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Starke Zunahme der Zahl der Migranten aus Tunesien

Martin Gehlen, Tunis

Mittelmeer Die Bewohner auf Sizilien nennen sie «Geisterboote». Fast jeden Morgen finden sich an den Stränden neue Kähne, deren Insassen bei Nacht heimlich an Land geschlichen sind. Die allermeisten sind Tunesier. Nur ein Bruchteil von ihnen lässt sich offiziell registrieren, weil sie in Europa keine Chancen auf Asyl haben. Die meisten dagegen tauchen sofort unter und versuchen sich als Illegale durchzuschlagen.

Unter diesen Verschwundenen aber könnten, so befürchten die italienischen Behörden, auch tunesische IS-Rückkehrer sein sowie Straftäter und abgelehnte Asylbewerber, die zuvor unter grossem bürokratischem Aufwand aus Europa ­abgeschoben worden sind. Auf Sizilien griff die Polizei kürzlich Tunesier auf, die daheim per Amnestie aus dem Gefängnis entlassen worden waren. Vor allem das macht diese neue Ausreisewelle aus dem kleinen, kaum 200 Kilometer entfernten Mittelmeeranrainer so brisant, die vor zehn Wochen plötzlich begann. Beim Chaos-Nachbarn Libyen dagegen gehen in letzter Zeit deutlich weniger ­Migranten auf die Boote, weil Milizen in Sabratha, die der Zentralregierung in Tripolis gehorchen, gegen die Schmuggelbanden vorgehen. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Zahl der Überfahrten nach Italien um 30 Prozent zurück, bilanzierte letzte Woche die Internationale Organisation für Migration (IOM). Kamen bis zum 8. November 2016 noch 164'800 Migranten, waren es im gleichen Zeitraum 2017 noch 114'400.

Rückführungsabkommen mit tiefen Höchstgrenzen

Dafür steigen nun die Überfahrten an anderen Stellen des Mittelmeers – vor allem von Tunesien und von Marokko aus. Seit September nehmen etwa die Überfahrten von Tunesien nach Sizilien und Lampedusa sprunghaft zu. Nach Angaben des IOM-Sprechers in Rom, Flavio Di Giacomo, pendelte die Zahl der tunesischen Migranten in den vergangenen drei Jahren stets zwischen 900 und 1600. So auch von Januar bis August 2017, als rund 1350 kamen.

Im September und Oktober jedoch wendete sich das Blatt und liessen sich mit einem Schlag nahezu 3000 Tunesier in Italien registrieren. Eine beträchtlich höhere Zahl taucht nach ihrer Ankunft sofort mit Hilfe von Bekannten und Angehörigen unter. So zeigt ein Strandvideo auf Sizilien, wie früh am Morgen etwa 50 Schiffsinsassen im Eiltempo an Land waten. Dreissig Minuten später sind alle spurlos verschwunden. Denn die Chancen dieser illegal Untergetauchten sind gut, die Überfahrt kostet sie zwischen 700 und 2500 Euro. Das Rückführungsabkommen zwischen Rom und Tunis sieht bei der Abschiebung lediglich eine Höchstgrenze von 30 Personen pro Woche vor. Dagegen lag die Zahl der Neuankömmlinge zuletzt deutlich höher. Dies sei ein neuer Trend, der nichts mit der «blockierten» Lage in Libyen zu tun habe, «weil die Nationalitäten andere sind», erläuterte IOM-Sprecher Di Giacomo. Denn in den Tunesien-Kuttern sitzen keine Schwarzen aus Westafrika, die nach Alternativen zur Libyen-Route suchen, sondern Einheimische aus der Wiege des Arabischen Frühlings, die ihrer Wirtschaftsmisere und der katastrophalen Arbeitslosigkeit entkommen wollen.

Hälfte der Beschlagnahmungen betreffen Schnellboote

Die politische Führung Tunesiens schweigt sich über die Dimensionen dieser neuen Migration bisher aus. Sie fürchtet, ein signifikanter Anstieg des Menschenschmuggels vom eigenen Territorium aus könnte die internationalen Geldgeber verärgern, die mit ihren Krediten das strauchelnde Land bisher auf den Beinen halten. Lediglich die Festnahmen durch die Küstenwache wurden bisher bekanntgegeben, die ebenfalls in die Höhe schnellen. Seit Jahresbeginn verhafteten die Beamten 1468 Tunesier in Küstennähe, zwei Drittel von ihnen ­alleine im August und September. Die Hälfte aller beschlagnahmten Schiffe waren Schnellboote, die den Weg nach Italien in wenigen Stunden schaffen. Die meisten Migranten jedoch werden nach wie vor auf Fischkuttern vor die Küste gebracht, dort in schmalen Booten ausgesetzt, die später verlassen an den Stränden liegen. Wie das «Tunesische Forum für ökonomische und soziale Rechte» ermittelte, riskieren derzeit vor allem junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren die Überfahrt, die meisten ohne Ausbildung, Arbeit und Perspektive. Aber auch viele Tunesierinnen wollen laut einer Umfrage des Forums nichts wie weg. Mehr als 40 Prozent gaben an, sie würden am liebsten nach Europa abhauen.

Martin Gehlen, Tunis

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