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STADTENTWICKLUNG: Baltimore – eine Stadt, die sich im Kreis dreht

In Baltimore will der Chef des Sportartikelherstellers Under Armour für rund 7 Milliarden Dollar ein Quartier für 15000 Personen aus dem Boden stampfen. Eine Geschichte über einen vermeintlichen Wohltäter und eine desillusionierte Bevölkerung.
Renzo Ruf, Baltimore
Ganze Quartiere sind in Baltimore heruntergekommen. Viele Einwohner vertrauen den politischen Verantwortungsträgern nicht mehr. (Bild: Matt Rourke/AP (Baltimore, 11. Mai 2016))

Ganze Quartiere sind in Baltimore heruntergekommen. Viele Einwohner vertrauen den politischen Verantwortungsträgern nicht mehr. (Bild: Matt Rourke/AP (Baltimore, 11. Mai 2016))

Renzo Ruf, Baltimore

Selbst eine gebeutelte ehemalige Industriestadt hat idyllische Ecken. Im Innenhof des jüngst eröffneten Luxushotels Sagamore Pendry in Baltimore lässt es sich an heissen Sommertagen entspannen; der Blick schweift über die historischen Mauern des 1914 erstellten Bauwerks, das im lokalen Sprachgebrauch «Rec Pier» genannt wird und zu den Fixpunkten des Ausgehviertels Fells Point gehört. Wer den Kopf verrenkt, der kann den Patapsco River erkennen, der das Hafenbecken von Baltimore bildet – und wer noch genauer hinschaut, der sieht auf der anderen Flussseite den Hauptsitz von Under Armour, dem drittgrössten Sportartikelhersteller in den USA.

Die beiden Gebäude sind sich nicht nur geografisch nahe: das 60 Millionen Dollar teure «Sagamore Pendry» ist Teil des Firmenimperiums von Kevin Plank, dem Konzernchef von Under Armour. Plank, 44 Jahre alt und 1,9 Milliarden Dollar schwer, stammt zwar nicht aus Baltimore. Er wuchs in einem Vorort von Washington auf, der ewigen Rivalin der «Charm City». Aber mittlerweile gilt der unternehmerische Tausendsassa, der vor zwei Jahrzehnten den Grundstein für Under Armour im Haus seiner Grossmutter legte, als einer der einflussreichsten Bürger seiner neuen Heimatstadt. Das hat einerseits damit zu tun, dass seine Unternehmen in Baltimore mehr als 3000 Menschen beschäftigen und er damit einer der grössten privaten Arbeitgeber ist. Zum anderen geriert er sich als Visionär, der grosse Pläne für Baltimore hegt.

Retortenviertel mit neuem Firmen-Hauptquartier

So will Plank auf dem Areal eines ehemaligen Güterbahnhofs in der Nähe der historischen Befestigungsanlage Fort McHenry ein neues Stadtquartier für bis zu 15 000 Bewohner aus dem Boden stampfen. Nebst Wohntürmen, Einkaufszentren, Restaurants, Hotels und grosszügigen Grünanlagen soll das Retortenviertel auch das neue Hauptquartier von Under Armour beherbergen – ein Gebäudekomplex mit mehr als 360 000 Quadratmetern Nutzfläche, in dem künftig 10 000 Menschen arbeiten werden. Alles in allem handelt es sich dabei um das grösste Revitalisierungsprojekt in den USA. Die Pläne klingen vielversprechend, insbesondere für eine Stadt wie Baltimore, die sich gemeinhin nicht mit Superlativen schmücken kann. Auch handelt es sich bei Port Covington, so der offizielle Name der Industriebrache, wahrlich nicht um einen urbanen Vorzeigeort. Zwischen einer Zeitungsdruckerei, einer oft verstopften Autobahn und einer stillgelegten Filiale der Supermarktkette Walmart herrscht vor allem Trostlosigkeit.

Allein: Die Pläne des Kevin Plank sind höchst umstritten. Dies hängt mit der Finanzierung des Projektes zusammen, dessen Kosten auf bis zu 7 Milliarden Dollar geschätzt werden. Die Saga­more Development Company, die von Plank kontrolliert wird, verlangt einen Zustupf aus staatlichen Kassen, um die Infrastruktur in Port Covington auf Vordermann zu bringen – darunter gegen 660 Millionen Dollar von der Stadt Baltimore. Oppositionsgruppen laufen Sturm gegen diese Kredite. Es könne nicht sein, dass eine Stadt wie Baltimore, die kein Geld habe, um alte Schulen oder kaputte Strassen zu sanieren, einem Milliardär unter die Arme greife, lautet ein oft genanntes Argument. Das Stadtparlament von Baltimore sagte Ende 2016 grundsätzlich Ja zu den Darlehen.

Wer allerdings den Kritikern des Projektes genau zuhört, der merkt rasch: In der Debatte um Port Covington geht es um mehr als Geld – es geht um die Seele von Baltimore, einer Stadt mit 615 000 Bewohnern (Tendenz sinkend), von denen fast zwei Drittel afroamerikanischer Herkunft sind. Pointiert äussert sich Charly Carter, die an der Spitze der Gruppierung Maryland Working Families steht, welche sich politisch links von der tonangebenden Demokratischen Partei verortet: «Die politische Klasse in meiner Stadt hat bereits vergessen, dass die Bevölkerung ihr vor zwei Jahren eine scharfe Lektion erteilt hat.»

Carter spielt mit ihrer Aussage auf die gewalttätigen Zusammenstösse im Zuge des Todes von Freddie Gray an, die Baltimore im Frühjahr 2015 in Atem hielten. Nachdem der Afroamerikaner Gray in Polizeigewahrsam eine tödliche Verletzung erlitten hatte, kam es in den Armenvierteln der Stadt zu friedlichen Protesten, aber auch zu gewalttätigen Ausschreitungen. Während «des Aufstands», wie Carter die Ereignisse nennt, habe «die unterdrückte schwarze Bevölkerung» der Polizei und der Stadtregierung zeigen wollen, dass es so nicht weitergehen könne.

«Exklusiver Spielplatz für die kreative Klasse»

Port Covington sei nun der Beweis dafür, dass die Botschaft auf taube Ohren stosse, sagt Carter: Während die eingeses­sene Bevölkerung darbe, läsen die Politiker einem reichen Unternehmer weiterhin jeden Wunsch von den Lippen ab. Eine eigene Meinung bildeten sich die Mächtigen dabei nicht. Dieser Vorwurf ist nicht aus der Luft gegriffen. Ein Beispiel: Als der Abgeordnete Eric Costello, dessen Wahlbezirk Port Covington umfasst und der im Stadtparlament für das Vorhaben gestimmt hatte, um Auskunft über das Projekt gebeten wird, erklärt er, er gebe keinen Kommentar ab. «Wenn Sie Fragen haben, kontaktieren Sie Saga­more», so Costello.

Carter fühlt sich von solchen Episoden bestätigt. Port Covington sei nichts weiter als ein «exklusiver Spielplatz für die kreative Klasse», abgesondert vom Rest der Stadt – und deshalb zum Scheitern verurteilt, sagt sie. Dies mag polemisch klingen, aber die Aktivistin ist mit den Verhältnissen in Baltimore wohlvertraut. So verweist sie auf die leer stehenden Wohn- und Geschäftsräume an bester Lage im Stadtzentrum. Hinter vorgehaltener Hand heisst es notabene, dass sich Sagamore schwer damit tue, weitere Investoren für die Revitalisierung von Port Covington zu finden. Die Firma wollte einen entsprechenden Bericht einer Lokalzeitung nicht kommentieren.

Noch schlimmer aber sei die Tatsache, so Carter, dass die Stadtverantwortlichen immer noch keine wirtschaftspolitische Strategie ausgearbeitet hätten, um der Durchschnittsfamilie in Baltimore einen Ausweg aus der Misere aufzuzeigen. So setze die Stadt nach wie vor auf die Ansiedlung von Arbeitsplätzen im Tourismus, im Detailhandel und im Gesundheitswesen – drei Branchen, in denen schlechte Löhne bezahlt werden, sagt Carter. Ziel müsse es sein, der arbeitenden Bevölkerung eine Perspektive anzubieten, damit sich rechtschaffene Menschen aus dem Teufelskreis von Armut, Gewalt und Drogen befreien könnten. Im laufenden Jahr wurden in Baltimore bereits gegen 190 Menschen ermordet; dies entspricht einer der höchsten Pro-Kopf-Raten in den gesamten USA.

Aber Baltimore scheint der Mut und die Kraft für diesen Schritt zu fehlen. Wer sich in die Viertel verirrt, in denen junge Afroamerikaner vor zwei Jahren zornig protestierten, in heruntergekommene Quartiere wie Sandtown-Winchester oder Penn North, kann mit eigenen Augen sehen, wie trostlos der Alltag für Zehntausende von Stadtbewohnern aussieht. Und neben den wenigen Lichtblicken sehen sie sich mit bürokratischen Schikanen konfrontiert.

Hindernisse für Pflege traditionellen Brauchtums

So versucht eine Hand voll afroamerikanischer Händler ein traditionelles Brauchtum aufrechtzuerhalten – und mit Pferd und Wagen in Nachbarschaften ohne Supermärkte frisches Gemüse und Früchte zu verkaufen. Anthony Savoy, einer der letzten «Arabbers» (ausgesprochen: «Ay-rabbers»), wie die fliegenden Händler genannt werden, verzieht das Gesicht, als er auf den Kleinkrieg mit Vertretern der Stadtverwaltung angesprochen wird. «Ich muss die Tiere in den Schatten bringen», sagt er, während er ein Pferd in einen Stall an der North Fremont Avenue führt.

Gesprächiger ist Dan Van Allen, ein Künstler, der mit Hilfe des Vereins «Arabber Preservation Society» schon lange versucht, die Tradition zu bewahren. Er erzählt in aller Ausführlichkeit, wie pingelige Beamte den «Arabbers» ständig Hindernisse in den Weg legten. Dass es sich bei den fliegenden Händlern um einen wichtigen Teil der langen Geschichte Baltimores handle, sei den Offiziellen egal. «Dabei heisst es doch immer wieder, dass sich mit Erinnerungstourismus viel Geld verdienen lässt.» Gefragt, ob die Stadt nach den Protesten des Jahres 2015 einen Anlauf genommen habe, die «Arabbers» zu unterstützen, antwortet Van Allen mit einem knappen «Nein».

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