SÜDOSTEUROPA: Katz-und-Maus-Spiel mit Flüchtlingen

Mazedoniens Grenze ist wieder offen. Doch der Flüchtlingsstrom reisst nicht ab. Die jüngste Eskalation in dem kleinen Land ist auch ein Hilferuf an die EU.

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Der Bahnhof der Grenzstadt Gevgelija war hoffnungslos überfüllt (Bild Keystone)

Der Bahnhof der Grenzstadt Gevgelija war hoffnungslos überfüllt (Bild Keystone)

Rudolf Gruber/SDA

Seit Monaten strömen die Flüchtlinge aus den Krisengebieten des Nahen Ostens, Asiens und Afrikas an die nordgriechische Grenze. Die mazedonische Regierung treibt mit ihnen ein Katz-und-Maus-Spiel. Wochenlang liess man sie einfach passieren, stattete sie mit einem Drei-Tage-Visum aus, damit sie das Land so schnell wie möglich mit dem Zug wieder Richtung Serbien verlassen konnten.

Mazedonische Sicherheitskräfte lassen die Flüchtlinge nicht ins Land. Es kommt zu dramatischen Szenen. (Bild: Keystone/AP Photo/Darko Vojinovic)
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Ein verletzter Mann wird notdürftig versorgt. (Bild: Keystone/AP Photo/Darko Vojinovic)
Ein Stein fliegt auf die Polizisten zu. (Bild: Keystone/AP Photo/Darko Vojinovic)
Ein Helikopter patroulliert über der Grenzregion. (Bild: Keystone/Epa/Gregori Licovski)
Sie sind drüben! Jetzt werden sie von Polizeieinheiten bewacht. (Bild: Keystone/Epa/Gregori Licovski)
An den Geleisen der Bahnstation von Idomeni in Nordgriechenland warten auf ihre Chance. (Bild: Keystone/AP Photo/Darko Vojinovic)
Immer mehr Flüchtlinge treffen in Idomeni ein. (Bild: Keystone/AP Photo/Darko Vojinovic)
Zumindest das kleine Mädchen ist zuversichtlich (Bild: Keystone/AP Photo/Darko Vojinovic)

Mazedonische Sicherheitskräfte lassen die Flüchtlinge nicht ins Land. Es kommt zu dramatischen Szenen. (Bild: Keystone/AP Photo/Darko Vojinovic)

Knüppel und Blendgranaten

Vorigen Donnerstag erklärte die Regierung plötzlich den Ausnahmezustand, schloss die Grenzen und schickte Soldaten zur Bewachung. Doch die Flüchtlinge, die Kriegen und Elend entkommen sind, liessen sich nicht aufhalten: Rund 2000 von ihnen stürmten am vergangenen Samstag los, überrannten den Kordon aus 200 Soldaten und Polizisten samt Stacheldrahtrollen (wir berichteten). Die Soldaten droschen mit Knüppeln auf die Flüchtlinge ein und warfen Blendgranaten. Es gab Dutzende Verletzte.

Tausende warten auf Zug und Bus

Gestern wurde die Grenze wieder geöffnet. Es war wie zuvor, die Flüchtlinge trauten ihren Augen und Ohren nicht: «Alles wirkte wieder sehr friedlich, Polizisten begrüssten uns mit: Willkommen in Mazedonien!», erzählt der syrische Flüchtling Abdullah Bilal der Agentur Reuters. Laut Polizeiangaben stellten die mazedonischen Behörden 5000 Flüchtlingen Papiere aus und schickten sie weiter zum Grenzbahnhof Gevgelija, wo Züge nach Belgrad auf sie warteten. Diesmal hat die mazedonische Bahn Züge aus dem ganzen Land zusammengezogen, damit es nicht wieder zu lebensgefährlichen Keilereien kam wie in den Tagen zuvor.

Auch Busse wurden zur Verfügung gestellt, mit denen ein Teil der Flüchtlinge bis wenigstens an die serbische Grenze kam. Serbien erwarte weitere 5000 Flüchtlinge «in den nächsten zwei, drei Tagen», sagte Verteidigungsminister Bratislav Gasic, der gestern die Grenzregion besuchte, der Agentur Tanjug. Dort, im Grenzdorf Miratovci, kommen sie in ein Aufnahmelager, das sie mit dem Nötigsten versorgt, bevor sie Papiere für die Weiterreise über Ungarn Richtung Deutschland und Skandinavien bekommen. Am Nachmittag hiess es wieder von mazedonischer Seite, die Grenze werde wieder geschlossen, bis der völlig von Flüchtlingen belagerte Bahnhof in Gevgelija wieder entlastet sei. Man wolle jetzt einen Korridor errichten, um sie nach Feststellung der Personalien kontrolliert über die Grenze zu schleusen. «Sonst droht eine humanitäre Katastrophe», so ein Polizeisprecher.

Neuralgische Lage an Balkanroute

Auf den ersten Blick ist es ein unwürdiges Spiel, das die mazedonische Regierung auf dem Rücken der Flüchtlinge austrägt. Bei näherem Hinsehen blieb ihr kaum eine Wahl, als mit dem Ausnahmezustand die Notbremse zu ziehen und Gewaltszenen in Kauf zu nehmen, um die EU-Staaten aufzurütteln. Spätestens seit dem Wochenende ist klar, dass das kleine Balkanland, das zwei Millionen Einwohner zählt und halb so gross ist wie die Schweiz, unmöglich alleine mit dem permanenten Flüchtlingsstrom fertig werden kann. Geld allein – Mazedonien erhielt für diesen Zweck rund 1,8 Millionen Euro Hilfe – reicht nicht. Zudem liegt das Land an neuralgischer Stelle auf der Balkanroute zwischen der Türkei und der EU, die für die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge das ersehnte Ziel ist.

Seit Januar sind es 170 000, und die griechischen Fähren bringen täglich Hunderte neue Menschen, die auf der Flucht nach Europa sind. Allein Deutschland rechnet bis Jahresende mit 800 000.Die Entscheidung über eine Aufteilungsquote für Flüchtlinge unter den 28 EU-Staaten lässt sich kaum noch auf­schieben. Denn die Gewaltszenen vom Wochenende an der griechisch-mazedonischen Grenze dürften nur ein Vorspiel dessen sein, was sich demnächst an der serbisch-ungarischen Grenze abspielen könnte, nachdem die Balkanroute wieder offen ist.

Bürgerwehren in Ungarn

Ungarns Premier Viktor Orbán lässt nicht nur einen 3,5 Meter hohen Eisenzaun mit Stacheldrahtkrone bauen, sondern will auch demnächst Sonderpolizei-Einheiten stationieren. Deren Aufgabe ist es, Flüchtlinge aufzugreifen und zu verhaften, sollten sie illegal die Grenze passieren. Auch stehen in den Grenzgemeinden unter Anfeuerung von Bürgermeistern und Lokalpolitikern, die der rechtsextremen Partei Jobbik angehören, sogenannte «Bürgerwehren» bereit, die von der Budapester Regierung stillschweigend geduldet werden. Vertreter von Menschenrechtsorganisationen sprechen von «staatlich organisierter Menschenjagd».

Ausweichrouten im Visier

Die EU schweigt dazu. Man sei zwar gegen Grenzzaun und Grenzjäger, aber man werde sich in die ungarische Asylpolitik nicht einmischen, heisst es in Brüssel. Doch wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Grenzsperren, Polizisten und Soldaten den Flüchtlingsstrom nicht zu stoppen vermögen, dann hätte ihn Mazedonien am Wochenende geliefert. Die Flüchtlingsmassen werden ihre Ausweichrouten finden, wenn nicht über Ungarn, so über Bulgarien, Rumänien, Kroatien und Slowenien.

Auch Bulgarien baut Grenzzaun

Auch das im Osten an Mazedonien angrenzende EU-Land Bulgarien verschärfte am Wochenende mit zusätzlichen Helikoptern und Grenzpolizisten die Bewachung seiner Grenzen. Um die illegale Einreise von Flüchtlingen über die türkische Grenze zu stoppen, baut Bulgarien einen bereits existierenden, etwa 30 Kilometer langen Grenzzaun zur Türkei weiter aus.