Stell dir vor, es ist Wahlkampf — und die Kandidaten dürfen ihr zu Hause nicht verlassen

Der Wahlkampf in Amerika liegt auf Eis. Der Demokrat Joe Biden muss darauf verzichten, die Hände seiner Wähler zu schütteln. Und der Republikaner Donald Trump darf derzeit keine improvisierten Wahlkampfreden halten. Bereits wird darüber spekuliert, ob der Wahltag im November verschoben werden könnte. 

Renzo Ruf, Washington
Drucken
Teilen
Eigentlich liebt US-Präsident Donald Trump das Bad in der Menge - doch aufgrund der Corona-Pandemie kann er seine emotionalen Wahlkampfauftritte derzeit nicht durchführen.

Eigentlich liebt US-Präsident Donald Trump das Bad in der Menge - doch aufgrund der Corona-Pandemie kann er seine emotionalen Wahlkampfauftritte derzeit nicht durchführen.

Alex Brandon / AP

Er scheint sich damit abgefunden zu haben, dass er sein Haus in einem Vorort von Wilmington (Delaware) vorerst nicht verlassen kann. Also meldet sich Joe Biden, nach dem Rückzug von Bernie Sanders der designierte Präsidentschaftskandidat der Demokraten, nun regelmässig aus einem eiligst gebauten TV-Studio im Keller seines Anwesens zu Wort, in Interviews oder Ansprachen; auch hat er eine Gesprächssendung lanciert, in der er zuletzt mit der Gouverneurin von Michigan über die Corona-Pandemie diskutierte.

Der 77-Jährige, der mit der englischen Sprache seit Jahren auf Kriegsfuss steht, ist sich allerdings bewusst, dass er auf diesen Formaten seine eigentliche Stärke nicht ausspielen kann. Er würde es bevorzugen, wenn er die Hände der Wähler schütteln, und mit ihnen über ihre Freuden und Leiden sprechen könnte, sagte Biden kürzlich — aber er folge den Empfehlungen der Fachleute und sehe von Wahlkampfveranstaltungen ab.

Online statt in der Sportarena

An diese Empfehlungen hält sich auch der republikanische Präsident Donald Trump, der am 3. November für eine zweite Amtszeit bestätigt werden möchte. Abgesehen von seiner täglichen Corona-Pressekonferenz im Weissen Haus — die häufig Erinnerungen an die improvisierten Wahlkampfreden des Präsidenten weckt, in denen der 73-Jährige seine politische Gegner mit Schimpfworten überschüttet und Geschichten erzählt, die nicht stimmen — verzichtet der Republikaner derzeit auf öffentliche Auftritte.

Sein Wahlkampfteam meldet sich allerdings täglich online zu Wort, mit einem Internet-Programm für die hartgesottenen Fans. Am Montag zum Beispiel verteidigten zwei afroamerikanische Anhänger Trump gegen seine Kritiker; der ehemalige Football-Spieler Jack Brewer beteuerte, dass der Präsident den Sumpf in Washington austrockne und mit seinem politischen Programm die Lebensbedingungen der dunkelhäutigen Amerikaner verbessere. (Unter Fachleuten sind diese Behauptungen, vorsichtig formuliert, umstritten.)

Auffallend an diesen Wortmeldungen ist: So richtig überzeugen vermag der Alternativ-Wahlkampf weder Feind noch Freund. Aber beide Lager wissen, dass es keine Alternativen gibt, so lange die Zahl der Corona-Infizierten in Amerika stetig ansteigt und jeden Tag Hunderte von Menschen an der Folgen der Pandemie sterben. (Trump ist schon lange von seinem ursprünglichen Ziel abgerückt, die amerikanische Volkswirtschaft bereits an Ostern wieder zu öffnen. Nun gelten die Notstandsmassnahmen vorderhand bis Ende Monat.)

Demokraten wollen briefliche Stimmabgabe ausbauen

Demokraten befürchten allerdings, dass die Republikaner die Krise nutzen werden, um sich im Kampf um die Stimmen der Amerikaner in eine bessere Ausgangslage zu bringen. Dazu muss man wissen: Der Wahltag im November ist seit dem 19. Jahrhundert gesetzlich fixiert; Trump kann deshalb nicht keine Verschiebung anordnen. Bereits denken die Demokraten deshalb laut darüber nach, wie die Durchführung einer legitimen Wahl im November ermöglicht werden könnte, selbst wenn in einigen Landesteilen immer noch Ausnahmezustand herrscht — in einer Grossstadt wie New York beispielsweise, in der die Demokraten den Ton angeben.

So will die Partei einfachere Methoden finden, damit die eingeschriebenen Wähler ihre Stimme brieflich abgeben können. Die Republikaner lehnen dies strikt ab. Trump behauptete am Dienstag in Washington allen Ernstes, dass eine solche Stimmabgabe «korrupt» sei — obwohl er doch selbst ein Briefwähler ist, weil sich sein offizieller Wohnsitz in Florida befindet. Und am Mittwoch schrieb der amerikanische Präsident auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: Bei der brieflichen Stimmabgabe könne geschummelt werden, und «aus welchem Grund auch immer» leide darunter gemeinhin seine Republikanische Partei. (Eine Behauptung, für die es keine Beweise gibt.)

Das ist keine abstrakte Diskussion. So fanden am Dienstag in Wisconsin Vorwahlen (und lokale Auseinandersetzungen) statt. Und bis zuletzt hatten sich die Republikaner geweigert, die Vorschriften über eine briefliche Stimmabgabe zu lockern. Weil zudem viele Wahllokale geschlossen waren, weil sich in der Pandemie keine Freiwilligen fanden, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen wollten, warteten die Wähler in Städten wie Milwaukee stundenlang darauf, ihre Stimme abzugeben. (In der Stadt, die etwas weniger als 600'000 Einwohner zählt, waren nur 5 Wahllokale geöffnet.)

Erste Zahlen aus Wisconsin deuten darauf hin, dass die Wahlbeteiligung tiefer als in vergleichbaren Urnengänge war; davon profitierten wohl in erster Linie republikanische Kandidaten, wie lokale Politbeobachter sagen. Auf Anordnung eines Bundesrichters dürfen die Wahlresultate aber erst zu Beginn der nächsten Woche publiziert werden.

Vorwahlen der Demokraten

Bernie Sanders beendet seinen Wahlkampf

Der letzte Gegenspieler von Joe Biden gibt auf. Am Mittwoch gab Senator Bernie Sanders aus Vermont bekannt, dass er sich aus dem Rennen um die Nomination zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten zurückziehe. In einer Rede «live from Burlington, Vermont», seinem Wohnort, dankte Sanders seinen Anhängerinnen und Anhängern. Er sagte: «Wir haben den ideologischen Kampf gewonnen», und er verwies darauf, dass seine gesundheits- und wirtschaftspolitischen Forderungen, die noch vor Jahren als radikal verschrien wurden, zum Konsens der Demokratischen Partei gehörten. Von nun an werde er mit Biden zusammenarbeiten, dem er bereits zu seinem Sieg gratuliert habe, und alles daran setzen, dass die Demokraten im November den Amtsinhaber besiegten. (rr)

Mehr zum Thema