SÜDSUDAN: Im jüngsten Staat der Welt herrscht Chaos

Im Südsudan herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Hilfsorganisationen schlagen Alarm, das Land bewege sich auf eine humanitäre Krise zu. Martina Santschi von der Friedensstiftung Swiss­peace zur aktuellen Lage.

Interview Andrée Stössel
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Südsudanesische Zivilisten durchqueren bei ihrer Flucht aus Bor einen Fluss. Das Bild wurde Anfang März aufgenommen. (Bild: EPA/Jm Lopez)

Südsudanesische Zivilisten durchqueren bei ihrer Flucht aus Bor einen Fluss. Das Bild wurde Anfang März aufgenommen. (Bild: EPA/Jm Lopez)

Jahrzehntelang herrschte zwischen dem Norden und dem Süden des Sudans Krieg. Dann, nach einer sechsjährigen Übergangsphase, gab die sudanesische Regierung den südlichen Teil des Landes frei: Am 9. Juli 2011 erlangte die Republik Südsudan die Unabhängigkeit vom Sudan. Doch nun, knapp drei Jahre später, droht die junge Republik erneut im Chaos zu versinken. Seit Dezember letzten Jahres herrschen in dem Land im östlichen Zentralafrika bürgerkriegsähnliche Zustände. Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Soldaten, Rebellen und verschiedenen Bevölkerungsgruppen forderten seit Dezember rund 10 000 Opfer. Mehr als eine Million Menschen sind geflüchtet.

Martina Santschi, warum starben in den letzten Monaten im Südsudan so viele Menschen bei Kämpfen?

Martina Santschi*: Der aktuelle Konflikt hat seinen Ursprung in einem politischen Machtkampf zwischen Südsudans Präsident Salva Kiir, seinem entlassenen Stellvertreter Riek Machar und anderen hochrangigen Politkern. Diese wollten Kiir den Vorsitz der wichtigsten Regierungspartei – der ehemaligen Widerstandsbewegung Sudan People’s Liberation Movement SPLM – streitig machen und waren über die zukünftige Ausrichtung der Partei uneins mit ihm. Doch die ursprünglich politische Krise hat mittlerweile eine ethnische Komponente erhalten.

Wie ist das zu verstehen?

Santschi: Die Ethnienzugehörigkeit der beiden Widersacher spielt im Konflikt eine Rolle. Kiir gehört der grössten Volksgruppe im Südsudan, den Dinka an, Machar der zweitgrössten Gruppe, den Nuer. Mitte Dezember kam es in der Folge der parteiinternen Auseinandersetzungen zu bewaffneten Konfrontationen zwischen Sicherheitskräften der Dinka und der Nuer. Zudem gab es gezielte Übergriffen auf Nuer-Zivilisten in der Hauptstadt Juba. Ein Teil der Nuer verstand dies als Angriff auf ihre Volksgruppe. Seither ist es immer wieder zu Angriffen und Racheakten auf Zivilisten beider Ethnien gekommen. Es ist ein Teufelskreis, die Situation aufgeheizt. Aber die Loyalität folgt nicht nur ethnischen Grenzen: Viele Nuer unterstützen nach wie vor die Regierung, und unter den Regierungskritikern befinden sich auch Dinka.

Man müsste meinen, dass eine so junge Nation aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Dass sie nach der Loslösung vom Sudan alles daransetzen würde, eigenständig, stabil und vor allem friedlich in die Zukunft zu gehen.

Santschi: In der Tat habe ich die Menschen bei vergangenen Besuchen sehr zuversichtlich erlebt. Man feierte den Unabhängigkeitstag, und es herrschte eine Atmosphäre der Hoffnung und der Freude. Doch das ist nun sicher anders.

Aus dem Politkonflikt ist eine Art Bürgerkrieg gewachsen. Hilfsorganisationen, darunter Caritas Schweiz und Worldvision, sprechen von Kriegsverbrechen. Zivilisten werden ermordet, und selbst UNO-Missionen wurden angegriffen. Wer sind die Aufständischen, und welche Ziele verfolgen sie?

Santschi: Die Aufständischen sind nicht geeint, was die Ziele angeht. Die Gruppe nennt sich SPML/A in Opposition und besteht aus ehemaligen Soldaten, die von verschiedenen Kommandanten angeführt werden, und aus Milizen. Sie sind keiner Kommandostruktur unterstellt. Neben den politischen Ambitionen der Anführer kämpfen Milizen oft wegen lokaler Dispute, beispielsweise wegen Landkonflikten. Die Übergriffe gegen Nuer in Juba sind wohl ebenfalls ein wichtiger Grund, weshalb viele Nuer sich Machar angeschlossen haben. Der ehemalige Vizepräsident Machar hatte sich selber zum Anführer der Aufständischen ernannt, nachdem Präsident Kiir ihm nach den ersten bewaffneten Auseinandersetzungen im Dezember öffentlich vorgeworfen hatte, er habe die Regierung zu stürzen versucht.

Wie gehen die Rebellen vor?

Santschi: Sie wollen Städte und Verwaltungszentren sowie Erdölförderanlagen unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie haben ein Interesse daran, die ökonomisch wichtigen Gebiete zu destabilisieren, um so Druck auf die Regierung in Juba auszuüben. Bei Angriffen auf Städte haben sie Läden, Wohnhäuser und Verwaltungsgebäude geplündert und niedergebrannt und Zivilisten getötet. Auch Regierungssoldaten verübten Gräueltaten gegen Zivilisten. Viele der aufständischen Soldaten haben ihre Waffen mitgenommen, als sie desertierten, oder sie erobern Waffen im Kampf. Bisher scheinen die Rebellen keine Unterstützung aus dem Ausland zu erhalten und sind so abhängig von Plünderungen und freiwilligen Nahrungsmittelabgaben.

Woher kommt die Gewaltbereitschaft?

Santschi: Viele Menschen im Südsudan sind in Kriegszeiten aufgewachsen. Die einzigen kriegsfreien Perioden seit 1956, dem Ende der Kolonialzeit, waren von 1972 bis 1983 und von 2005 bis 2011, als der Südsudan als autonome Region innerhalb des Sudans geführt wurde. Gewalt wurde immer wieder genutzt, um Konflikte aller Art zu lösen. Es gab zudem schon früher Auseinandersetzungen und Spannungen zwischen den verschiedenen Ethnien. So kam es beispielsweise 1991 zu einem Massaker in Bor (siehe Karte), wo etwa 2000 Dinkas durch Nuer-Milizen getötet wurden, und in der Folge zu Racheakten.

Seit Dezember wurden über eine Million Menschen aus ihren Dörfern vertrieben. Wo sind diese Menschen jetzt, und wie geht es ihnen?

Santschi: Die heftigsten Auseinandersetzen sind zurzeit auf die drei Gliedstaaten Unity, Jonglei und Upper Nile begrenzt. Die UNO geht von 900 000 Vertriebenen aus, die sich innerhalb der Landesgrenzen in Sicherheit bringen. Sie befinden sich zum Beispiel in einem Lager in Lakes State, wo rund 85 000 Vertriebene aus Jonglei von Hilfsorganisationen unterstützt werden. Tausende suchen Zuflucht bei den UNO-Missionen. Rund 300 000 weitere Menschen sind in die Nachbarländer geflüchtet, nach Uganda, Äthiopien, Kenia oder in den Sudan, wo es Flüchtlingslager gibt. Aufgrund der früheren Kriege leben auch immer noch Exil-Südsudanesen im Ausland, die ihre Verwandten jetzt aufnehmen.

Hilfsorganisationen schlagen Alarm, das Land bewege sich auf eine humanitäre Krise zu. Das Kinderhilfswerk Unicef warnte vor kurzem, dass bis Ende Jahr 50 000 Kindern der Hungertod drohe.

Santschi: Viele Menschen im Südsudan leben als Bauern und Viehzüchter und sind Selbstversorger. Bei den Kämpfen haben viele Hab und Gut verloren. Zudem ist der Beginn der Regenzeit im März/April auch der Beginn der Pflanzzeit. Die Vertriebenen können nicht auf ihre Felder, was zu einem Ernteausfall im Herbst führen wird. Die UNO rechnet damit, dass bereits im Juni mehr als 3 Millionen Menschen Unterstützung brauchen werden.

Welche Rolle spielt der Sudan im aktuellen Konflikt?

Santschi: Der sudanesische Staatschef Umar Hasan Ahmad al Baschir erkannte das Unabhängigkeitsreferendum von 2011 an, wenn auch ungern. Seit Mitte letzten Jahres hat sich die Beziehung zwischen den beiden Regierungen verbessert, und die sudanesische Regierung hat sich in Bezug auf den aktuellen Konflikt auf die Seite der südsudanesischen Regierung gestellt. Der Sudan hat nach wie vor ökonomische Interessen am Südsudan. Er will sicherstellen, dass der Transport des südsudanesischen Öls weiterhin über sein Gebiet abläuft. Eine gewisse Stabilität ist deshalb auch im Sinne der Regierung in Karthum. Allerdings ist die sudanesische Regierung nicht erfreut darüber, dass die ugandische Armee und sudanesische Rebellen auf der Seite der südsudanesischen Armee kämpfen. Dieser Umstand könnte die sudanesische Regierung dazu bringen, künftig die Rebellen zu unterstützen.

Was tut die internationale Gemeinschaft für den Frieden im Südsudan?

Santschi: Die regionale Organisation Igad leitet die Friedensverhandlungen zwischen Regierung und Rebellen. Äthiopien, Kenia und der Sudan unterstützen die Verhandlungen in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Die EU, die USA und auch der UNO-Sicherheitsrat haben mit Sanktionen gedroht und üben politischen Druck auf Regierung und Rebellen aus. Die internationale Gemeinschaft spielt auch bei der humanitären Versorgung der Vertriebenen und Flüchtlinge eine Rolle.

Was hat die Friedenskonferenz in Addis Abeba gebracht?

Santschi: Man hat zwar verschiedene Gruppen an einen Tisch gebracht und ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Doch die Vereinbarungen wurden nicht eingehalten. Es ist zu hoffen, dass die Konfliktparteien die bewaffneten Auseinandersetzungen einstellen und sich auf ein Friedensabkommen einigen können. So, dass sich die Lage der betroffenen Bevölkerung im Südsudan schnellstmöglich verbessert.

*Martina Santschi (37) ist Programmverantwortliche für den Südsudan bei der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace. Sie hat von 2007 bis 2010 im Südsudan geforscht und eine Dissertation zu lokaler Governanz verfasst.

Swisspeace

Swisspeace ist ein unabhängiges, praxisorientiertes Institut der Friedensforschung und -förderung mit Sitz in Bern. Ihr Ziel ist die friedliche und nachhaltige Beilegung von bewaffneten Konflikten. Das Horn von Afrika ist seit jeher ein geografischer Schwerpunkt von Swisspeace. Unter anderem untersucht Swisspeace im Südsudan Staatsbildungsprozesse auf lokaler Ebene und die Rolle von traditionellen Autoritäten. www.swisspeace.ch