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STATISTIK: Wie schaffte er das bloss?

Der Sieg von Donald Trump lässt sich nicht allein mit dem Gegensatz zwischen Urban und Ländlich, Weiss und Schwarz, Reich und Arm erklären – aber in jeder dieser Erklärungen steckt ein Körnchen Wahrheit.
Renzo Ruf/Washington
Wählerinnen und Wähler geben ihre Stimme ab. Bild: Shelby Lum/AP (Chesterfield, 8. November 2016)

Wählerinnen und Wähler geben ihre Stimme ab. Bild: Shelby Lum/AP (Chesterfield, 8. November 2016)

Die unsichtbare Grenze zwischen dem blauen und dem roten Amerika verläuft entlang der Autobahn I-66 im Bundesstaat Virginia. Im Bezirk Fairfax County ist Washington bloss eine kurze Autofahrt entfernt: mehr als 125000 Menschen arbeiten für die Bundesregierung in der Hauptstadt und wohnen in bunt durchmischten Siedlungen wie Springfield, Annandale oder Vienna. Hier gewann die Demokratin Hillary Clinton am Dienstag mehr als 65 Prozent der Stimmen – ein Stimmenanteil, der fast 6 Punkte über dem Ergebnis von Barack Obama im Jahr 2012 lag. Der Republikaner Donald Trump hingegen erzielte bloss 29 Prozent oder 10 Punkte weniger als Mitt Romney vor vier Jahren.

Der Bezirk Warren County wiederum liegt eine Autostunde westlich von Fairfax County. Am Eingang des idyllischen Shenandoah-Nationalparks tummeln sich an schönen Wochenenden jeweils Zehntausende von Touristen. Davon profitiert auch die Kleinstadt Front Royal, die eine beachtliche Restaurantszene aufweist. Die Bevölkerung von Warren County ist zu 90 Prozent weiss, und 10 Prozent leben unter der Armutsgrenze. Es wäre aber falsch, von einem armen Bezirk zu sprechen – schliesslich liegt das Haushaltseinkommen im Mittel bei 70000 Dollar. Und doch ist das Warren County das pure Gegenteil des Speckgürtels von Washington. Am Dienstag entschieden sich hier 66 Prozent der Wähler für Trump (plus 7 Punkte gegenüber Romney), während Clinton es nur auf 29 Prozent brachte (minus 10 Punkte im Vergleich zu Obama).

Brüchiger Kitt

Der Gegensatz zwischen Fairfax County (blau) und Warren County (rot) symbolisiert den Graben, mit dem sich Amerika am Tag 2 nach der historischen Präsidentenwahl konfrontiert sieht. Sozialwissenschaftler wie Charles Murray und Robert Putnam warnen schon lange davor, dass der Kitt, der die USA zusammengehalten habe, brüchig werde und die Interaktionen zwischen dem blauen, optimistischen Amerika und dem roten, pessimistischen Amerika immer seltener würden. Das «Wall Street Journal» illustrierte dies am Mittwoch mit einer augenfälligen Statistik: Vor 20 Jahren noch war der Ausgang der Präsidentenwahl in 1000 der rund 3100 amerikanischen Verwaltungsbezirken ziemlich offen. Demokraten oder Republikaner besassen in weniger als 500 Counties eine Hochburg. In der Wahl 2016 aber war das Rennen zwischen Donald Trump und Hillary Clinton in weniger als 400 Verwaltungsbezirken knapp. In mehr als 1750 Counties hingegen erzielte die Demokratin oder der Republikaner einen Erdrutschsieg mit einem Vorsprung von mehr als 20 Prozentpunkten. Für diese Entwicklung lassen sich drei Gründe festmachen:

Viele Stammwähler der Demokraten blieben zu Hause. In einzelnen urbanen Hochburgen im Mittleren Westen – De­troit (Michigan) zum Beispiel – gingen deutlich weniger Menschen als 2012 oder 2008 an die Urne. Dies lässt sich in erster Linie mit dem mangelnden Enthusiasmus der afroamerikanischen Bevölkerung für Hillary Clinton erklären. In kleineren Metropolen wandten sich Gewerkschaftler von der Demokratin ab, was zu einer tieferen Wahlbeteiligung in den urbanen Zentren Amerikas führte. Damit büssten die Demokraten ihren Trumpf ein. Donald Trump hingegen gewann in ländlichen Wahlkreisen im industriellen «Rust Belt», in denen weisse Amerikaner häufig die Mehrheit stellen, deutlich an Stimmen hinzu. Damit kompensierte er zwar nicht die Stimmen, die er in urbanen Landesteilen verlor – so liegt er hinter dem Total von Mitt Romney im Jahr 2012 zurück. Dank der Konzentration dieser Trump-Hochburgen auf einige wenige Staaten spielte dies aber keine Rolle. «Trump gewann Wisconsin, Michigan und Pennsylvania mit einer Mehrheit von zusammengezählt 107000 Stimmen», sagte der Politikprofessor Alan Abramowitz gestern. Zum Vergleich: Allein in Fairfax County (Virginia) gewann Clinton mit einem Vorsprung von fast 200000 Stimmen.

Die grosse Latino-Welle blieb aus. Obwohl Donald Trump mit Beleidigungen gegen Amerikaner mit Wurzeln in Lateinamerika für Schlagzeilen sorgte, kam es nicht zu einer Gegenbewegung der Latinos. Zwar gewann Clinton in Florida deutlich mehr Latino-Stimmen als Obama (67 Prozent zu 58 Prozent). In anderen Staaten mit hoher Latino-Bevölkerung blieb aber eine ähnliche Entwicklung aus – in Texas oder Arizona zum Beispiel.

Die Arbeiterklasse schlug zurück. Im Nordosten und im Mittleren Westen gehörten die sogenannten Blue Collar Workers lange zu den Stützen der Demokraten. Am Dienstag aber sprachen sich die Arbeiter mit weisser Hautfarbe für den Republikaner Trump aus. In Ohio zum Beispiel gewann Trump 62 Prozent der Stimmen von Menschen, die keinen Hochschulabschluss besitzen – und der Vorsprung der Republikaner auf die Demokraten in dieser Gruppe wuchs von 14 (Romney, 2012) auf 27 Prozent. Damit kompensierte Trump die Verluste, mit denen sich die Republikaner konfrontiert sehen – so machten weisse Wähler in diesem Jahr nur noch 70 Prozent der gesamten Wählerschaft aus – nach 72 Prozent vor vier Jahren.

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