STICHWAHL IN FRANKREICH: Katholiken hadern mit Macron

Protestanten, Juden und Muslime rufen nach dem TV-Duell gemeinsam zur Wahl von Emmanuel Macron auf. Den in Frankreich dominierenden Katholiken gelingt keine einheitliche Positionierung.

Stefan Brändle, Paris
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Er ist der Favorit bei der Stichwahl heute Sonntag in Frankreich: Emmanuel Macron von der Bewegung «En Marche!», hier bei einem Wahlkampfauftritt Anfang Mai. (Bild: Regis Duvignau/Reuters (Rodez, 5. Mai 2017))

Er ist der Favorit bei der Stichwahl heute Sonntag in Frankreich: Emmanuel Macron von der Bewegung «En Marche!», hier bei einem Wahlkampfauftritt Anfang Mai. (Bild: Regis Duvignau/Reuters (Rodez, 5. Mai 2017))

Stefan Brändle, Paris

«Damit Frankreich grosszügig, tolerant und weltoffen bleibt», sei Emmanuel Macron zu wählen: Das haben der Grossrabbiner Haïm Korsia, Pastor François Clavairoy und der muslimische Kultusvorsteher Anouar Kbibech am Donnerstag in einer gemeinsamen Erklärung festgehalten.

Der Appell der drei Konfessionen, die in Frankreich zusammen rund sieben Millionen Wähler repräsentieren, kontrastiert mit der Haltung der Bischofskonferenz. Das Führungsgremium der etwa 40 Millionen französischen Katholiken (von 65 Millionen Einwohnern) verzichtet auf eine Wahlempfehlung. Diese Neutralität liegt formell auf der bisherigen Linie, welche die Wähler für genug reif hält, den politischen Gewissensentscheid selber zu fällen. Im Jahr 2002, als Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl vorgestossen war, hatte die Bischofskonferenz zwar auch keine Empfehlung abgegeben. Namhafte Bischöfe sprachen sich aber damals gegen das «totalitäre und antichristliche Erbe» des Front-National-Gründervaters aus.

Die Verlegenheit der Katholiken

Auch jetzt wenden sich einzelne Stimmen wie Kardinal Philippe Barbarin gegen den «gefährlichen Nationalismus». Der Präsident der Bischofskonferenz, Georges Pontier, weigert sich aber weiter, Stellung zu beziehen. Die der Konferenz nahestehende Theologin Monique Baujard fragte in der katholischen Zeitung «La Croix»: «Haben wir es wirklich nötig, uns von den Bischöfen an der Hand in die Wählerkabine geleiten zu lassen?»

So berechtigt die Frage ist, kaschiert sie doch eine gewisse Verlegenheit über den Umstand, dass der «vote catholique» in dieser Stichwahl alles andere als einheitlich ist. Im ersten Wahlgang hatten sich die praktizierenden Katholiken mehrheitlich hinter den Konservativen François Fillon geschart. Die Unterschiede brechen erst jetzt auf. Die Bischöfe erinnern selbst an das republikanische Gebot der Brüderlichkeit, das für die Migranten und für Europa spricht – und damit eigentlich für Macron. Die konservative Vereinigung Sens commun – die für Fillon Kampagne gemacht hatte – und die kleine christdemokratische Partei PCD haben aber die Parole «ni-ni» (weder noch) herausgegeben.

Die einflussreiche Bewegung gegen die Homo-Ehe hat sogar klar gegen Macron Stellung bezogen, weil dieser die Adoption von ausländischen Leihmutter-Kindern zulassen will. Die katholische Ex-Ministerin Christine Boutin ruft sogar offen zur Wahl Le Pens auf, weil diese die christlichen gegen die islamischen Werte hochhalte und die Homo-Ehe einschränken wolle.

Diese sehr unterschiedlichen Positionen dürften dazu beige­tragen haben, dass die Bischofskonferenz bei ihrer Neutralität bleibt, auch wenn das katholische Hausblatt «La Croix» daran ­Kritik übt.

Die kleineren Konfessionen rufen indes auch nicht aus einheitlichen Motiven zur Wahl ­Macrons auf. Bei den schätzungs­weise 600000 französischen ­Juden im Land spielt mit, dass Macron gegen den Boykott von Produkten aus israelischen Siedlungsgebieten ist und von Seiten Frankreichs keinen diplomatischen Druck auf eine Zweitstaatenlösung im Nahen Osten ausüben will. Die knapp zwei Millionen Protestanten – genaue Zahlen gibt es nicht, da ethnische und religiöse Statistiken in Frankreich verboten sind – gehören zu den gut gebildeten und urbanen Bevölkerungskategorien, die laut Wähleranalysen bis zu vier Fünftel für den liberalen Ex-Minister einlegen.

Die vier bis fünf Millionen Muslime sind vehement gegen die fremdenfeindliche Le Pen und schätzen an Macron dessen Einstehen für die Chancengleichheit. Anders als Le Pen will er das islamische Kopftuch zudem nicht von der Universität verbannen (an den Schulen ist es bereits verboten). Im ersten Wahlgang hatten trotzdem viele Immigranten eher dem Linken Jean-Luc Mélenchon zugeneigt. Ein gemeinsamer Punkt schart alle Konfessionen inklusive der Katholiken hinter Macron: Der 39-jährige Präsidentschaftsfavorit tritt für einen «toleranten» Laizismus ein und will die Religionen nicht strikt in die Privatsphäre verbannen. «Die Religionen», so meinte er im Wahlkampf, «haben in der öffentlichen Debatte eine Rolle zu spielen und sollen daran teilnehmen.» Das dürfte ihm einige Stimmen gläubiger Franzosen eintragen, auch wenn er selbst noch kaum je eine Kirchmesse besucht haben dürfte.

Interne Mails im Umlauf

Hackerangriff Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron ist in der Nacht auf Samstag Opfer eines grossangelegten Hackerangriffs geworden. Zehntausende interne Dokumente wie E-Mails und Abrechnungen seiner Bewegung «En Marche!» wurden im Internet veröffentlicht.
Es handle sich um eine «massive und koordinierte Attacke», um «Zweifel und Desinformation zu säen», erklärte «En Marche!». Neben echten Unterlagen seien auch gefälschte Dokumente ins Internet gestellt worden.

Wahlkommission warnt Medien

Die am Freitag kurz vor Mitternacht im Netz verbreiteten Dokumente seien vor einigen Wochen bei Attacken auf persönliche und berufliche E-Mail-Postfächer von Mitarbeitern erbeutet worden, erklärte die Macron-Bewegung. Dass dies ausgerechnet in den letzten Stunden des Wahlkampfs vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl von heute Sonntag geschehen ist, deutet laut der Partei darauf hin, dass es sich um eine Aktion der «demokratischen Destabilisierung handelt, wie man dies schon beim jüngsten Präsidentschaftswahlkampf in den USA gesehen hat».

Die französische Wahlkommission warnte die Medien vor einer Veröffentlichung der gehackten Unterlagen. Die Weiterverbreitung von Falschinformationen sei strafbar, erklärte sie.
Laut der Online-Enthüllungsplattform Wikileaks handelt es sich bei den ins Internet gestellten Dokumenten um Zehntausende E-Mails, Fotos und Dateianhänge wie Rechnungen und Verträge. Die Daten haben einen Umfang von neun Gigabyte. Wikileaks betonte, selbst nicht Quelle der Veröffentlichung zu sein. Die Dokumente waren von einem Nutzer namens Emleaks ins Netz gestellt worden.

Die jüngsten Dokumente datieren laut Wikileaks vom 24. April, dem Tag nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl, aus der Macron als Sieger hervorgegangen ist. In der Stichwahl am Sonntag tritt er als Favorit gegen Marine Le Pen an.

Bereits in den vergangenen Monaten war «En Marche!» nach eigenen Angaben Ziel Tausender Hackerangriffe gewesen. Vor wenigen Tagen hatten Experten einen Hackerangriff der Gruppe Pawn Storm auf die Bewegung gemeldet. Die Gruppe wird verdächtigt, Verbindungen zu den russischen Geheimdiensten zu unterhalten. (sda)

Schicksalsstunde für die Grande Nation

Die Abstimmung von (heute) Sonntag ist eine der wichtigsten in Frankreich seit Jahrzehnten. Die Franzosen müssen sich entscheiden zwischen dem proeuropäischen früheren Investmentbanker Emmanuel Macron und der EU-skeptischen Rechtsextremen Marine Le Pen. Laut den Umfragen geht Macron als Favorit in den alles entscheidenden Wahlgang. Macron holte bereits im ersten Wahlgang vor zwei Wochen am meisten Stimmenanteile.
Die ersten Ergebnisse der Stichwahl werden um 20 Uhr veröffentlicht. Dabei handelt es sich nicht um Prognosen, sondern bereits um Hochrechnungen auf Basis erster Auszählungen. Denn viele Wahllokale schliessen schon um 19 Uhr und zählen bereits aus, nur in grossen Städten sind die Wahlbüros noch eine Stunde länger geöffnet. In der Vergangenheit war mit den um 20 Uhr genannten Zahlen der Sieger der Wahl jeweils bereits klar.

Erste Trends könnten schon vorher durchsickern, wie schon beim ersten Wahlgang vor zwei Wochen. In Frankreich ist die Veröffentlichung von Umfragewerten, Teilergebnissen und Hochrechnungen vor 20 Uhr verboten. Es drohen 75000 Euro Strafe. Französische Medien halten sich in der Regel daran.

Das Schweizer Fernsehen wird Sonntagabend (SRF 1) von 19.55 bis 20.45 Uhr in einer Sondersendung über den Ausgang der Wahlen in Frankreich berichten. (red)