SWISSCOY: Mitrovica: Im Dienst in der geteilten Stadt

Mitrovica gilt als Brennpunkt der ethnischen Spannungen im Kosovo. Das Schweizer Kontingent hat sich als erste Nation unter den Friedenstruppen entschieden, dort ein Quartier zu beziehen.

Sasa Rasic, Mitrovica
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Die Austerlitz-Brücke, die den serbischen und den albanischen Teil Mitrovicas verbindet, war bis vor wenigen Wochen durch einen Schutthaufen blockiert.

Die Austerlitz-Brücke, die den serbischen und den albanischen Teil Mitrovicas verbindet, war bis vor wenigen Wochen durch einen Schutthaufen blockiert.

Sie ist wohl das offensichtlichste Symbol des Kosovo-Konflikts. Die Austerlitz-Brücke teilt die Stadt Mitrovica de facto in einen kosovo-albanischen und einen kosovo-serbischen Teil. Modern und unspektakulär bietet sie einen Übergang über den Fluss Ibar, doch sobald die Emotionen zwischen Kosovo-Albanern und Kosovo-Serben hochkochen, wird sie zum Ort des Geschehens. Zuletzt ist es vorige Woche nach dem Abbruch des Fussballspiels zwischen Serbien und Albanien vor der Brücke zu Protesten gekommen, die jedoch ohne grössere Zwischenfälle verliefen.

Provokationen und Sticheleien

Die Brücke ist der Schauplatz für regelmässige Provokationen zwischen den Volksgruppen, welche dem aussenstehenden Beobachter unverständlich erscheinen können – wie etwa die Ereignisse dieses Sommers zeigen. Bis vor einigen Wochen wurde die Durchfahrt für Fahrzeuge auf der Brücke durch einen von Serben platzierten Schutthaufen blockiert.

Im Juni wurde der Schutthaufen abtransportiert, um die Bewegungsfreiheit in der Stadt wiederherzustellen. Doch aufgrund sofort aufkommender ethnischer Spannungen hat der serbische Bürgermeister von Nord-Mitrovica am selben Tag die Brücke wieder sperren lassen, indem er persönlich einen kleinen Park mit Rasen und Sträuchern zu pflanzen begann. Ebenfalls angebracht wurde ein Schildchen mit der liebevollen Aufschrift «Peace Park» (Friedenspark).

Nach einer darauffolgenden Demonstration der Kosovo-Albaner südlich der Austerlitz-Brücke haben die Kosovo-Serben als Reaktion nur einige Meter weiter die komplette Strasse quer aufgerissen, um eine Fussgängerzone mit einem historischen Platz – Tzar Lazar Square genannt – zu errichten. Somit wird die Brücke auch nach einer möglichen erneuten Öffnung künftig für Fahrzeuge nicht passierbar sein.

Nach wie vor besteht zwischen Kosovo-Albanern und Kosovo-Serben ein tiefer Graben. Rund 70 Prozent der gut 100 000 Einwohner sind ethnische Albaner.

Pionierleistung der Schweizer

Mittendrin in dieser verzwickten Lage und dem aufgrund der ethnischen Spannungen wahrscheinlich unruhigsten Ort im Kosovo sind die Schweizer Soldaten der Swisscoy. Und mittendrin ist seit einigen Wochen wortwörtlich zu verstehen. Eine Gruppe Schweizer Soldaten arbeitet und lebt in einem Haus in Nord-Mitrovica – nur einige Strassen von der Austerlitz-Brücke entfernt. Damit übernimmt die Swisscoy eine Vorreiterrolle unter den internationalen Friedenstruppen. Die Schweizer sind die Ersten, welche ein Domizil in dem Brennpunkt des Kosovo-Konflikts bezogen haben. Im Fieldhouse Mitrovica sind die hiesigen LMT-Einheiten (Liaison and Monitoring Teams) untergebracht. Sie machen sich in Gesprächen mit Bevölkerung und Behörden ein Bild der aktuellen Situation. Chef der Einheit ist Hauptmann Patrick Masshardt (26) aus Nottwil. «Im Umgang mit der lokalen Bevölkerung merkt man, dass es einen Unterschied macht, wenn wir am gleichen Ort wohnen. Es zeigt, dass wir auch direkt betroffen sind, falls sich die Lage anspannen würde», sagt Masshardt.

Lage bleibt angespannt

Obwohl die ethnischen Spannungen zwischen den Volksgruppen im Kosovo im Allgemeinen zurückgegangen sind, zeigen sie sich am akutesten im Norden des jungen Staates. Die zwei anderen LMT-Einheiten der Swisscoy in den Orten Malisevo und Prizren beschäftigen sich überwiegend mit anderen Problemen. Im mittlerweile praktisch ausschliesslich von Kosovo-Albanern bewohnten Malisevo sind die Hauptthemen vor allem die Armut und das Vorkommen von Zecken, welche das Krim-Kongo-Fieber übertragen können. In der multiethnischen Stadt Prizren im Süden Kosovos sind hingegen Themen wie das Verhältnis zwischen der Bevölkerung und des sich entwickelnden Staates aktuell, unter anderem Missverständnisse mit lokalen Behörden.

Obwohl die Zahl der Zwischenfälle auch im Norden zurückgegangen ist, kommt es immer noch zu ethnisch motivierten Auseinandersetzungen. Die Fronten zwischen Serben und Albanern in Mitrovica bleiben weitgehend verhärtet. Das zeigt sich den LMT-Einheiten auch bei der alltäglichen Arbeit. Als sich unlängst drei Albaner über die Austerlitz-Brücke in den serbischen Norden begeben haben, wurden sie tätlich angegriffen. Als die Swisscoy-Soldaten bei Einheimischen bezüglich des Vorfalls nachgefragt hatten, war der Tenor der serbischen Befragten nur: «Wieso sind die Albaner überhaupt in den Norden gekommen?»

Doch das LMT-Team in Mitrovica hat auch andere Probleme zu lösen. «Bereits mein erster Tag in Mitrovica war ereignisreich», sagt Masshardt. Als er die Gegend erkunden wollte, sah er, dass ein Feuerwehrwagen die Strasse blockierte. Masshardt: «Nachdem ich näher herangegangen war, um herauszufinden, was passiert ist, kamen wie aus dem Nichts Dutzende stämmige Männer hervor.» Doch die Versammlung war nicht ethnisch motiviert – verärgerte Feuerwehrmänner wollten mit der Blockade darauf aufmerksam machen, dass sie seit drei Monaten keinen Lohn mehr ausgezahlt bekommen hatten.

Symbolische Überquerung

Die Überquerung der Austerlitz-Brücke entpuppt sich trotz ihrer Symbolkraft als eher unspektakulär. Die neuen Rasenflächen mit Sitzbänken werden kaum genutzt, die Ibar fliesst ruhig, und kosovarische Polizei-Einheiten sowie italienische Carabinieri halten permanent Wache. Ungewöhnlich wirkt nur, dass im Gegensatz zum Rest der Stadt die Brücke im Zentrum einen fast verlassenen Eindruck macht.

Doch Symbole sind das eine – und die alltäglichen Bedürfnisse der Bevölkerung etwas völlig anderes. Die Austerlitz-Brücke wird von den Einheimischen aufgrund ihrer Ausstrahlung zwar gemieden. Doch die beiden anderen Ibar-Brücken von Mitrovica, welche ebenfalls Nord und Süd verbinden, sind in beide Richtungen gut befahren. Vor allem jener Übergang östlich der Austerlitz-Brücke. Die Kosovo-Serben aus dem Norden fahren hier in den albanisch-besiedelten Süden, um im nahe gelegenen Einkaufszentrum von den günstigeren Produkten zu profitieren.