STUDIE: Städte der Gewalt

Das renommierte Strategie-Institut IISS sieht kein nahendes Ende des Bürgerkriegs in Syrien. Weltweit beobachtet das IISS die Verlagerung bewaffneter Konflikte in Städte.

Sebastian Borger, London
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Zerstörung in Mossul: Konflikte verlagern sich IISS-Experten zufolge zunehmend in Städte. (Bild: Zohra Bensemra/Reuters (Mossul, 10. März 2017))

Zerstörung in Mossul: Konflikte verlagern sich IISS-Experten zufolge zunehmend in Städte. (Bild: Zohra Bensemra/Reuters (Mossul, 10. März 2017))

Sebastian Borger, London

Der syrische Bürgerkrieg hat sich im vergangenen Jahr zunehmend in eine Vielzahl von Einzelkonflikten aufgespalten und dürfte noch mehrere Jahre anhalten. Von einem geschlossenen Staat Syrien könne man «kaum noch sprechen», fasste gestern Emile Hokayem vom Strategie-Institut IISS bei der Vorstellung des Jahrbuchs «Armed Conflict Survey» (ACS) in London zusammen.

Die meisten Konfliktparteien agierten als Stellvertreter für die Interessen der beteiligten Regional- und Grossmächte, Einflusszonen voneinander abzugrenzen, sei zunehmend schwierig. Präsident Baschar al-Assads Idee, die Kontrolle über das gesamte Staatsgebiet wiederzugewinnen, sei im vergangenen Jahr «zwar nicht wahrscheinlich, aber doch ein wenig plausibler» geworden, sagte Hokayem.

Das Blutvergiessen in Syrien führte auch 2016 die Statistik der weltweiten Kriege an. Nach den betont konservativen IISS-Schätzungen kamen dort rund 50 000 Menschen ums Leben, knapp ein Drittel der weltweiten Opferzahl von 157000, die zum zweiten Mal hintereinander leicht rückläufig war. Als Trend machten die IISS-Experten um ACS-Herausgeberin Anastasia Woronkowa die Verlagerung bewaffneter Konflikte in städtische Gebiete aus. Seien Aufständische früher meist in Bergen, Wäldern oder im Dschungel anzutreffen gewesen, «kämpfen er oder sie mittlerweile genauso oft in den Städten», sagte IISS-Direktor John Chipman. Derselbe Trend lässt sich bei Kriegsflüchtlingen beobachten, weshalb die Verlagerung der Kämpfe in die Städte für Zivilisten oft verheerende Folgen habe.

Islamischer Staat im Jahr 2016 verlustreich

In Syrien und im Irak verlor die Terrortruppe Islamischer Staat (IS) 2016 etwa ein Viertel des von ihr kontrollierten Gebietes. Zudem ist die Zahl der IS-Kämpfer einer Schätzung des US-Aussenministeriums zufolge binnen zwei Jahren von 31000 auf 12000 gefallen. Im Süden Syriens hätten örtliche Milizen, unterstützt von Jordanien und den USA, in den vergangenen Wochen den IS aus der Wüste vertrieben, so Hokayem. Allerdings würden die Milizen seit einigen Tagen von Truppen Assads angegriffen, was dem IS eine Atempause verschafft habe.

Die Lage im syrischen Norden sei, wenn möglich, noch komplizierter. Dort stosse «kurdische Hybris auf arabische Arroganz». Hokayem warnte insbesondere vor den Slogans optimistischer Kurden, sie wollten ihr Einflussgebiet bis ans Mittelmeer vergrössern. «Das würde von der Türkei als existenzielle Bedrohung wahrgenommen.»

Dem Konfliktlösungsversuch unter russischer Ägide – nach der kasachischen Hauptstadt Astana-Prozess genannt – sowie der UNO-Konferenz in Genf gibt Hokayem kaum Chancen auf Erfolg. Der syrische Bürgerkrieg droht sich nach IISS-Meinung einzureihen in die Gruppe scheinbar endloser Kriege, zu der etwa auch die kurdischen Autonomiebestrebungen in der Türkei, die Konflikte in Mali und in der Ukraine gehören. Die Weltöffentlichkeit solle sie nicht als «eingefrorene», sondern eher als «siedende Konflikte» wahrnehmen, warnt Woronkowa: «Die Gewalt kann jederzeit wieder eskalieren.»

Drogenkrieg in Mexiko fordert immer mehr Opfer

In der Rangordnung der 36 erfassten Konflikte nimmt der Drogenkrieg in Mexiko den zweiten Platz ein, gemessen an der Zahl der Opfer. Zwar sei es, so das IISS, der Regierung gelungen, die unmittelbare Bedrohung des Staatswesens durch die Drogenkartelle abzuwenden.

Im vergangenen Jahr nahm die Gewalt gerade in jenen Gebieten zu, wo die kriminellen Banden um Einfluss kämpfen. In 22 der insgesamt 32 mexikanischen Bundesstaaten stieg die Zahl der Ermordungen. Die Gesamtzahl von 23000 Todesopfern sei umso bemerkenswerter, so Chipman, als in diesem Konflikt nicht wie anderswo «Artillerie, Panzer und Kampfjets» eingesetzt werden.