmee angeeignet hatte.

Die Nato greift zu spät ein

Letztlich verfielen die Eroberer in einen Blutrausch: Erst trennten sie Männer und halbwüchsige Knaben von ihren Frauen und Müttern, transportierten sie in Bussen ab, töteten sie in eigens eingerichteten Hinrichtungsstätten und verscharrten die Leichen in Dutzenden Massengräbern. Unzählige Leichen wurden später wieder ausgegraben und umgebettet, um Spuren zu verwischen.

Das Massaker von Srebrenica und die in Lebensgefahr schwebenden UNO-Soldaten veranlassten die Nato endlich zur militärischen Intervention, Ende 1995 wurde der Krieg mit dem Friedensvertrag von Dayton beendet. Die Bilanz: Rund 100 000 Menschen kamen ums Leben, über zwei Millionen verloren ihre Existenz, und Bosnien-Herzegowina ist 20 Jahre später noch immer ein ethnisch zerrissenes Land. Karadzic und Mladic stehen mittlerweile wegen Völkermords vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag und warten auf ihr Urteil.

Gedenken in Potocari

Amra Begic ist eine kleine, resolut wirkende Frau. Das Schicksal ihrer Familie und ihrer Freunde hat sie zu dem gemacht, was sie heute ist: Kuratorin der Dauerausstellung über das Massaker an der Gedenkstätte in Potocari, die 2000 errichtet wurde. «Ich habe meinen Vater und meinen Grossvater, der 78 Jahre alt war, verloren, meine besten Freunde und viele Nachbarn», erzählt sie standhaft, mit Tränen kämpfend. Ihren Vater konnte sie erst 14 Jahre später, 2009, begraben, nachdem man seine Überreste identifiziert hatte. In seinem Kopf klaffte ein Loch, von einem Schuss aus nächster Nähe. Amra Begic sieht die grauenhaften Szenen noch heute vor ihrem geistigen Auge ablaufen. Als Mladics Soldaten begannen, Männer und Halbwüchsige abzutransportieren, «reagierten die holländischen Blauhelme nicht, sie warteten auf Befehle aus Sarajevo». Sie sah unzählige Busse vollbepackt mit Opfern wegfahren und leer zurückkommen, um neue Opfer wegzubringen. Das älteste war 84 Jahre alt, das jüngste noch ein Baby. 530 der Ermordeten waren noch minderjährig.

«Wie ein Stiefkind behandelt»

Vor dem Krieg waren 80 Prozent der 36 000 Einwohner Srebrenicas muslimische Bosniaken, heute ist es ein überwiegend serbisches Städtchen. Ausländische Besucher werden misstrauisch beäugt, Leute auf der Strasse lassen sich nicht gerne befragen. Dennoch hat Srebrenica wieder einen muslimischen Bürgermeister: Camil Djurakovic (36) ist allgemein beliebt, und seit er sich von der eigenen Partei, der muslimischen SDA, losgesagt hat, wählen ihn auch Serben. «Das hat mich besonders gefreut.» Srebrenica, das zu Zeiten Tito-Jugoslawiens ein wohlhabendes Industriestädtchen war, lebt heute von Handel, Land- und Forstwirtschaft. Es zählt nur noch rund 10 000 Einwohner, davon zwei Drittel Serben. «Dennoch behandelt uns die Regierung in Banja Luka wie Stiefkinder», klagt der Bürgermeister. Mladics militärische Triumphstätte ist im Frieden zum Schandfleck der Republika Srpska geworden. Er würde ja selbst gerne anpacken, meint Djurakovic, aber in Bosnien wird alles zentral entschieden oder auch nicht. Auch die Regierung in Sarajevo denkt an Srebrenica bloss zu den Jahrestagen, finanzielle Hilfe kommt kaum, denn es liegt ja auf dem Gebiet der Republika Srpska.

3500 Vertriebene zurückgekehrt

Dennoch haben mittlerweile 3500 Vertriebene die Angst überwunden und sind in ihre Stadt zurückgekehrt, worauf Djurakovic besonders stolz ist. Zuletzt kamen aber immer weniger: «Es ist nicht nur die Angst; viele kommen nicht, weil sie hier keine Arbeit finden.»

Zu den ersten Rückkehrern im Jahr 2000 zählten Abdullah Misirlije und seine Familie. Er führt heute eine «Pansion» und ein Restaurant ausserhalb Srebrenicas, unmittelbar am Talschluss. Hinter den Bergen liegt Serbien, und keine Strasse führt dahin. Abdullah, ein stämmiger Mann von 65 Jahren mit dichtem Weisshaar, war früher Logistikchef im Spital von Srebrenica. «Als wir zurückkamen, war unser Haus zerstört, wir mussten von vorn beginnen. Leute von Hilfsorganisationen haben mir Werkzeug gebracht, und wir haben begonnen zu arbeiten», so Abdullah stolz.

Am Anfang habe ein feindseliges Klima gegen Rückkehrer geherrscht, man sei zwar nicht bedroht worden, aber Kontakte zu Serben waren verboten. «Die Leute haben auf der Strasse einfach weggeschaut.» Heute sei der Umgang lockerer, junge Serben hätten keine Probleme, in seinem Restaurant zu essen. Den Grundstein zum Aufbau seiner zweiten Existenz verdankt Abdullah allerdings prominenten Gästen, die bei ihm wegen der guten Küche einkehren Politiker aus dem In- und Ausland, UNO-Diplomaten, Vertreter internationaler Organisationen (NGOs), wenn sie den Weg nach Srebrenica finden. Jetzt ist sein ältester Sohn Chef des Unternehmens. Beim Abschied verdüstert sich Abdullahs Gesicht: «Srebrenica stirbt aus, viel zu viele Junge gehen weg.»

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