Superreiche sollen Deutschland aus der Krise helfen – bis jetzt müssen sie nicht mal Vermögenssteuern bezahlen

Die Coronapandemie wird so teuer wie die Wiedervereinigung. Doch eine Reichen-Abgabe birgt grosse Risiken.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Deutschlands Reiche sollen dem Land aus der Krise helfen. Im Hintergrund: der Bankendistrikt in Frankfurt am Main. (Bild: Keystone)

Deutschlands Reiche sollen dem Land aus der Krise helfen. Im Hintergrund: der Bankendistrikt in Frankfurt am Main. (Bild: Keystone)

1,8 Billionen (also 1800 Milliarden) Euro lässt sich Deutschland das Hilfspaket zur Bewältigung der Coronakrise kosten. Das ist etwa so viel, wie die deutsche Wiedervereinigung vor 30 Jahren gekostet hatte, wie das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» vorrechnet. Ob die enorme Summe ausreichen wird, um die Krise zu bewältigen, ist dabei nicht einmal sicher.

Deshalb will SPD-Chefin Saskia Esken zur Bewältigung der Coronakrise nun die Superreichen zur Kasse bitten. «Wir werden eine faire Lastenverteilung brauchen – und die kann für die SPD nur so aussehen, dass sich die starken Schultern in Deutschland auch stark beteiligen», sagte sie in einem Interview mit der «Stuttgarter Zeitung». Sie halte eine «einmalige Vermögensabgabe» für eine der Möglichkeiten, «die Staatsfinanzen nach der Krise wieder in Ordnung zu bringen».

Eskens Vorpreschen stösst bei den Regierungspartnern auf Kritik. CDU-Politiker Jan-Marco Luczak unterstellte der SPD in einem Tweet, «alte ideologische Ideen auf Kosten des Mittelstandes» durchsetzen zu wollen. Auch der Fraktionsvize der oppositionellen FDP, Michael Theurer, warf Esken vor, mitten in der Krise eine «Steuererhöhungs- und Neiddebatte» anzuzetteln.

Der «Spiegel» und die «Süddeutsche Zeitung» haben Eskens Vorschlag allerdings mit einigem Wohlwollen aufgegriffen. Die Superreichen einmalig an den Kosten der Krise zu beteiligen, sei prüfenswert.

45 Familien besitzen so viel wie die ärmere Hälfte

Der «Spiegel» rechnet vor, dass die 45 reichsten Haushalte in Deutschland so viel besitzen wie die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung. Rund zwei Drittel des Nettovermögens ballt sich bei den oberen zehn Prozent.

Doch Wirtschaftsexperten warnen davor, die Vermögenden zu stark zu belasten – obwohl die Vermögenssteuer in Deutschland Ende der 1990er-Jahre abgeschafft wurde. In Deutschland dominierte der gehobene Mittelstand die Wirtschaftsstruktur. Zahlreiche Familienunternehmen gehörten zu den Weltmarktführern in ihrer Nische und schafften viele Arbeitsplätze, sagt Stefan Bach, Steuerexperte vom Institut für Wirtschaftsforschung. Diese Unternehmen seien oft nicht an der Börse und würden ihre Investitionen zu grossen Teilen aus ihrem Eigenkapital finanzieren. «Eine Vermögensabgabe, die den gehobenen Mittelstand stark trifft, gefährdet deren Finanzierungskraft und damit die Investitionen», folgert der Experte im Gespräch mit dem «Spiegel». Das bedrohe Arbeitsplätze, dem Staat würden Milliarden an Steuereinnahmen wegbrechen. Bach hält die Idee, Reiche zur Kasse zu bitten, dennoch nicht für abwegig. Nicht nur das Vermögen, sondern auch das Einkommen solle aber berücksichtigt werden.

Wie und wer konkret mit einer Coronaabgabe belastet werden soll, skizzierte Esken nicht. Die Debatte dürfte von den Sozialdemokraten vermutlich noch einmal angeschoben werden, sobald das Ausmass der Krise erkennbar ist.