Coronavirus
Stockholm wird auf einmal doch noch zur Geisterstadt

Die hohen Totenzahlen drücken in Schweden auf die Stimmung.

Simone Hinnen aus Stockholm
Drucken
Teilen
Geisterstadt Stockholm – auch ohne Lockdown.

Geisterstadt Stockholm – auch ohne Lockdown.

EPA/F. Sandberg

Im März sind die Bilder von vollen Restaurants in Stockholm um die Welt gegangen. Jetzt, gut einen Monat später, zeigt sich Schweden von einer ganz anderen Seite. Das Land, das in der Pandemie einen Sonderweg geht und kaum Massnahmen ergriffen hat, ähnelt plötzlich stark dem restlichen Europa. Etwa in Stockholms Stadtteil Södermalm: In Hauptstrassen, wo man morgens normalerweise im Stau steht, herrscht gähnende Leere. Nur vereinzelt sind Passanten anzutreffen. Und auch in Stockholms Altstadt fallen primär die Discount-Plakate in den Schaufenstern der Modeboutiquen auf, die vergeblich auf Kundschaft warten.

Woher kommt diese gespenstische Stimmung so plötzlich? Klar ist: Schweden leidet auch ohne Lockdown unter der Pandemie. Die schwedischen Riesen Ikea und H&M sind von den Verkaufszahlen im Ausland abhängig. Und die skandinavische Fluggesellschaft SAS hat bereits einen Stellenabbau angekündigt. Und während Finnland (255 Tote), Dänemark (506 Tote) und Norwegen (216 Tote) vergleichsweise wenige Todesopfer zu verzeichnen haben, steigt die Opferzahl in Schweden nach wie vor stark. Gestern knackte Schweden die traurige Grenze von 3000 Coronatoten.

Die Schweden seien alles andere als staatsgläubig, aber gut darin, staatliche Empfehlungen zu befolgen, solange sie die Vorteile für sich selber erkennen, sagen Gesprächspartner.

Stark verändert hat sich die Einstellung der 44-bis 55-Jährigen. Verantwortlich dafür sind Nachrichten über verstorbene Schweden im besten Alter. Unter anderem ist ein bekannter Radio-Journalist im Alter von 51 Jahren an Corona gestorben. Das drückt im Land gewaltig auf die Stimmung – auch ohne Lockdown.