Frühpension mit 52: Auf ihre luxuriösen Sonderrenten müssen Frankreichs «Bähnler» wohl bald verzichten

Spezielle Sonderregelungen ermöglichen vielen Franzosen luxuriöse Frührenten. Ohne Reform droht dem System der Kollaps.

Stefan Brändle aus Paris
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Generalstreik – auch am Pariser Gare du Nord.

Generalstreik – auch am Pariser Gare du Nord.

Bild: EPA (9. Dezember 2019)

Zehntausende demonstrierten gestern in Frankreich erneut gegen die Rentenreform, die Emmanuel Macron heute präsentieren will. Der Hauptpunkt der Reform ist bereits bekannt: Die Vorzugsrenten von 42 Berufsgattungen sollen in die allgemeine Rentenkasse überführt werden. Das bedeutet das Ende der «régimes spéciaux». Besonders betroffen sind davon die Eisenbahner, die zwei «historische» Vorrechte verlieren.

Zum einen das Rentenalter: Lokführer gehen mit 52, Kontrolleure ab 57 Jahren in Pension. Zum Vergleich: Das Rentenalter liegt in Frankreich bei 62 Jahren. Zum anderen die Rentenhöhe: Sie liegt bei der französischen Bahn SNCF im Schnitt bei 2636 Euro im Monat, gegenüber 1472 Euro für die übrigen Franzosen. Letztere zahlen mit ihren Steuern zusätzlich mehr als die Hälfte der SNCF-Pensionen.

Ein wichtiger Grund für die hohen SNCF-Pensionen ist die Berechnungsweise: Ausschlaggebend sind die letzten sechs Monate vor der Pensionierung. Häufig werden die Betroffenen in dieser Zeit aus purer Gefälligkeit noch kurz befördert. In der Privatwirtschaft werden die Renten hingegen aufgrund der 25 «besten» Jahre berechnet.

Diese Diskrepanz will Macron nun mit einem in Europa verbreiteten Punktesystem aus der Welt schaffen. Alle Pensionierten sollen für jeden ein­bezahlten Euro den gleichen Gegenwert erhalten. Die Nutzniesser der «régimes spéciaux», zu denen neben den Eisenbahnern auch Beamte, Lehrer, ­Elektrizitäts- und Spitalangestellte sowie Anwälte, Matrosen und Operntänzerinnen gehö- ren, sind vehement dagegen. Denn sie haben dabei am ­meisten zu verlieren.

Bauern würden gewinnen, Familien verlieren

Wie so oft in Frankreich lehnen in den Umfragen auch viele ­Bezüger normaler Renten die Reform ab. Sie befürchten indirekte Nachteile. Denn auch sie stehen im europäischen Vergleich noch immer sehr gut da.

Sowohl ihr gesetzliches (62) wie auch ihr reales Rentenalter (61,4) liegt mehrere Jahre unter dem europäischen Schnitt. Die Pensionen hingegen liegen in Frankreich weit über dem europäischen Schnitt: Sie betragen 71 Prozent des früheren Einkommens. In Deutschland sind es 50 Prozent. Das geht ins Geld, vor allem, weil Franzosen nach ihrer Pensionierung im Schnitt noch 22,7 Jahre leben – deutlich länger als andere Europäer.

All diese Zahlen weichen je nach Statistik voneinander ab. Der Befund bleibt aber der ­gleiche: Die Mehrheit der Franzosen würde mit der Reform ­finanziell verlieren. Es sei denn, das Rentenalter von derzeit 62 wird angehoben – doch das hat Macron ausgeschlossen.

Der Präsident beteuert auch, dass die Pensionen in dem ­neuen Punktesystem nicht ­sinken würden. Die Gewerkschaften stellen das rundum in Abrede: Ihrer Meinung nach wird die ­Lebensarbeitszeit für eine volle Rente über kurz oder lang erhöht werden. Experten glauben, dass die Reform neben wenigen Gewinnern – etwa den Bauern – zahlreiche Verlierer schaffen wird: Kleinbeamte, berufstätige Frauen und Familien mit mehreren Kindern.

Die Gewerkschaften befürchten, die Reform führe ­generell zu einer «Nivellierung nach unten». Die Renten nach oben an die SNCF-Pensionen anzupassen, würde das Sys- tem allerdings vollends aus den Fugen heben. Ohne Reform würde das Rentendefizit Frankreichs bis 2025 über 17 Milliarden Euro erreichen.