Flugzeugabsturz im Iran: Super-GAU für die Mullahs

Der Flugzeugabschuss bei Teheran schwächt die iranische Führung massiv. Studenten fordern Khameneis Rücktritt.

Michael Wrase aus Limassol
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Studenten trauern vor der Amir-Kabir-Universität in Teheran um die Opfer des Flugzeugabsturzes.

Studenten trauern vor der Amir-Kabir-Universität in Teheran um die Opfer des Flugzeugabsturzes.

Bild: Ebrahim Noroozi/AP (11. Januar 2020)

Revolutionsführer Ali Khamenei war ausser sich vor Wut, als ihm General Ismail Ghaani am Donnerstagabend die Wahrheit beichtete. 24 Stunden lang hatte der Nachfolger des von den USA getöteten Kommandanten der Al-Kuds-Brigaden den höchsten iranischen Geistlichen in dem Irrglauben gelassen, die ukrainische Boeing 737 sei auf Grund eines technischen Versagens abgestürzt. Nach dem Vertrauensbruch ging es dann ganz schnell: Am Freitagmorgen tagte der nationale iranische Sicherheitsrat unter der Führung Khameneis, der den Revolutionsgardisten und der Staatsführung 24 Stunden Zeit für ein öffentliches Schuldeingeständnis gab.

Khamenei wusste, welch verheerende Folgen fortgesetztes Leugnen angesichts der erdrückenden Beweislast für sein Land haben würde. Drei Tage hatte die Islamische Republik den Tod von General Soleimani beweint, mit perfekt inszenierten Massenprozessionen versucht, die nationale Eintracht nach den blutigen Novemberunruhen wiederherzustellen. Den Tod von 80 oder mehr iranischen Staatsbürgern beim Abschuss von Flug PS752, unter ihnen viele Studenten, wollten die Militärs dagegen als tragischen Unglücksfall bagatellisieren und möglichst rasch wieder zur Tagesordnung übergehen.

Bemerkenswertes Schuldeingeständnis

Dass die iranische Führung sowie die lange Zeit unantastbaren Revolutionsgardisten ihr katastrophales Versagen ohne «Wenn und Aber» einräumten, ist bemerkenswert. «Ein derart schonungsloses Mea Culpa hatten wir nicht erwartet», kommentierten EU-Diplomaten in Teheran nach dem Fernsehauftritt von Amir Ali Hadschisadeh. Tief betroffen hatte der Kommandant der Luft- und Weltraumabteilung der Revolutionsgardisten erklärt, er hätte sich, nachdem er vom Vorfall erfahren habe, gewünscht «lieber tot zu sein, statt Zeuge dieser Tragödie».

Doch die Reue kommt zu spät. Spätestens als die «New York Times» am Donnerstagabend das entlarvende Video vom Abschuss der ukrainischen Maschine veröffentlichte, hätte die iranische Führung mit der Wahrheit herausrücken müssen. Stattdessen blieb sie bei ihrer grotesken Behauptung, wonach ein «versehentlicher Abschuss sowohl technisch als auch wissenschaftlich absurd sei».

Derart schamlose Lügen sind für die iranische Bevölkerung unverzeihlich. Nur wenige Stunden nach dem Schuldeingeständnis hatten iranische Studenten in den sozialen Medien zu einer Gedenkfeier für «unsere getöteten Kommilitonen» vor der Amir-Kabir-Universität im Zentrum von Teheran ausgerufen. Es kamen knapp 2000 Menschen. In wütenden Sprechchören forderten sie den «Tod der Lügner» sowie den Rücktritt Khameneis. «Niemals werde ich der Regierung dieses Verbrechen vergeben», empörte sich ein iranischer User auf Twitter. Aus Protest gegen das islamische Regime hatten viele Studentinnen ihr Kopftuch abgenommen. Einige von ihnen rissen Poster des bei einem US-Drohnenangriff vor gut einer Woche getöteten Generals Soleimani von den Wänden.

Zu grösseren Ausschreitungen kam es nicht. Für drei Stunden verhaftet wurde lediglich der britische Botschafter in Teheran, Rob Macaire, der an der friedlichen Studentenkundgebung teilgenommen hatte. Er wurde von den Behörden beschuldigt, «zu den Protesten angestiftet zu haben».

Mittelschicht auf der Strasse

Auch wenn es nur wenige Tausend Iraner waren, die am Samstag auf die Strassen gingen, muss das Regime die Proteste ernst nehmen. Denn es waren Angehörige der im Iran noch immer sehr breiten Mittelschicht, die ihrem Unmut Luft machten. An den von der Arbeiterklasse getragenen Benzinunruhen im November hatten sie nicht teilgenommen. Die iranische Mittelschicht war es auch, die während der «grünen Revolution» im Juni 2009 Millionen von Menschen auf die Strassen von Teheran brachte, um gegen den massiven Betrug nach der Wahl des damaligen Staatspräsidenten Ahmadinedschad zu protestieren.

Trump stellt sich auf die Seite des iranischen Volkes

76 Menschen kamen bei der Niederschlagung der Proteste damals ums Leben. Bei den Benzinunruhen im November letzten Jahres sollen Irans Sicherheitskräfte fast 1000 Menschen erschossen haben. Vor erneuten Massakern hatte am Wochenende auch US-Präsident Donald Trump gewarnt und sich demonstrativ an die «Seite des leidenden iranischen Volkes» gestellt.«Ich war seit dem Beginn meiner Präsidentschaft auf eurer Seite», twitterte Trump. Dass er mit seiner Solidaritätsbekundung der Protestbewegung im Iran einen Gefallen getan hat, ist wenig wahrscheinlich.