SÜDKOREA: Wahl zwischen den Fronten

Im Schatten des Korruptionsskandals um Ex-Präsidentin Park Geun Hye wählen die Südkoreaner am 9. Mai einen neuen Präsidenten. Der Wahlkampf inmitten des schwelenden Korea-Konflikts löst Ängste vor dem atomar bewaffneten Nachbarn aus.

Angela Köhler, Tokio
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Als Favorit geht der linksliberale Moon Jae In ins Rennen. (Bild: Kim Hong-Ji/Reuters (Goyang, 4. Mai 2017))

Als Favorit geht der linksliberale Moon Jae In ins Rennen. (Bild: Kim Hong-Ji/Reuters (Goyang, 4. Mai 2017))

Angela Köhler, Tokio

Hyun Jae Gyun kann sich kaum einkriegen. «Haut ab mit eurem Teufelszeug!», schreit der Rentner. Ein paar Dutzend Menschen applaudieren und skandieren ebenfalls «Haut ab!». Begeisterung sieht anders aus. Es sind Anwohner eines verlassenen Golfplatzes der Stadt Seongju in der südkoreanischen Agrarprovinz. Die ursprünglich noble Sportanlage gehörte einst zum Skyhill Country Club des riesigen Lebensmittelkonzerns Lotte. Bis die Regierung in der Hauptstadt Seoul im Juli vor einem Jahr beschloss, dass auf diesem Gelände das US-Raketenabwehrsystem Thaad gebaut werden soll.

Bis zur Wahl des neuen Staatsoberhauptes am 9. Mai soll Thaad voll funktionstüchtig sein. Für die meisten der gut 50'000 Bewohner ist das alles andere als ein Grund zur Freude. Gerüchte machen die Runde, der extreme Radar gefährde ihre Gesundheit. Viele fürchten, dass ihre Stadt damit zur Zielscheibe eines nord­koreanischen Angriffs werden könnte.

Diese konkrete Angst beschreibt ein unterschwelliges Gefühl, mit dem die etwa 50 Millionen Südkoreaner seit Jahrzehnten leben und das sie am kommenden Dienstag auch zur Wahlurne begleiten wird. Die Hälfte der Bevölkerung lebt innerhalb eines Radius von 75 Kilometern von der demilitarisierten Zone entfernt. Die Hauptstadt Seoul mit ihren mehr als zehn Millionen Einwohnern liegt im Artilleriebereich von schätzungsweise 25'000 nordkoreanischen Geschützen.

Wer mit Seoulern über das heikle Thema unmittelbare Kriegsgefahr spricht, erntet oft verbissene Gesichter oder nervöses Lachen. «Wir leben doch eigentlich wie der Schinken im Sandwich zwischen den Interessen von Amerika und China», meint die Verkäuferin Lee Su Hyun. Aber es gibt auch Nonchalance wie bei Baumanager Chun Ho Pil. Der 30-Jährige gibt sich gelassen gegenüber dem aktuellen Geschehen. «Ich bin nicht sonderlich beunruhigt», versichert er. So geht es vielen Südkoreanern. Auch die bevorstehende Wahl des Präsidenten Südkoreas scheint nur wenig aufzuregen.

Umfragen suggerieren, dass sich die meisten Südkoreaner mehr für die Wirtschaftspolitik als für die nationale Sicherheit interessieren. In einer neuen Befragung der Zeitung «Dong-a Ilbo» ist nur für 9 Prozent der Wähler interessant, welche Haltung das neue Staatsoberhaupt gegenüber Nordkorea und dessen atomarer Bedrohung einnimmt. Dagegen wünschen sich 45 Prozent eine radikale Reform der Ökonomie und würden nur einen Kandidaten wählen, der ihnen ein Ende der korrupten Vetternwirtschaft in der von Familienclans geführten Grossindustrie verspricht.

Ex-Präsidentin Park sitzt in U-Haft

Das hat viel damit zu tun, warum überhaupt gewählt werden muss. Die aus dem Amt gejagte Staatschefin Park Geun Hye residiert inzwischen nicht mehr im Blauen Haus von Seoul, dem Amtssitz des Präsidenten. Stattdessen sitzt die Luxus und Macht gewohnte Tochter eines früheren Militärdiktators in U-Haft. Ihr werden unter anderem Amtsmissbrauch, Korruption, Veruntreuung und Pflichtverletzung vorgeworfen. Park ist damit nicht nur das erste Staatsoberhaupt Koreas, das des Amtes enthoben wurde. Sie wird wohl auch von einem Gericht rechtskräftig verurteilt werden.

Auch gegen den mächtigen Erben des gigantischen Samsung-Konzerns, Lee Jae Yong, wird wegen Bestechung ermittelt. Beides wird das Land grundlegend verändern, hoffen viele Wähler. Dass die Wahl komplett von den Parlamentswahlen entkoppelt ist und ein Präsidialregime mit nahezu unbeschränkten Vollmachten hervorbringt, finden immer mehr Südkoreaner undemokratisch. Ob die Verfassung entsprechend geändert werden könnte, hängt massgeblich vom bevorstehenden Wahlausgang ab.

Vieles spricht dafür, dass es bei der Wahl ein politisches Erdbeben geben könnte. Die konservative Saenuri-Partei der letzten beiden Staatschefs steht nach dem peinlichen Abgang Parks vor einem Scherbenhaufen. Die grössten Chancen werden dem linksliberalen Kandidaten Moon Jae In von der Minju-Partei eingeräumt. Ihm wird nachgesagt, er werde sich um ein entspanntes Verhältnis zu Nordkorea bemühen und sei sogar zu einem Treffen mit Diktator Kim Jong Un bereit. Doch das hängt auch davon ab, wie Pjöngjang diesen Urnengang begleitet. Bisher waren Wahlen in Südkorea für die Kim-Clique stets ein willkommener Anlass, militärische Stärke zu zeigen. Ein möglicher Atomtest wäre ein schlechter Start für den neuen Präsidenten.